Exeunte Iam Anno – Über die richtige Ordnung des christlichen Lebens
Papst Leo XIII. – 1888

An die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe sowie an alle Gläubigen, die in der Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl stehen.
Verehrte Brüder, geliebte Söhne, Heil und Apostolischer Segen.
Am Ende des Jahres, in dem Wir durch eine besondere Gnade Gottes das fünfzigste Jubiläum unseres Priestertums feiern durften, blicken Wir mit Freude auf die vergangenen Monate zurück und erinnern Uns gern an sie. Und das nicht ohne Grund; denn der Anlass, der Uns persönlich betraf, war an sich weder groß noch außergewöhnlich, und doch bewegte er den Wohlwollen aller Menschen in hohem Maße, sich mit Uns zu freuen und Uns zu gratulieren, sodass nichts zu wünschen übrig blieb.
2. Diese allgemeine Freude war Uns überaus angenehm und erfreulich; was Wir aber am meisten schätzten, war die Übereinstimmung der Gefühle und das allgemeine Zeugnis des Glaubens, das sie zum Ausdruck brachte. Denn die einhellige Zustimmung aller Wohlgesinnten brachte dies deutlich zum Ausdruck: An allen Orten waren die Gedanken und Herzen aller dem Stellvertreter Christi zugewandt; die Menschen blickten vertrauensvoll auf den Apostolischen Stuhl inmitten seiner Leiden als auf eine nie versiegende und reine Quelle des Heils; und in jedem Land, in dem der katholische Glaube gedeiht, wird die Römische Kirche, Mutter und Meisterin aller Kirchen, mit der ihr gebührenden Ehrfurcht und Einigkeit verehrt.
3. Aus diesen Gründen haben Wir in den vergangenen Monaten oft Unsere Augen zu Gott erhoben und ihm für sein gnädiges Geschenk des langen Lebens und für den Trost in Unseren Bemühungen, die Wir erwähnt haben, gedankt. Gleichzeitig haben Wir, wo nötig, jenen Unseren Dank erwiesen, denen er gebührte. Nun aber, am Ende des Jahres und des Jubiläums, sind Wir aufgerufen, der empfangenen Wohltaten erneut zu gedenken, und es erfüllt Uns mit großer Freude, dass die ganze Kirche sich Unserem Dank anschließt. Mit diesem Schreiben möchten Wir öffentlich erklären, dass so viele Zeugnisse der Hingabe und Liebe Unsere Last sehr erleichtert haben und dass die Erinnerung an sie Uns stets begleiten wird.
4. Doch eine heiligere und höhere Pflicht bleibt bestehen. Denn in dieser Hingabe und unserem Eifer, dem Papst Ehre zu erweisen, erkennen Wir die Macht Gottes an, der oft und allein aus den kleinsten Dingen großartig Gutes entstehen lässt. Denn Gott scheint in seiner Vorsehung den Glauben inmitten irrsinniger Menschen erwecken und das christliche Volk zur Sehnsucht nach einem höheren Leben zurückführen zu wollen.
5. Wir müssen daher eifrig danach streben, dass wir, nachdem wir gut begonnen haben, auch gut enden, dass die Ratschlüsse Gottes sowohl verstanden als auch umgesetzt werden. Der Gehorsam gegenüber dem Apostolischen Stuhl wird dann vollkommen sein, wenn er mit christlicher Tugend verbunden ist, und so zum Heil der Seelen führen – dem einzigen Ziel, das es zu erstreben gilt und das ewig währt.
In Ausübung Unseres hohen apostolischen Amtes, das Uns von Gottes Güte verliehen wurde, haben wir Uns viele Male pflichtgemäß der Verteidigung der Wahrheit gewidmet und uns bemüht, insbesondere jene Lehren auszulegen, die allen am nützlichsten erschienen, um wachsam und sorgfältig die Gefahren des Irrtums zu vermeiden. Doch nun möchten Wir Uns als liebender Erzieher an alle Christen wenden und sie in einfachen Worten zu einem heiligen Leben ermahnen. Denn mehr als der bloße Name „Christ“, mehr als das bloße Glaubensbekenntnis, sind christliche Tugenden für die Christen unerlässlich, und von ihnen hängt nicht nur das ewige Heil ihrer Seelen ab, sondern auch der Friede und das Wohlergehen der Menschheit.
