A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z
Tugenden

Keuschheit

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Keuschheit

Keuschheit (castitas), regelt die Befriedigung des Geschlechtstriebes nach gottgesetzter Ordnung. Thomas v. Aquin reiht sie unter die Kardinaltugend der Mäßigkeit (temperantia) ein (2, 2. q. 141, a. 4; q. 146), insofern Mäßigkeit Regelung des (begierlichen) Trieblebens nach der Ordnung der Vernunft überhaupt ist. Diese Regelung kann bestehen entweder in zeitweiser oder dauernder Enthaltsamkeit (Jungfräulichkeit) oder im geschlechtlichen Verkehr unter Bedingungen, wie sie von dem Hauptzweck dieses Verkehrs, der menschlichen Nachkommenschaft, verlangt werden. Da diese Bedingungen nur in der ehelichen Lebensgemeinschaft gegeben sind, ist der erlaubte Geschlechtsverkehr auf die Ehe beschränkt, aber auch in der Ehe an sittliche Forderungen gebunden, die alles verbieten, was den Aufgaben der ehelichen Gemeinschaft, was der gegenseitigen Treue der Ehegatten widerspricht (cast. conjugalis).

Außerhalb der Ehe, sowohl vor- wie nachehelich, fordert die Pflicht der Keuschheit volle Enthaltsamkeit (cast. virginalis oder vidualis), so dass jede freiwillig erstrebte Befriedigung des Geschlechtstriebes als Sünde der Unkeuschheit (Unzucht, Unlauterkeit) zu beurteilen ist, die im 6. und 9. Gebot verboten ist und nach den deutlichen Aussprüchen der Hl. Schrift (1. Kor. 6, 9f; Gal. 5, 19f) vom Himmelreich ausschließt. Schutz der Keuschheit ist die Schamhaftigkeit (pudicitia), die Selbstbewachung gegen äußere Einflüsse, welche der Keuschheit schädlich sein könnten; ihr Ausgangspunkt ist das natürliche Schamgefühl, das durch Erziehung erhöht oder herabgesetzt, auch verbildet werden kann. Übertriebene, weil unvernünftige, daher fehlerhafte Scheu in geschlechtlichen Dingen, zumal unaufrichtige, wird Prüderie genannt.

Keuschheit im Sinne des Christentums macht ernst mit der Lehre vom Primat der Geist-Seele über den Leib. Jede Verselbständigung des leiblichen Lebens und der leiblichen Triebe ist Abfall vom Primat des Geistes, deshalb Schwächung des eigentlichen Kraft- und Lebensprinzips im Menschen. Der Leib gehört ferner, und zwar gerade auch insofern er Geschlechtsorgan ist, „dem Herrn“ (1. Kor. 6, 13), weil er Glied ist am Leibe Christi. Es ist Entweihung dieses Einsseins mit Christus, wenn der Christ seinen Leib „zu Gliedern einer Buhlerin“ macht (ebd. 15)

Demgemäß ist Keuschheit der notwendige Ausdruck für die Gottzugehörigkeit des Leibes des Christen (Tempel des Hl. Geistes; nicht mehr sich selbst gehörig! (ebd. 18-20). Auch in der Ehe soll Keuschheit nicht bloß die unbändige Triebhaftigkeit mäßigen, sondern möglichste Vergeistigung und Heiligung der ehelichen Liebe und Lebensgemeinschaft fördern. –

Christus preist die Keuschheit (Mt. 5, 8), betont gegenüber dem Alten Testament auch hier die innere Gesinnung ((Mt. 5, 28) sowie die allgemeine Gültigkeit auch für den Mann (Mt. 5, 32; 19, 7ff) und empfiehlt die jungfräuliche Keuschheit (Mt. 19, 12). Die Apostel erklären die Keuschheit als Frucht des Hl. Geistes (Gal. 5, 22f) und als den Willen Gottes (1. Thess. 4, 3-5), die Fleischeslust als Gegensatz gegen die Liebe zu Gott und als Verbündete von Welt und Sünde (Röm. 6, 11ff; 1. Petr. 2, 11; 1. Joh. 2, 15). Erfahrungsgemäß bedeutet die standesgemäße Keuschheit eine feste Stütze des sittlichen Charakters, so dass das Gegenteil schlechthin als „Unsittlichkeit“ bezeichnet wird.

Die normale Form der Keuschheit in Sinne des paulinischen melius et nubere quam uri (1. Kor. 7, 9) bleibt die dauernde Beherrschung der geschlechtlichen Triebe in der Form einer durch Seelen- und Liebesgemeinschaft geadelten und bei Christen durch das Sakrament geheiligten Lebensgemeinschaft in der Einehe.

Die Heftigkeit der geschlechtlichen Leidenschaft, durch welche die Natur die Erhaltung der menschlichen Art sichern wollte, verlangt allerdings in der Jugend eine zielbewusste Erziehung zur Keuschheit und im ganzen Leben Wachsamkeit und Selbstbeherrschung. Zur körperliche Ablenkung durch Arbeit und Sport und zur rechtzeitigen Aufklärung muss bei der Jugend vor allem die Stärkung des Willens kommen, die auf der christlichen Gesamtauffassung über das Verhältnis von Leib und Seele und auf der Verantwortlichkeit des geschlechtlichen Verhaltens für die eigene Person und die Nachkommenschaft ruht.

