A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Pessimismus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Pessimismus

Pessimismus. Der Schöpfer und klassische Vertreter des modernen Pessimismus ist A. Schopenhauer. Das Wesen der Welt ist für ihn, gefunden durch Intuition, der Wille, d. h. (in Wirklichkeit) der ziellose Trieb, der in immer neuen Seinssetzungen sich äußert und darin von Sehnsucht zu wildem Verlangen und ungezügelter Gier taumelt. Die Welt ist die schlechteste aller Welten, das Seiende selbst essentiell schlecht. Verneinung des Willens zum Leben, vorübergehend im ästhetischen Genuss, dauernd in schärfster Aszese und völliger Willenlosigkeit, ist das Mittel zur Aufhebung dieses Zustandes bis zum Untergang der Welt. Obwohl Schopenhauers Leben in schneidendem Gegensatz zu diesen Lehren stand, fand er seit der Revolution von 1848 viele Anhänger, die ihn z. T. überboten: Richard Wagner (zeitweilig), Julius Frauenstädt, Jul. Bahnsen, Phil. Mainländer (= Phil. Batz), während Paul Deussen Schopenhauers Pessimismus philosophisch begründete und die (schon von Schopenhauer betonte) Verbindung mit dem indischen Gedankengut im Brahmanismus, den Upanishaden und dem Buddhismus herstellte. Nach Eduard von Hartmann, dem bedeutendsten Schüler Schopenhauers, ist der Grund der Welt das Unbewußte, Verstand und Wille zugleich; der erstere erklärt das Wesen, der letztere das Dasein der Welt. Daher ist die vorhandene Welt besser als gar keine; aber weil Schmerz und Leid wegen der Triebhaftigkeit des Willens überwiegen und damit der Zunahme der Kultur immer steigen, darum muss in der Kulturmenschheit mit der Zunahme dieser Einsicht der Entschluss zum Nichtsein vorbereitet werden, durch dessen Verwirklichung das Unbewußte von der Qual des Daseins endgültig befreit wird. Die jüngste Form des Pessimismus steht bei E. Troeltsch, der jede Kultur nur aufblühen sieht, auf daß sie untergehe; ähnlich, nur rein biologisch, denkt Oswald Spengler. Bei Nietzsche wird der im System angelegte Pessimismus überwunden durch einen Heroismus der seelischen Stärke, die Welt zu bejahen trotz der überwiegenden Schlechtigkeit. M. Scheler und ähnlich Nic. Hartmann sehen im Weltprozess die fortschreitende Verwirklichung des Göttlichen in der Durchdringung des Triebes mit dem Geist, wozu der Mensch mithelfen soll. M. Heidegger endlich findet das Existentiale des Menschen in der Sorge, d. h. dem Sein in Zeit und Not, im fragenden, ungedeckten Standhalten inmitten der Ungewißheit des Seienden, also in einer Art prometheischen Trotzes (Sein und Zeit, 1927; Selbstbehauptung der deutschen Universität 1933, 13).

Im Religiösen

Als pessimistisch wird vor allem das indische Denken angesprochen. Es scheint sicher: das vedische Denken ist nicht pessimistisch, im Gegenteil äußerst aktiv. Erst als mit der Umformung des Opferspruches Brahma zu einer Götter und Menschen beherrschenden Zauberkraft die magisch-monistische Religiosität einzog, kam der düstere Grundzug des Verfallenseins an das Leid auf: jede individuelle Tat (karman) wirkt sich nicht schon im individuellen Leben, sondern im Kreislauf der Geburten aus (samsara); man kann sich diesem nur entziehen, wenn man sich jedes karman versagt (Brahmanismus). Diese religiöse Konzeption deuteten dann die Upanishaden philosophisch: Die Verendlichung ist Schuld und Leid; Aufhebung der Verendlichung ist der Weg zum Heil. Das Heil wird in der vollständigen Aufgehobenheit der individuellen Existenz in der Vereinigung mit dem All-Einen gesucht, im übrigen als eine Art Seligkeit gedacht. Die Sünde als moralische Schuld besteht in diesem System nicht mehr. Der Buddhismus ist ein anderer Weg zum selben Ziel (Nirvana), nur mit den milderen Mitteln des psychischen Trainings (buddhistische Versenkung). Was Nirvana sei, bleibt unbestimmt; es ist aber jedenfalls nicht mit dem Nichts identisch, eher stellt es den Zustand seliger (wohl unbewußter) Vereinigung mit allem Wesenden dar. Die pessimistische Ausdeutung des indischen Denkens scheint also mehr auf Rechnung des unhistorischen Denkens bei Schopenhauer und dessen Adepten zu gehen.