6. Betrachtet man die Lebensweise der Menschen weltweit, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die öffentliche und private Moral stark von den Geboten des Evangeliums abweicht. Leider treffen die Worte des Apostels Johannes auch auf unsere Zeit zu: „Alles, was in der Welt ist, ist die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens.“ [1. Joh 2,16.]
Denn in Wahrheit richten die meisten Menschen, ohne sich groß darum zu kümmern, woher sie kommen oder wohin sie gehen, all ihre Gedanken und Sorgen auf die vergänglichen Güter dieses Lebens. Entgegen der Natur und der Vernunft geben sie sich bereitwillig jenen Wegen hin, von denen ihnen ihre Vernunft sagt, dass sie sie beherrschen sollten. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Verlangen nach Luxus zum Streben nach den Mitteln, ihn zu erlangen. Daher entspringt eine zügellose Gier nach Geld, die jene verblendet, die ihr verfallen sind, und sie in ihrer Gier rasend vorantreibt, oft ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit und nicht selten begleitet von einer schändlichen Verachtung für die Armut ihrer Mitmenschen.
So nennen sich viele, die im Luxus leben, Brüder der Masse, die sie insgeheim verachten; und ebenso kümmern sie sich, aufgebläht vor Stolz, weder um Gesetze noch um die Furcht vor Macht. Sie nennen Selbstliebe Freiheit und halten sich für „frei geboren wie ein wildes Eselsfohlen“. [Hiob 11,12.] Fallen und Versuchungen zur Sünde gibt es im Überfluss; wir wissen, dass gottlose oder unmoralische Dramen auf der Bühne aufgeführt werden; dass Bücher und Zeitschriften geschrieben werden, um die Tugend zu verhöhnen und das Verbrechen zu verherrlichen; dass die Künste selbst, die Vergnügen und angemessene Erholung bieten sollten, dazu benutzt wurden, der Unreinheit zu dienen.
Auch können Wir nicht ohne Furcht in die Zukunft blicken, denn neue Saat des Bösen wird gesät und gleichsam in das Herz der heranwachsenden Generation gegossen. Was die öffentlichen Schulen betrifft, so gibt es dort keine kirchliche Autorität mehr, und in den Jahren, in denen es am besten wäre, zarte Gemüter sorgfältig in christlicher Tugend zu erziehen, werden die Gebote der Religion größtenteils nicht gehört. Männer im fortgeschrittenen Alter sind einer noch größeren Gefahr durch falsche Lehren ausgesetzt, die darauf abzielen, die Jugend durch irreführende Worte zu verblenden, anstatt sie mit der Erkenntnis der Wahrheit zu erfüllen.
Viele versuchen heutzutage, allein mit Hilfe der Vernunft zu lernen und verwerfen dabei den göttlichen Glauben gänzlich. Doch indem sie dessen helles Licht verlieren, verfehlen sie die Wahrheit und lehren beispielsweise, dass nur Materie in der Welt existiere, dass Menschen und Tiere denselben Ursprung und dieselbe Natur hätten. Manche gehen sogar so weit, die Existenz Gottes, des Herrschers und Schöpfers der Welt, zu bezweifeln oder irren sich, wie die Heiden, schwer in Bezug auf Gottes Wesen. Dadurch werden Wesen und Form von Tugend, Gerechtigkeit und Pflicht zwangsläufig zerstört.
So kommt es, dass sie, während sie die hohe Autorität der Vernunft bewundern und die Feinheit des menschlichen Intellekts übermäßig preisen, durch Unkenntnis dessen, was wichtiger ist, der gerechten Strafe des Hochmuts verfallen.
7. Wenn der Geist so vergiftet ist, wird gleichzeitig der moralische Charakter tiefgreifend und grundlegend verdorben; und ein solcher Zustand kann bei dieser Gruppe von Menschen nur mit äußerster Mühe geheilt werden, da einerseits falsche Meinungen ihr Urteilsvermögen trüben und andererseits das Licht des christlichen Glaubens, das Prinzip und Grundlage aller Gerechtigkeit, erlischt.
8. So sehen Wir täglich die zahlreichen Übel, die alle Bevölkerungsschichten plagen. Diese vergiftenden Lehren haben das öffentliche wie das private Leben völlig korrumpiert; Rationalismus, Materialismus und Atheismus haben Sozialismus, Kommunismus und Nihilismus hervorgebracht – Übel, die nicht nur aus solchen Lehren hervorgehen mussten, sondern deren notwendige Folge sie waren.