Was die tiefe Marienverehrung hierin seit jeher geschaffen, davon spricht die Geschichte seit den ersten christlichen Zeiten; das christliche Keuschheitsideal ist von Anfang an mit der jungfräulichen Mutter des Herrn verbunden gewesen. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. V, 1933, Sp. 942 – Sp. 943

Siehe dazu auch den Beitrag

Buch mit Kruzifix
Hettinger
Buch mit Kruzifix
Hunolt, Franz

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Malagrida

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Malagrida Malagrida, Gabriel, best verleumdeter Jesuit, war am 7. September 1689 im Dorfe Menaggio, im Gebiet von Mailand, geboren. Schon in früher Jugend trat er in die Gesellschaft Jesu (1711) und bewarb sich nach…
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Philipp von Hessen Philipp „der Großmütige“, 1509 bis 1567 Landgraf von Hessen, * 13.11.1504 zu Marburg, † 31.3.1567 zu Kassel; 1518 für mündig erklärt, 1524 mit Christine, Tochter des streng katholischen Herzogs Georg v.…
Buch mit Kruzifix

Migazzi

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Migazzi Migazzi, Graf Christoph Anton von, Herr zu Waal und Sonnenthurn, Erzbischof von Wien, stammte aus einem ebenso alten als berühmten Geschlecht. Er erblickte das Licht der Welt am 14. Oktober 1714 zu Trient.…
Buch mit Kruzifix

Weiß, Albert Maria

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Weiß, Albert Maria Weiß, Albert Maria (Taufname Adalbert), OP, Apologet von umfassendem Wissen und flammendem Wort, * 22.4.1844 zu Indersdorf (O.-Bayern), studierte in München und Freising, 1867 Priester, 1870 Dr. theol. in München, dann…
Buch mit Kruzifix

Reformationsrecht

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Reformationsrecht Reformationsrecht (jus reformandi) des Landesherrn heißt in der Geschichte der sogenannten Reformation das Recht, welches sich die Fürsten und Stände des deutschen Reiches beilegten, kraft ihrer Territorialhoheit in ihren Ländern die eigene Konfession…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Ophiten

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ophiten Ophiten (Ophianer, Serpentini, Schlangenbrüder), eine gnostische Sekte, die von der Schlange ihren Namen erhielt. Die Schlange spielte nämlich eine Hauptrolle in ihrem System, insofern sie den Fall des Menschen veranlasst hat, der aber für sie der Übergang zur Gnosis ist. Ophiten-Diagramm (Rekonstruktion) Die Sekte bestand jedenfalls schon um…
Buch mit Kruzifix

Jakobus der Jüngere

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Jakobus der Jüngere Jakobus der Jüngere (minor), gleichfalls Apostel, hat seinen Beinamen hauptsächlich nur deswegen erhalten, weil er von den Zebedäiden Jakobus unterschieden werden sollte; da dieser der Ältere als Bruder von Johannes genannt wurde, so bot sich ungesucht die Benennung der Jüngere dar, obwohl die beiden Zunamen nicht…
Buch mit Kruzifix

Synedrium

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Synedrium Synedrium bezeichnet zunächst eine Sitzung einer Versammlung, die über öffentliche Angelegenheiten berät, ist daher seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. auch Name für bestimmte politische Körperschaften und ihre Versammlungen in der späteren Gräzität namentlich Gerichtshof bzw. Gerichtssitzung. In dieser Bedeutung wurde es übernommen vom Neuen Testament und von…
Buch mit Kruzifix

Goffine, Leonhard

Biographie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Goffine Goffine, Leonhard, OPraem, religiöser Volksschriftsteller, * 6. 12.1648 zu Köln, 1669 Ordensprofess in Steinfeld, 1676 Priester, tätig bei den Prämonstratenserinnen in Dünnwald und Ellen, 1680-1685 Novizenmeister; dann Pfarrer in Klarholz, Niederehe, Coesfeld, Wehr, Rheinböllen und (seit 1696) in Oberstein an der Nahe; † ebd. 11.8.1719. Sein Hauptwerk ist…
Buch mit Kruzifix

Diderot

Freigeist
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Diderot Diderot, Denis, philosophischer Schriftsteller, * 5.10.1713 zu Langres, † 31.7.1784 zu Paris. Sein Essai sur le mérite et la vertu (Paris 1745), eine freie Bearbeitung der betrefflichen Schrift Shaftesbury`s lehrt einen Deismus, der die christliche Offenbarung als möglich zuläßt, sofern sie die notwendige Bedingung für ein durch Tugend…
Buch mit Kruzifix

Deutschkatholizismus

Freigeist
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Deutschkatholizismus Deutschkatholizismus. Die seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr ins kirchliche Leben eingedrungene rationalistische Welle, gegen welche um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in extremer Gegenwirkung die aftermystische Bewegung eines Martin Boos, Joh. Gossner, Ignaz Lindl, der Pöschlianer, Maurerianer, Michaelsritter, Manharter und Salpeterer entstand, und vergebens…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner