Bautain

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Bautain

Bautain, Ludwig Eugen Maria, Philosoph, geb. 1795 zu Paris, wurde 1819 zum Professor der Philosophie in Straßburg ernannt, jedoch bald (1822) seiner Ämter entsetzt. Letzteres geschah wegen seiner Grundsätze, die zuerst durch den Eklektizismus seines früheren Lehrers V. Cousin, dann aber mehr durch die deutsche Philosophie. Insbesondere die Fichte`sche Lehre, beeinflußt waren. Indessen änderte er vorzüglich in Folge des Studiums der heiligen Schrift und der Werke des hl. Augustin und des hl. Anselmus seine Gesinnung und ließ sich zum Priester weihen. Er bestieg nun bald wieder die Lehrkanzel und hatte sich durch seine Schriften gegen den Atheismus und Materialismus bereits großes Ansehen erworben, als er wegen seiner Lehren über das Verhältnis von Vernunft und Glauben mit der kirchlichen Autorität in Konflikt geriet. Er betrachtete die göttliche Offenbarung als die einzige Quelle und Vermittlerin aller Gewissheit über religiöse und sittliche Wahrheiten, und wollte bei der Annahme derselben jede Ingerenz der Vernunft-Tätigkeit ausgeschlossen wissen. Die Vernunft, so behauptete er, vermag weder aus sich das Dasein Gottes zu erkennen, noch aus den Wundern und Weissagungen das Faktum der göttlichen Offenbarung zu beweisen; die Wunder Christi entbehrten den Ungläubigen gegenüber aller Beweiskraft und hätten ihre Bedeutung nur für die zum Glauben Bekehrten. So blieb ihm in Ermangelung jeder der Vernunft zugänglichen objektiven Gewähr für das göttliche Wort vorzüglich nur die innere Einwirkung und Erleuchtung von Seite Gottes nebst der Idee des Unendlichen, die sich vom ersten Menschen an traditionell vererbt haben soll. Die Berührungs-Punkte zwischen seinen Anschauungen und denen von Lamennais und den Traditionalisten sind leicht heraus zu finden. Ebenso ist die Quelle seiner Verirrung nicht schwer zu entdecken; es war die Nachwirkung des Kant`schen Kritizismus, dem er zuletzt gehuldigt hatte, und die falsche Deutung seiner eigenen Lebenserfahrung. In der christlichen Offenbarung, der er als Zögling der Pariser napoleonischen Normalschule ziemlich fremd geblieben war, fand er endlich auf einmal, was er bei allen Weisen vergebens gesucht hatte; was lag da einer einseitigen Auffassung näher, als das Vernunft-Wissen völlig zu entwerten und beim Offenbarungs-Glauben allein stehen zu bleiben? Der Bischof de Trevern von Straßburg erließ in Betreff der Bautain`schen Lehre, die bei konsequenter Fortführung nur in den protestantischen Subjektivismus hätte ausmünden können, am 30. April 1834 ein Hirtenschreiben und richtete an ihn selbst unter dem 15. September desselben Jahres ein zweites Schreiben, worin er ihm mehrere Fragen zur schriftlichen Beantwortung vorlegte. Allein wiewohl Papst Gregor XVI. in einem Breve vom 20. Dezember 1834 den Eifer des Bischofs belobte, und angesehene Männer (darunter auch Möhler) mit aller Entschiedenheit gegen Bautain`s Anschauungen sich aussprachen, war dieser doch nicht zu einem unbedingten Widerruf zu bewegen; er nahm zwar Manches zurück, das Prinzip aber gab er nicht auf. Im Jahre 1838 ging er selbst nach Rom, suchte aber vergebens eine Billigung seiner Grundsätze zu erwirken, weshalb er endlich 1840 sich entschloss, durch Unterschreibung von sechs ihm vorgelegten Thesen seine entgegen gesetzte Lehre zurück zu nehmen. Seine Lehrkanzel bestieg er nicht wieder, erfreute sich aber einer sehr einflußreichen Wirksamkeit und starb hoch geachtet als Ehren-Generalvikar von Paris am 15. Oktober 1867 zu Viroflay bei Versailles. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 2, 1883, Sp. 84 – Sp. 86

Bautain leitete 1824-28 die „Straßburger Philosophenschule“ (Adolphe Carl, Alphonse u. Théodore Ratisbonne, Alphonse Gratry); kehrte 1824 unter dem Einfluß von Louise Humann vom Atheismus zum Glauben zurück. (…) 1828 Priester. Bautain bekämpfte 1832-34 die Scholastik, u.a. in seinen Kleineren Abhandlungen über Vernunft und Metaphysik und besonders mit der Schrift De `enseignement de la philosophie en France au XIX. Siècle (1833), deren Grundideen 1834 der Bischof de Trévern v. Straßburg und Papst Gregor XVI. verurteilten.
Sein philosophischer Leitgedanke ist, die These des Traditionalismus eines Lamennais von der Allgemeinvernunft als einziger Quelle jeder wissenschaftlichen Erkenntnis umzubiegen auf das in der Kirche und Hl. Schrift lebendige Wort als letzten Garanten aller philosophischen Gewißheit (sog. Fideismus). Die Vernunft-Fähigkeit und -tätigkeit wird somit darauf beschränkt, von dem inneren Bewusstsein und der äußeren Wahrnehmung unterstützt, die im Glauben aufgenommenen Wahrheiten zu bestätigen und so das Gebiet des Glaubens in das Reich der Evidenz hinüber zu führen. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. II, 1931, Sp. 54 – Sp. 55

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