Wenn die katholische Religion, deren göttlicher Ursprung durch solch unmissverständliche Zeichen deutlich wird, bewusst abgelehnt wird, warum sollte dann nicht jede Form von Religion anhand solcher Kriterien der Wahrheit abgelehnt oder verteidigt werden? Wenn die Seele eins mit dem Körper ist und daher nach dem Tod des Körpers keine Hoffnung auf ein glückliches ewiges Leben besteht, welchen Grund haben die Menschen dann, sich hier auf Erden abzumühen und zu leiden, um ihre Begierden der Vernunft zu unterwerfen?
Das höchste Gut des Menschen bestünde dann darin, die Freuden und den Luxus des Lebens zu genießen. Und da niemand aus eigener Kraft zur Tugend getrieben wird, wird jeder Mensch naturgemäß nach allem greifen, was er kann, um glücklich vom Besitz anderer zu leben. Auch gibt es keine Macht, die mächtig genug ist, die Leidenschaften zu zügeln, denn daraus folgt, dass die Macht des Gesetzes gebrochen und jede Autorität gelöst wird, wenn der Glaube an einen ewig lebenden Gott, der das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet, verworfen wird.
Daher werden die Bande der bürgerlichen Gesellschaft völlig zerbrechen, wenn jeder Mensch von einer unstillbaren Habgier zu einem ständigen Kampf getrieben wird, die einen darum ringen, ihren Besitz zu behalten, die anderen darum, ihre Begierden zu erlangen. Dies entspricht beinahe der Tendenz unserer Zeit.
9. Dennoch liegt für Uns selbst im Anblick dieser Übel ein gewisser Trost, und Wir dürfen Unser Herz hoffnungsvoll erheben. Denn Gott „erschuf alles, damit es sei, und er schuf die Völker der Erde zur Heilung.“ [Weisheit 1,14.] Doch wie diese ganze Welt nur durch seine Vorsehung und Göttlichkeit erhalten werden kann, so können auch die Menschen nur durch seine Kraft geheilt werden, durch dessen Güte sie vom Tod zum Leben berufen wurden. Denn Jesus Christus erlöste das Menschengeschlecht ein für alle Mal durch sein vergossenes Blut, doch die Kraft eines so großen Werkes und einer so großen Gabe gilt für alle Zeiten; „und in keinem anderen ist das Heil.“ [Apg. 4,12.]
Daher streben jene, die mit der Durchsetzung des Gesetzes die wachsende Flamme der Gesetzlosigkeit auszulöschen suchen, zwar nach Gerechtigkeit; doch sollen sie wissen, dass ihre Bemühungen vergeblich oder nahezu wirkungslos bleiben werden, solange sie die Kraft des Evangeliums hartnäckig ablehnen und die Hilfe der Kirche verweigern. Nur so kann das Übel geheilt werden: indem sie ihre Wege ändern und in ihrem öffentlichen und privaten Leben zu Jesus Christus und dem Christentum zurückkehren.
10. Das Wesen eines christlichen Lebens besteht darin, die Verderbnis der Welt abzulehnen und sich jeder Nachgiebigkeit ihr gegenüber entschieden zu wehren. Dies wird in den Worten und Taten, den Gesetzen und Institutionen, im Leben und Tod Jesu Christi, des „Urhebers und Vollenders des Glaubens“, gelehrt. [Hebr. 12,2.] Daher ist es, wie sehr wir auch von der bösen Veranlagung unserer Natur und unseres Charakters abgeschreckt werden mögen, unsere Pflicht, uns dem „uns vorgelegten Kampf“ [Hebr. 12,1.] zu stellen, gestärkt und gerüstet mit demselben Willen und denselben Waffen wie derjenige, der „die Freude vor Augen hatte und das Kreuz erduldete“. [Hebr. 12,2.]
Deshalb sollen die Menschen dies besonders verstehen: Es widerspricht zutiefst der christlichen Pflicht, weltlichen Vergnügungen jeder Art nachzugehen, die Härten eines tugendhaften Lebens zu fürchten und sich nichts zu versagen, was die Sinne befriedigt und erfreut. „Diejenigen, die zu Christus gehören, haben ihr Fleisch mit all seinen Lastern und Begierden gekreuzigt“ [Gal. 5,24.] – woraus folgt, dass diejenigen, die nicht an Leiden gewöhnt sind und Bequemlichkeit und Vergnügen nicht verachten, nicht zu Christus gehören.