Kritik am Pessimismus

Ein Wille, der an dem Selbstwiderspruch zu wollen und nicht zu wollen krankt (Külpe) – denn der Mensch soll ja schließlich durch sein verneinen des Willen den Willen des Weltgrundes ertöten, von dem er selbst notwendiger Ausfluss ist -, ein Göttliches, das sich selbst in Individuen zersplittert, um sich in das Nichts auflösen zu können, ist logisch ein Unsinn. So steht auch auch bei Scheler und Hartmann die alles philosophisches Denken auflösende Frage am kritischen Ende: Warum in aller Welt fällt es dem Göttlichen im Weltgrund ein, sich in Drang und Geist zu äußern? Heideggers Tragizismus bedeutet ebenso die Verneinung des Logischen im Weltgrund und damit den Verzicht auf eine Lösung des Rätsels: Woher, wozu die unendliche Mühe und Kraftanstrengung des Geistes im Menschen, wenn er nur unterzugehen bestimmt ist? Schließlich geht jedoch die Entscheidung zwischen Optimismus und Pessimismus auf das Geheimnis des Leidens und des Bösen in der Welt (Theodizee) zurück, das philosophisch unlösbar ist. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 736 – Sp. 737

Buch mit Kruzifix
Apokatastasis
Buch mit Kruzifix
Exorzismus

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Goffine, Leonhard

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Goffine Goffine, Leonhard, OPraem, religiöser Volksschriftsteller, * 6. 12.1648 zu Köln, 1669 Ordensprofess in Steinfeld, 1676 Priester, tätig bei den Prämonstratenserinnen in Dünnwald und Ellen, 1680-1685 Novizenmeister; dann Pfarrer in Klarholz, Niederehe, Coesfeld, Wehr,…
Buch mit Kruzifix

Dupanloup

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Dupanloup Dupanloup, Félix Antoine Philibert, * 3.1.1802 zu St-Félix in Savoyen, † 11.10.1878 auf Schloß Lacombe v. Grenoble. 1825 Priester und sofort Vikar an der großen Pfarrei Ste-Madeleine zu Paris, wirkte Dupanloup als Katechet…
Buch mit Kruzifix

Abendmahlsstreit

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Abendmahlsstreit Abendmahlsstreit, betraf die Art und Weise der Gegenwart und Vergegenwärtigung des Leibes und Blutes Christi in der Eucharistie. I. Erster Abendmahlsstreit. Bei dem im 9. Jahrhundert entstandenen sog. 1. Abendmahlsstreit zwischen Paschasius Radbertus…
Buch mit Kruzifix

Epikie

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Epikie Epikie (Billigkeit) heißt in der Moral die auf Gründen der Vernunft beruhende Annahme, daß ein Gesetz in einem speziellen Fall wegen besonderer Umstände nicht verbindlich sei. Der Gesetzgeber kann nämlich nie alle Fälle…
Buch mit Kruzifix

Abaelard

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Abaelard Abaelard (abaelardus, Abailardus), Peter, Philosoph, Theologe und Hymnendichter. I. Leben. 1079 in Palais (Palatium, daher Peripateticus Palatinus) bei Nantes aus ritterlichem Geschlecht geboren. Fast noch Knabe, kam er in die Schule des Roscelin…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Noailles

Bischof
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Noailles Noailles, altes französisches Adelsgeschlecht in Limousin, dem u.a. angehören: 1) François, *1519, 1556 Bischof v. Dax, †1585; französischer Gesandter in England, Venedig, Rom, in der Türkei, überall (außer in Rom) mit Erfolg für Frankreich tätig. – 2) Dessen Bruder Gilles, †1597 zu Bordeaux; gleichfalls französischer Gesandter in England,…
Buch mit Kruzifix

Menschensohn

Heilige Schrift NT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Menschensohn Der Menschensohn. Nach dem übereinstimmenden Bericht der Evangelien hat sich Jesus selbst oftmals mit dem Titel „der Menschensohn“ bezeichnet. Diese Bezeichnung tritt wie etwas Gegebenes, etwas Selbstverständliches in die Darstellung ein, ohne ein Wort der Erklärung von Seiten des Herrn, ohne eine Frage oder ein Zeichen der Verwunderung…
Buch mit Kruzifix

Samaritaner

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Samaritaner Die nichthellenistischen Bewohner dieser Landschaft (Samaria) bezeichnet man als Samaritaner. 1) Geschichte: Die im Jahr 722 von dort deportierten Israeliten wurden durch Kolonisten aus verschiedenen Gegenden des Assyrerreiches ersetzt (2. Kg. 17, 24), welche mit dem im Land zurück gebliebenen Teil der einheimischen Bevölkerung verschmolzen. Da unter den…
Buch mit Kruzifix

Independenten

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Independenten Independenten, Kongregationalisten, puritanische Sekte, von den Presbyterianern getrennt durch die Verfassung ihrer Gemeinden (congregations), die voneinander, von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit unabhängig (daher auch Independenten), unmittelbar der Leitung Christi unterstehen und in seine unsichtbare Kirche sich eingliedern wollen. Nach H. Barrow wird jedem durch sein Charisma vom Geist…
Buch mit Kruzifix

Ophiten

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ophiten Ophiten (Ophianer, Serpentini, Schlangenbrüder), eine gnostische Sekte, die von der Schlange ihren Namen erhielt. Die Schlange spielte nämlich eine Hauptrolle in ihrem System, insofern sie den Fall des Menschen veranlasst hat, der aber für sie der Übergang zur Gnosis ist. Ophiten-Diagramm (Rekonstruktion) Die Sekte bestand jedenfalls schon um…
Buch mit Kruzifix

Barmherzigkeit

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Barmherzigkeit Barmherzigkeit (misericordia) ist die Tugend, die Mitleid hat mit fremdem Übel, und zwar nicht bloß dem Gefühl nach, sondern unter dem Einfluß und der Leitung des vernünftigen Willens. Sie ist (vgl. S. Thom. 2,2, q. 30, q. 2 u. q. 32, a. 1) ein Ausfluß der Liebe, die…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner