Nützet die Zeit denn die Tage sind böse

Nützet die Zeit, denn die Tage sind böse: Brueghel- Das Laster der Trägheit

Die liturgische Messfeier des zwölften Sonntags nach Pfingsten

Mittwoch der zwanzigsten Woche nach Pfingsten

Nützet die Zeit, denn die Tage sind böse (Eph. 5, 16)

1. Die Liturgie drängt. „Nützet die Zeit aus, denn die Tage sind böse“ (Lesung). Das Ende naht. Also gilt es, die uns gegebene Lebenszeit wie einen Markt leerzukaufen, alles aus ihr herauszuholen, was sich für Gott und für die Seele herausholen lässt. „Die Tage sind böse.“ Wir können die uns geschenkte Zeit leicht missbrauchen und verlieren, zum Nachteil für die Sache Gottes und zum Verderben unserer Seele anwenden. „Daher seid nicht unverständig.“

2. „Nützet die Zeit aus.“ Die Jahre eilen dahin. Bevor wir daran denken, ist für uns die Uhr abgelaufen und stehen wir vor dem Tode. Jeder Tag, jeder Augenblick des Tages ist uns dazu gegeben, dass wir ihn für Gott verwenden und so uns eine selige Ewigkeit erobern. Von der ganzen Zeit unseres Lebens aber haben wir nur den einen gegenwärtigen kurzen Augenblick. Ehe wir uns auf ihn besonnen haben, ist er entschwunden. Die Vergangenheit ist für uns dahin und kehrt nie wieder. Die Zukunft gehört uns noch nicht und wird uns vielleicht überhaupt nie gehören. So besitzen wir einzig den gegenwärtigen Augenblick, der im nächsten Moment schon nicht mehr existiert.

Unsere einstige Ewigkeit hängt davon ab, ob und wie wir den gegenwärtigen Augenblick anwenden. Wir können ihn verlieren und unbenützt vorübergehen lassen. Wir können ihn bewusst zur Sünde benützen. Wir können aus ihm eine kostbare Gnade machen. Tod und Leben, Glück und Unglück, Himmel und Hölle hängen für uns davon ab, was wir aus dem gegenwärtigen Augenblick machen. Müssen wir es also mit unserem Leben, mit jedem Augenblick, der uns geschenkt ist, nicht ernst nehmen? Dürfen wir auch nur einen Augenblick der Welt, der Sünde leben? Müssen wir nicht vielmehr mit jedem Augenblick wuchern und alles aus ihm herausholen, was aus ihm für Gott und unsere Seele herauszuholen ist?

„Wir mögen leben oder sterben, so sind wir des Herrn“ (Röm. 14, 8). Wir sind als Christen (und als Ordensleute) Gott geweiht. Unser ganzes Ich gehört Ihm: Leib und Seele, unsere Fähigkeiten und Talente, Gesundheit und Kraft. Auch unsere Zeit. Nicht mehr wir verfügen und bestimmen über den Tag und die Stunden und Augenblicke, die uns gegeben sind, sondern Er, dem wir geweiht sind.

Wir haben nur eines zu tun: darauf achtzuhaben, was Gott jeden Augenblick von uns will und wünscht, um sodann zu allem und jedem, was Er fordert, anordnet, fügt und schickt ein freudiges „Fiat“ zu sagen. Ja zu sagen. Das ist das Entscheidende, dass wir jeden Augenblick bereit sind, zu tun und anzunehmen, zu arbeiten und zu opfern, was Er und wie Er es wünscht und fügt. Gott lässt uns nicht einen Augenblick müßig stehen. Er bestimmt alles, teilt alles ein, regelt und ordnet alles.

Gibt Er uns kein äußeres Werk zu tun, dann beschäftigt Er uns nach innen. Jeden Augenblick, ununterbrochen zieht Er und, dass wir Ihn lieben. Ihm danken, Ihm lobsingen, mit allem Ihm uns unterwerfen und uns Seinem heiligen Wohlgefallen hingeben. Jeder Augenblick des Tages ist ein Ausatmen der Liebe des Kindes zum Vater, in einer ununterbrochenen Hochstimmung der Seele, die Ihm lebt und sich mit ihrem gesamten Wollen und Wünschen in die Hand des Vaters gibt.

So nützen wir jeden Augenblick vollkommen aus. Wir gehen immer tiefer und vollkommener in die Abhängigkeit von Gott und Seinem heiligen Willen ein. Wir berühren uns jeden Augenblick mit dem Tiefsten und Letzten, was er in seinem Schoße birgt: mit Gott, mit Gottes Willen und Wohlgefallen, mit Gottes Gnade. Jeder Augenblick wird eine schwere, volle Garbe für die Scheune der Ewigkeit.

3, Nur der gegenwärtige Augenblick ist uns gegeben. Ihn müssen wir benützen. In ihm müssen wir leben, d. i. das tun, und das ganz tun, was Er von uns verlangt. Stattdessen leben wir so gern in der Zukunft, machen uns Pläne, unnötige Ängste und Sorgen, um das, was morgen kommt. Wir leben in der Vergangenheit, in unnötigen, zerstreuenden Erinnerungen, Vorwürfen, Skrupeln und lassen die Gnade des gegenwärtigen Augenblicks unbenützt.

Allzu oft geschieht es, dass wir das, was wir nach Gottes willen in diesem Augenblick tun sollten, auf später verschieben. Bald treten sich die verschiedenen Pflichten gleichsam auf die Fersen und werden und werden von uns als Last empfunden. Wir tun die Dinge nicht mehr, wie wir es tun sollten. Wir handeln mit Übereilung, mit einer natürlichen Hast, mit dem Gedanken, fertig zu werden, nicht eigentlich im Gedanken an Gott. Statt dass wir jede Pflicht tun, wie sie kommt, mit Ruhe und Beharrlichkeit, den Blick auf Gott gerichtet! Nur ein tief im Glauben und im Willen Gottes verankerter Mensch nützt die Zeit wahrhaft aus.

Nachdem wir so viele Augenblicke der Zeit, die uns gegeben ist, nicht ausgenützt haben, ruft uns der Glaube an die Wiederkunft des Herrn zum Gericht, der Gedanke, der Gedanke an den Tod mit aller Eindringlichkeit das Wort der Lesung zu: „Nützet die Zeit aus.“ Wir haben soviel zu bereuen und zu bessern.

„Weh, was werd‘ ich Armer sagen, welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen! Seufzend steh‘ ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen, lass mein Bitten Gnad‘ erlangen“ (Sequenz der Totenmesse).

Wir prüfen uns ernstlich auf die Frage: Nütze ich die Zeit richtig aus? Sind wir immer aufmerksam auf das, was Gott von uns will, und bereit, Gottes Ruf zu entsprechen?

Gebet.
Wir bitten Dich, o Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen Sünden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Quelle: Benedikt Baur OSB, Werde Licht, Liturgische Betrachtungen an den Sonn- und Wochentagen des Kirchenjahres, III. Teil Osterfestkreis, 1937, S. 496 – S. 499

Weitere liturgische Betrachtungen von Benedikt Baur OSB siehe unter dem Stichwort Baur.

Siehe auch den Beitrag auf katholischglauben.online:

Bildquellen

  • Brueghel_-_Sieben_Laster_-_Disidia: wikimedia

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