Durch die unendliche Güte Gottes hat der Mensch die Hoffnung auf ein unsterbliches Leben wiedererlangt, von der er abgeschnitten war. Er kann sie aber nicht erlangen, wenn er nicht danach strebt, in den Fußstapfen Christi zu wandeln und seinen Sinn durch das Nachsinnen über Christi Beispiel dem Christi anzugleichen. Daher ist dies keine Empfehlung, sondern eine Pflicht, und zwar nicht nur für diejenigen, die ein vollkommeneres Leben anstreben, sondern für jeden Menschen, der „in seinem Leib stets die Abtötung Jesu mit sich trägt“ [2. Kor 4,10.]. Wie sonst könnte das Naturgesetz, das den Menschen zu einem tugendhaften Leben aufruft, eingehalten werden?
Denn durch die heilige Taufe wird die Sünde, die wir bei der Geburt auf uns genommen haben, getilgt, nicht aber die bösen und verschlungenen Wurzeln der Sünde, die die Sünde eingepflanzt und keinesfalls entfernt hat. Dieser Teil des Menschen, der ohne Vernunft ist – obwohl er jene nicht besiegen kann, die tapfer durch Christi Gnade kämpfen – ringt dennoch mit der Vernunft um die Vorherrschaft, vernebelt die ganze Seele und beugt den Willen tyrannisch von der Tugend ab, mit solcher Macht, dass wir dem Laster nicht entfliehen und unsere Pflicht nur durch einen täglichen Kampf erfüllen können.
„Diese heilige Synode lehrt, dass in den Getauften die Begierde oder eine Neigung zum Bösen verbleibt, die, wenn man sie bekämpft, jenen nicht schaden kann, die ihr nicht zustimmen und tapfer durch die Gnade Jesu Christi dagegen ankämpfen; denn wer nicht rechtmäßig kämpft, wird nicht gekrönt.“ [Tridentin. Konz., Sitzung 5, Kanon 5.] In diesem Kampf liegt eine Stärke, die nur eine vollkommene Tugend besitzt, nämlich jene, die durch die Überwindung böser Leidenschaften einen so hohen Rang erreicht haben, dass sie beinahe ein himmlisches Leben auf Erden zu führen scheinen.
Zugegeben, nur wenige erreichen solche Vollkommenheit; schon die Philosophie der Antike lehrte, dass jeder Mensch seine bösen Begierden zügeln solle, und umso mehr und mit größerer Sorgfalt jene, die durch den täglichen Kontakt mit der Welt den größeren Versuchungen ausgesetzt sind – es sei denn, man glaubt fälschlicherweise, dass dort, wo die Gefahr am größten ist, größere Wachsamkeit weniger nötig sei oder dass Schwerkranke weniger Medikamente bräuchten.
11. Doch die Mühen dieses Kampfes werden durch großen Segen entschädigt, der über himmlische und ewige Belohnungen hinausgeht, insbesondere dadurch, dass die Natur durch die Besänftigung der Leidenschaften weitgehend zu ihrer ursprünglichen Würde zurückfindet. Denn der Mensch ist unter diesem Gesetz geboren, dass der Geist den Körper beherrschen und die Begierden durch gesunden Menschenverstand und Vernunft gezügelt werden sollen; und daraus folgt, dass die Zügelung unserer beherrschenden Leidenschaften die edelste und größte Freiheit ist.
Im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft ist es zudem schwer vorstellbar, was vom Menschen ohne eine solche Veranlagung erwartet werden könnte. Wird derjenige Gutes tun, der gewohnt ist, sein Handeln allein von Selbstliebe leiten zu lassen? Kein Mensch kann hochherzig, gütig, barmherzig oder maßvoll sein, der nicht Selbstbeherrschung und Verachtung für diese Welt im Gegensatz zur Tugend gelernt hat. Und doch muss gesagt werden, dass es vom Ratschluss Gottes vorherbestimmt zu sein scheint, dass es für die Menschen keine Erlösung ohne Kampf und Leid geben soll.
Obwohl Gott dem Menschen die Vergebung der Sünden gewährt hat, tat er dies unter der Bedingung, dass sein eingeborener Sohn die gebührende Strafe dafür auf sich nehmen sollte. Und obwohl Jesus Christus der göttlichen Gerechtigkeit auch auf andere Weise hätte Genüge tun können, zog er es dennoch vor, durch sein größtes Leiden und das Opfer seines Lebens zu erfüllen. So hat er seinen Nachfolgern dieses Gesetz auferlegt, das er mit seinem Blut besiegelt hat: Ihr Leben soll ein unaufhörlicher Kampf gegen die Laster dieser Zeit sein.
