Lexikon A

Azymenstreit

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Azymenstreit

Azymiten, Schimpfname der Lateiner bei den Griechen seit dem elften Jahrhundert. Leo von Achrida und Michael Cärularius von Konstantinopel erklärten in ihrem Fanatismus die Eucharistie der Lateiner für nichtig, weil sie aus ungesäuertem Brot bestehe, das kraft- und leblos sei; ein Sacellar Constantin trat sogar die konsekrierte Hostie der Lateiner mit Füßen. Denselben Vorwurf erhoben auch die griechischen Polemiker gegen die Armenier. Um 1225 erklärten die griechischen Mönche auf der Insel Zypern die azymitische Eucharistie für nichtig; 13 derselben, die nicht widerrufen wollten, wurden als Ketzer verbrannt, von den Ihrigen aber als Märtyrer verherrlicht (Bibl. PP. Lugd. XXVII, 600; Boll. Aug. I, 156).

Die Lateiner, deren Praxis vollständig gerechtfertigt ist, nannten zwar hie und da die Griechen in ähnlicher Weise Fermentacei (Wibert in vita Leonis IX. bei Watterich, Vit. Rom. Pontt. I, 161), hielten aber daran fest, dass sowohl mit gesäuertem als mit ungesäuertem Brot gültig konsekriert werden könne; so die Kardinäle Humbert (Dial. c. 29) und Petrus Damiani (Exposit. Missae), die Erzbischöfe Dominikus von Grado (Ep. Ad Petrum c. 3) und Anselm von Canterbury (Ep. Ad Walr.).

Der gelehrte Theophylaktus verwarf die exegetischen Ausflüchte der anderen Griechen, gab zu, dass Christus die Eucharistie der gesetzlichen Zeit wegen mit ungesäuertem Brot eingesetzt habe, und suchte nur die byzantinische Praxis mit schwachen Gründen zu rechtfertigen: Christus habe nicht zur Beibehaltung jener Praxis verpflichten wollen und keine materielle Gleichförmigkeit mit dem von ihm verrichteten Akt verlangt (Ep. Ad Nicol. Diac. 518 sq.; Comm. In Matth. 26, 26; in Luc. 22, 7; Opp. I, 145. 465). Die hitzigen Polemiker der Griechen führten noch in vielen Traktaten seit Niketas Stethatus den Kampf fort, nannten die Lateiner Apollinaristen, die durch das tote Ungesäuerte den der vernünftigen Seele beraubten Leib Christi bezeichnen wollten, und verwarfen fortwährend das Opfer der Lateiner.

Papst Leo IX. und Kardinal Humbert erklärten den Gebrauch des Ungesäuerten für einen uralten und apostolischen, und das Konzil von Florenz bestimmt, jede Kirche habe ihren Gebrauch beizubehalten, da sowohl im gesäuerten als im ungesäuerten Brot gültig konsekriert werde; für Lateiner wäre der Gebrauch des ersteren statt des letzteren schwere Sünde. Übrigens geben spätere Griechen zu, dass in der lateinischen Kirche der Gebrauch des Ungesäuerten sehr alt sei; es soll ihn ja den Ebioniten gegenüber Papst Alexander I. eingeführt haben. (So der Patriarch Nektarius von Jerusalem in der von seinem Nachfolger Dositheus zu Jassy 1682 veröffentlichten Schrift.)

Diese wahrscheinlich durch den Mönch Barlaam zu den Griechen gekommene Angabe scheint aus der Chronik des Martinus Polonus zum Jahre 132 zu stammen; die Scholastiker, die den Gebrauch der Azyma mit den Ebioniten in Zusammenhang bringen, reden von Papst Alexander nicht, sondern von einem Papst Leo, folgen darum wohl einer anderen Quelle.

Die Russen beanspruchen übrigens den Ruhm, schon vor Cärularius den Kampf gegen den Azymitismus eröffnet zu haben; das ist wirklich der Fall, wenn zwei dem zweiten Bischof von Kiew, Leontius (um 992), beigelegte Schriften von ihm verfasst worden sind. Eine solche griechische Abhandlung des Metropoliten Leo von Russland hat kürzlich Professor Pawlow zu Moskau in einer russisch veröffentlichten Schrift (Kritische Versuche, Petersburg 1878, 115-132) mitgeteilt.

Sie nennt den Gebrauch der Azymen dem Geist Christi zuwider, der Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedechs, nicht nach der des Aaron sei, und gesäuertes Brot beim Abendmahl gebraucht habe, dessen Fleisch ein lebendiges sei und nicht durch das leblose ungesäuerte Brot bezeichnet werden könne; sie vertritt die sonst den Griechen geläufige Meinung, Christus habe nicht das jüdische Passahmahl, das erst Tags darauf bei seinem Tod von den Juden gehalten worden sei, sondern das neue, sein eigenes gefeiert.

Die Schrift enthält übrigens eine so weit entwickelte Polemik, dass kaum zu glauben ist, ein russischer Metropolit des zehnten Jahrhunderts, der doch seine ganze theologische Bildung nur aus Byzanz schöpfte und schöpfen konnte, habe in so ausführlicher Weise geschrieben; die Byzantiner hatten im elften Jahrhundert hierin noch keine solche subtile Untersuchungen angestellt.

Wie die römische Kirche die Lateiner zum Gebrauch des ungesäuerten, ebenso verpflichten die unierten Orientalen (mit Ausnahme der hierin dem lateinischen Ritus folgenden Armenier und Maroniten) sub gravi zum Gebrauch des gesäuerten Brotes.

Die Kontroverse, ob wirklich die Azyma von Anfang an in der lateinischen Kirche üblich waren, oder ob sie doch schon vor dem neunten Jahrhundert gebraucht wurden, wie Mabillon (de pane euchar., Par. 1674, Anal. Par. 1723) und mit ihm Armadutius annehmen, oder ob früher der Sauerteig (so Sirmond, Disqu. De azym. 1652, Opp. IV, 351 sq., ed. Venet.) oder beides promiscue gebraucht ward ( nach Bona u. A.), halten viele Gelehrte (Tournely, De Euchar. Sacr. q. 4, art. 5) für fast unlösbar; sicher ist, dass im neunten Jahrhundert Hrab. Maurus (De eccl. Off. I, 31) den panis infermentatus verlangt. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 1, 1882, Sp. 1778 – Sp. 1780

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