Schopenhauer

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Schopenhauer

Schopenhauer, Arthur, Philosoph, * 22.2.1788 zu Danzig, Sohn des Kaufmanns Heinrich Floris und der Roman-Schriftstellerin Johanna Schopenhauer (1766 – 1838), machte in jugendlichem Alter mit dem Vater eine Reise durch West- und Südeuropa, wurde gegen seinen Willen Kaufmanns-Lehrling, bezog aber nach des Vaters Tod, 10 Jahre alt, das Gymnasium zu Gotha und die Universität Göttingen 1809 und Berlin 1811. In Jena promovierte er 1813 mit der Schrift: Über die 4fache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grund; er wurde durch Goethe in die Farbenlehre und vom Orientalisten Friedrich Majer ins indische Altertum eingeführt. 1819 erschien nach 4jähriger Arbeit sein Hauptwerk: Die Welt als Wille und Vorstellung. 1820 habilitierte er sich in Berlin, las aber, weil ohne Lehrerfolg, nu in diesem Sommersemester, ging hierauf wieder auf Reisen. Seit 1831 lebte er in Frankfurt a. M. als Privatlehrer, † ebd. 20.9.1860. Weitere Schriften: Über das Sehen und die Farben (1816); Über den Willen in der Natur (1836); die beiden Grundprobleme der Ethik (über die Freiheit des menschlichen Willens und über das Fundament der Moral (1841)); Parerga und Paralipomena (1851).

I. Lehre. Schopenhauer will ganz auf Kant, den er als einziger richtig verstanden habe, aufbauen. Aber er jält Kants Ding an sich auch der Beschaffenheit nach für erkennbar, zwar nicht als Objekt für irgend eine Vorstellung und den verstand, sondern nur durch innere Anschauung, die es unmittelbar von sich selbst hat, als Wille. Dem verstand wirft Schopenhauer große Mängel vor; er will auch die Worte „Vernunft“ und „Verstand“ gegenüber Kant in ihrer Bedeutung vertauschen. Außerdem hält er Kant vor, er habe in der 2. Auflage er „Kritik der reinen Vernunft“ Verschlechterungen eingeführt, wie denn Schopenhauer überhaupt zu Argwohn (z. B. gegen Goethe), zu maßlosen Vorwürfen (so gegen seine Mutter, gegen Fichte und Schelling) und zu Verdächtigungen (z. B. gegen Hegel) neigte. Der also überempirisch und eigentlich unlogisch erfaßte Wille (nicht der menschliche) ist nach Schopenhauer das einzige Ding an sich. Er ist auch selbst unlogisch und im Grunde bewußtlos. Trotzdem trachtet Schopenhauer empirisch zu zeigen, daß in allen Natur-Erscheinungen eine Willensäußerung (als unbewußte Strebung) vorliege, so im Fallen des Steins eine Tendenz zum Fallen, so im physikalischen und in Meßmers tierischem Magnetismus, im tierischen und im menschlichen Affekt. Hier kommt er der thomistischen Lehre vom appetitus naturalis nahe. Aber Schopenhauers Allwille ist, wo er aus sich heraustritt, von sich abgefallen (Schelling), kann daher nur immer ringen, unfertig und unvollkommen gestalten, listig wirken. Ausdruck solchen ewigen Strebens sind zunächst die anorganischen, dann die organischen Körper, zuhöchst der Mensch und dessen Gehirn. Mittels des Hirns stellt sich der Mensch jenen Ausdruck seiner selbst als Welt vor. Jetzt ist die Welt nicht mehr Wille, sondern bloß Vorstellung, „gegeben“, nicht „gesetzt“, bloße Erscheinung und als solche nichtig. Das nun objektiv bestimmte Wollen oder Wünschen entspringt aus Mangel, daher ist Unseligkeit stete Begleiterin jedes Wollens; alles Leben ist wesentlich Leiden. Damit wird Schopenhauer zum Vater des modernen Pessimismus. Da der Wille, dieses innerste Wesen aller Dinge, nur einer ist, so ist fremdes Leiden eigenes und Mitleid die einzige Grundlage der Moral. Richtige Erkenntnis des Wesens der Welt ist Quietiv (Beruhigungsmittel) des Willens, führt zur Verneinung des Willens zum Leben durch Keuschheit, Armut, Entsagung, Aszese, nicht durch Selbstmord (vgl. Eduard von Hartmann). Als Student schrieb Schopenhauer keiner, der wirklich philosophiere, sei religiös. Diese Nichtbeachtung der Religion steigerte sich später zum Haß. Jede Religion ist ein Übel; das Dasein eines allmächtigen, allweisen, allgütigen Gottes, eines gehirnlos denkenden Wesens, ist unmöglich; Wissenschaft ist Todfeindin der Religion; das geringste Übel ist noch der Buddhismus, weil götter- und dogmenlos.

II. Würdigung. … Selbst nachdem Schopenhauer gewisse sittliche Entgleisungen seiner Jugend überwunden hatte, huldigte er im Essen und trinken nicht seinem Aszetismus. Anfänglich zu seinem wütenden Ärger erfolglos, gewann seine für Gebildete im allgemeinen leicht verständliche (Schopenhauer der Popularisator Kants!), fast biedermeierisch getönte (obschon keineswegs immer lichtvolle), dabei oft witzige, bissige und boshafte Schreibart … gegen Ende seines Lebens die von ihm vorher gesagte Wirkung. Indes lasen viele aus den Schriften bloß das heraus, was ihrer freien Lebensanschauung paßte. Zuerst hatte Schopenhauer nur unbedeutende Anhänger (Frauenstädt, Mainländer, Gwinner u. a.), später Paul Deussen, der die Lehre Schopenhauers kurz zusammen faßte und 1911 eine eigene Schopenhauer-Gesellschaft gründete. Richard Wagner und von Hornstein machten seinen Pantheismus in Künstlerkreisen bekannt. Der von Wagner bestimmte junge Nietzsche sagte nicht nur Schopenhauer, sondern auch dem Tondichter auf. Neben Renan, David Friedrich Strauß und dem Materialismus hat Schopenhauer zur Vernichtung christlicher Anschauungen in Deutschland am meisten beigetragen. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IX, 1937, Sp. 316 – Sp. 318

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