Was machte die Apostel in ihrer Mission, der Welt die Wahrheit zu verkünden, unbesiegbar? Was stärkte die unzähligen Märtyrer in ihrem blutigen Zeugnis für den christlichen Glauben, wenn nicht die Bereitschaft ihrer Seelen, seinen Geboten furchtlos zu gehorchen? Und alle, die sich bemüht haben, ein christliches Leben zu führen und nach Tugend zu streben, sind denselben Weg gegangen; deshalb müssen auch wir diesen Weg gehen, wenn wir unser eigenes Heil oder das Heil anderer erlangen wollen.
Daher ist es für jeden notwendig, sich tapfer vor den Verlockungen des Luxus zu hüten, und da allseits so viel Prahlerei im Genuss von Reichtum herrscht, muss die Seele gegen die gefährlichen Fallstricke des Reichtums gestärkt werden, damit sie nicht, indem sie nach den sogenannten Gütern des Lebens strebt, die nicht befriedigen können und bald vergehen, „den Schatz im Himmel verliert, der nicht vergeht“.
Letztlich ist es zutiefst betrüblich, dass freies Denken und schlechtes Vorbild die Seele so sehr schwächen, dass viele sich des Namens „Christ“ fast schämen – eine Scham, die entweder ein Zeichen hemmungsloser Bosheit oder äußerster Feigheit ist; beides verabscheuungswürdig und eine der größten Schande für den Menschen. Denn welches Heil bleibt solchen Menschen noch, auf welche Hoffnung können sie gründen, wenn sie aufhören, sich des Namens Jesu Christi zu rühmen, wenn sie sich offen und beständig weigern, ihr Leben nach den Geboten des Evangeliums auszurichten?
Es ist die gängige Klage, dass es in unserer Zeit an mutigen Männern mangelt. Bringt man die christlichen Lebensregeln zurück, so werden die Herzen der Menschen ihre Festigkeit und Standhaftigkeit wiedererlangen. Doch die Kraft des Menschen allein reicht nicht aus, um so viele Pflichten zu erfüllen. Wie wir Gott um das tägliche Brot für den Leib bitten müssen, so müssen wir ihn auch um die Kraft der Seele bitten, damit sie in der Tugend genährt wird. Daher bedingt dieser universelle Zustand und dieses Gesetz des Lebens, von dem wir gesagt haben, dass es ein ständiger Kampf ist, die Notwendigkeit des Gebets zu Gott.
Denn, wie der heilige Augustinus treffend und weise sagt, überwindet das fromme Gebet die Grenzen der Welt und ruft die Barmherzigkeit Gottes vom Himmel herab. Um die Begierden der Lust und die Schlingen des Teufels zu besiegen, damit wir nicht ins Böse verführt werden, sind wir angehalten, die göttliche Hilfe in den Worten zu suchen: „Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet.“ [Mt. 26,41.]
Wie viel notwendiger ist dies erst, wenn wir uns für das Heil anderer einsetzen wollen? Christus, unser Herr, der eingeborene Sohn Gottes, die Quelle aller Gnade und Tugend, zeigte zuerst durch sein Beispiel, was er mit Worten lehrte: „Er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott.“ [Lk. 6,12.] Und als er dem Opfer seines Lebens nahe war, „betete er umso länger.“ [Lk. 22,43.]
12. Die Gebrechlichkeit der Natur wäre viel weniger furchterregend und der moralische Charakter würde viel weniger leicht schwach und entkräftet werden, wenn dieses göttliche Gebot nicht so sehr missachtet und beinahe mit Verachtung behandelt würde. Denn Gott ist leicht zu besänftigen und möchte den Menschen helfen, da er ihnen offen versprochen hat, seine Gnade in Fülle denen zu schenken, die ihn darum bitten. Ja, er lädt die Menschen sogar zum Bitten ein und drängt sie mit liebevollsten Worten beinahe dazu: „Ich sage euch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ [Lk. 11,9.]
Und damit wir dies vertrauensvoll und unbefangen tun können, mildert er seine Worte und vergleicht sich mit einem überaus liebenden Vater, der sich nichts sehnlicher wünscht als die Liebe seiner Kinder. „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten!“ [Mt. 7,11.]
Und dies wird demjenigen, der darüber nachdenkt, nicht übertrieben erscheinen, wenn die Wirksamkeit des Gebets dem heiligen Johannes Chrysostomus so groß erschien, dass er sie mit der Macht Gottes verglich; denn wie Gott alles durch sein Wort erschaffen hat, so erlangt der Mensch durch das Gebet, was er will. Denn nichts hat eine so große Macht wie das Gebet, weil es bestimmte Eigenschaften besitzt, die Gott gefallen. Denn im Gebet lösen wir uns von den Dingen der Erde und werden, erfüllt vom Gedanken an Gott allein, unserer menschlichen Schwäche bewusst; aus demselben Grund, aus dem wir in der Umarmung unseres Vaters ruhen, suchen wir Zuflucht in der Macht unseres Schöpfers.
Wir nähern uns dem Urheber allen Guten, als wollten wir, dass er auf unsere schwachen Seelen, unsere schwindende Kraft, unsere Armut blickt. Und voller Hoffnung flehen wir um seine Hilfe und seinen Schutz, der allein den Schwachen beistehen und den Kranken und Elenden Trost spenden kann. In dieser Gesinnung, in der wir, wie es sich gebührt, wenig an uns selbst denken, ist Gott uns umso gnädiger gesinnt, denn er widersteht den Stolzen, aber den Demütigen schenkt er Gnade. [1. Petr 5,5.]
So soll das Gebet allen heilig sein; lasst Seele und Stimme im Gebet vereint sein und lasst unser ganzes tägliches Leben darauf ausgerichtet sein, damit, indem wir Gottes Gebote befolgen, unser Tagesablauf wie ein stetiger Aufstieg zu ihm erscheint.
13. Die Tugend, von der wir sprechen, wird wie die anderen durch den göttlichen Glauben hervorgebracht und genährt; denn Gott ist der Urheber aller wahren Segnungen, die wir uns selbst wünschen, da wir ihm unser Wissen um seine unendliche Güte und die Verdienste unseres Erlösers verdanken. Doch nichts eignet sich besser zur Stärkung des göttlichen Glaubens als das fromme Gebet, und dessen Notwendigkeit in der heutigen Zeit zeigt sich in seiner Schwäche bei den meisten und seinem Fehlen bei vielen.
Denn diese Tugend ist insbesondere die Quelle, durch die nicht nur das Privatleben gebessert werden kann, sondern auch, durch die ein endgültiges Urteil in jenen Angelegenheiten zu erwarten ist, die im täglichen Kampf der Menschen Staaten den Frieden und die Sicherheit rauben. Wenn die Menge von einem Durst nach maßloser Freiheit getrieben wird, wenn die unmenschliche Gier der Reichen nie gestillt wird und wenn dazu jene Übel derselben Art hinzukommen, auf die Wir oben bereits ausführlich eingegangen sind, so wird sich zeigen, dass nichts sie vollständiger heilen kann als der christliche Glaube.
14. Gerade deshalb ist es angebracht, euch, die ihr von Gott zu seinen Helfern gemacht wurdet, indem er euch die göttliche Vollmacht zur Spendung seiner Sakramente verliehen hat, zur Meditation und zum Gebet aufzurufen. Wenn eine Erneuerung der privaten und öffentlichen Moral nötig ist, so muss wohl kaum erwähnt werden, dass die Geistlichen in beiderlei Hinsicht ein vorbildliches Verhalten an den Tag legen sollten. Sie sollen sich daher daran erinnern, dass Jesus Christus sie „das Licht der Welt“ genannt hat, damit die Seele des Priesters wie ein Licht leuchte, das die ganze Welt erleuchtet. [Joh. Chrysostomus, De Sacc. 1, 3, Kap. 1.]
Das Licht der Gelehrsamkeit ist für den Priester unerlässlich, denn es ist seine Pflicht, andere mit Weisheit zu erfüllen, Irrtümer auszumerzen und vielen auf den steilen und rutschigen Pfaden des Lebens ein Wegweiser zu sein. Gelehrsamkeit sollte mit einem unschuldigen Lebenswandel einhergehen, denn für die Besserung des Menschen ist das Beispiel weit besser als die Lehre. „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen.“ [Mt. 5,16.] Die Bedeutung dieses göttlichen Wortes ist, dass die Tugend der Priester so vollkommen sein soll, dass sie wie ein Spiegel für die übrigen Menschen wirken.
„Nichts bewegt andere wirksamer zur Frömmigkeit und Gottesverehrung als das Leben und Beispiel derer, die sich dem göttlichen Dienst geweiht haben: Denn da sie von der Welt abgesondert und in eine höhere Sphäre erhoben sind, blicken andere auf sie wie in einen Spiegel, um sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen.“ [Tridentin. Konzil, Sitzung 22, Kap. 1, De Ref.]
Wenn also alle Menschen sich vor den Verlockungen der Sünde und dem eifrigen Streben nach flüchtigen Vergnügungen hüten müssen, wird deutlich, wie viel treuer und standhafter Priester sein sollten. Die Heiligkeit ihrer Würde – sowie die Tatsache, dass es nicht genügt, ihre Leidenschaften zu zügeln – verlangt von ihnen zudem die Gewohnheit strenger Selbstbeherrschung und die Bewahrung der Seelenkräfte, insbesondere des Verstandes und des Willens, die im Menschen den höchsten Platz einnehmen.
„Wer den Willen hat, alles aufzugeben (sagt Bernhard von Clairvaux), der bedenke, dich selbst zu dem zu zählen, was du aufgeben willst – ja, verleugne dich selbst zuerst und vor allem anderen.“ Erst wenn die Seele von allen Fesseln befreit und frei von jedem Verlangen ist, werden die Menschen einen aufrichtigen Eifer für das Heil anderer entwickeln, ohne den sie ihr eigenes ewiges Wohl nicht sichern können. „Es wird nur eines geben“, sagt Bernhard von Clairvaux, „dass seine Untertanen nur danach streben, nur eine Ehre, nur eine Freude – dem Herrn ein vollkommenes Volk zu bereiten. Dafür werden sie alles geben, mit großer Anstrengung an Leib und Seele, mit Mühe und Leid, mit Hunger und Durst, mit Kälte und Blöße.“
Die häufige Betrachtung himmlischer Dinge nährt und stärkt diese Tugend auf wunderbare Weise und macht sie furchtlos gegenüber größten Schwierigkeiten zum Wohl anderer. Je mehr Mühe sie sich mit tiefer Meditation geben, desto klarer werden sie die Größe und Heiligkeit des priesterlichen Amtes verstehen. Sie werden begreifen, wie traurig es ist, dass so viele von Jesus Christus Erlöste dem ewigen Verderben entgegenlaufen; und durch die Betrachtung Gottes werden sie selbst ermutigt und können andere wirksamer zur Liebe zu Gott anspornen.
Dies ist also der sicherste Weg zur Errettung aller; dabei dürfen sie sich nicht von Schwierigkeiten einschüchtern lassen und nicht an der Heilung verzweifeln, weil das Übel lange anhält. Die unparteiische und unveränderliche Gerechtigkeit Gottes belohnt gute Taten und bestraft Sünde.
Da aber das Leben von Völkern und Nationen als solches nicht über ihre Welt hinausreicht, empfangen sie notwendigerweise den Lohn für ihre Taten auf Erden. Es ist in der Tat nichts Neues, dass Wohlstand mit Unrecht einhergeht; und dies geschieht nach dem gerechten Ratschluss Gottes, der gute Taten von Zeit zu Zeit mit Wohlstand belohnt, denn kein Volk ist gänzlich ohne Verdienst, und Augustinus sah dies auch beim römischen Volk. Das Gesetz ist jedoch eindeutig: Für das Gemeinwohl ist es im Interesse aller, dass Tugend – und insbesondere Gerechtigkeit, die Mutter aller Tugenden – geübt wird: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber Sünde macht Völker elend.“ [Spr. 14,34]
Es ist nicht Unser Anliegen, hier zu erörtern, wie weit böse Taten gedeihen können, noch ob Reiche, wenn sie blühen und nach ihrem Gutdünken walten, nicht doch, gleichsam in ihrem Inneren eingeschlossen, den Samen des Verderbens und des Elends in sich tragen. Wir möchten vielmehr eines verdeutlichen, wofür die Geschichte unzählige Beispiele kennt: Ungerechtigkeit wird stets bestraft, und zwar umso strenger, je länger sie andauert.
Wir finden großen Trost in den Worten des Apostels Paulus: „Denn alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott.“ [1. Kor 3,22–23.] Durch die verborgene Fügung der göttlichen Vorsehung wird der Lauf der irdischen Dinge so gelenkt, dass alles, was dem Menschen widerfährt, zur Ehre Gottes und zum Heil derer dient, die wahre Jünger Jesu Christi sind. Mutter und Führerin, Leiterin und Beschützerin dieser Jünger ist die Kirche; die, vereint mit Christus, ihrem Bräutigam, in inniger und unveränderlicher Liebe, mit ihm auch im gemeinsamen Kampf und im gemeinsamen Sieg verbunden ist.
Daher sind wir nicht um die Kirche besorgt und können es auch nicht sein, aber wir fürchten uns sehr um das Heil vieler, die die Kirche stolz verachten und durch jeden Irrtum ins Verderben stürzen; wir sind besorgt um jene Staaten, die sich, wie wir sehen, von Gott abgewandt haben und inmitten der Gefahr in trügerischer Sicherheit und Unempfindlichkeit schlafen. „Nichts ist der Kirche gleich“, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, „wie viele haben sich der Kirche widersetzt und sind selbst umgekommen?“
Die Kirche reicht bis zum Himmel; so groß ist ihre Größe. Sie siegt im Angriff; wenn sie von Fallstricken umzingelt wird, triumphiert sie; sie kämpft und wird nicht gestürzt, sie wehrt sich und wird nicht besiegt. Sie ist nicht nur unbesiegt, sondern bewahrt auch jene korrigierende Kraft über die Natur und jene wirksame Lebenskraft, die von Gott selbst kommt und von der Zeit unberührt bleibt. Und wenn sie durch diese Kraft die in Laster versunkene und im Aberglauben verlorene Welt befreit hat, warum sollte sie diese nicht wiedererlangen, wenn sie vom rechten Weg abgekommen ist?
Mögen Streit und Misstrauen endlich ein Ende haben, alle Hindernisse beseitigt sein, und mögen alle ihre Rechte der Kirche übertragen werden, deren Pflicht es ist, die von Jesus Christus erworbenen Wohltaten zu bewahren und zu verbreiten. Dann werden Wir durch Erfahrung erkennen, wo das Licht des Evangeliums ist und was die Kraft Christi zu bewirken vermag.
15. Dieses Jahr, das sich nun dem Ende zuneigt, hat, wie Wir bereits sagten, viele Zeichen eines wiedererwachenden Glaubens gegeben. Möge er wie ein Funke zu einer immer größer werdenden Flamme anwachsen, die, indem sie die Wurzeln der Sünde verbrennt, den Weg für die Wiederherstellung der Sitten und für heilsame Ratschläge öffnet.
Wir, die wir das mystische Schiff der Kirche in diesem Sturm steuern, richten unseren Sinn und unser Herz auf den göttlichen Steuermann, der das Ruder hält und unsichtbar ist. Du siehst, Herr, wie die Winde von allen Seiten toben, wie das Meer wütet und die Wellen sich in Wut winden. Befehle, wir bitten Dich, der Du allein es kannst, Wind und Meer. Gib dem Menschen jene Ruhe und Ordnung zurück – jenen wahren Frieden, den die Welt nicht geben kann.
Lass den Menschen durch Deine Gnade zur rechten Ordnung zurückfinden, mit Glauben an Gott, der Pflicht nachkommt, mit Gerechtigkeit und Nächstenliebe, mit Selbstbeherrschung und mit von Vernunft gezügelten Leidenschaften. Dein Reich komme, lass die Pflicht, Dir zu gehorchen und Dir zu dienen, jene erkennen, die fern von Dir vergeblich nach Wahrheit und Heil suchen. In Deinen Gesetzen liegen Gerechtigkeit und väterliche Güte; Du gibst aus Deinem freien Willen die Macht, sie zu halten. Das Leben des Menschen auf Erden ist ein Kampf, aber Du schaust auf den Kampf herab und hilfst dem Menschen zum Sieg, Du richtest den auf, der fällt, und krönst den, der triumphiert. [Vgl. S. Aug. in Ps 32.]
16. In der von diesen Gedanken getragenen Hoffnung, eine freudige und feste Zuversicht zu hegen, als Unterpfand der Gnade des Himmels und Unseres Wohlwollens, gewähren Wir euch, verehrte Brüder, und dem Klerus und den Gläubigen der ganzen katholischen Welt in Liebe den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom im Petersdom am Geburtstag Unseres Herrn Jesus Christus im Jahr 1888, im elften Jahr Unseres Pontifikats.
Quelle: papalencyclicals
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