Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Samaritaner

Die nichthellenistischen Bewohner dieser Landschaft (Samaria) bezeichnet man als Samaritaner.

1) Geschichte: Die im Jahr 722 von dort deportierten Israeliten wurden durch Kolonisten aus verschiedenen Gegenden des Assyrerreiches ersetzt (2. Kg. 17, 24), welche mit dem im Land zurück gebliebenen Teil der einheimischen Bevölkerung verschmolzen. Da unter den Angesiedelten Leute von Kutha erwähnt werden, heißten die Samaritaner bei den Juden vielfach Kuthäer(…). Nach Esr. 4, 2 und 9f. erfolgten Nachschübe von Kolonisten unter Asarhaddon und Assurbanipal. Einen Einschlag jüdischen Blutes erhielten die Samaritaner durch den Übertritt des Mitglieds der hohenpriesterlichen Familie Manasse v. Jerusalem und seines Anhangs (Neh. 13, 28; Ant. XI 203f, 306/12; XIII 256, wo jedoch das Ereignis in die Zeit Alexanders d. Gr. verlegt wird).

Seitdem bilden die Samaritaner nicht nur eine völkische Sondergruppe, sondern auch eine religiöse Sekte, die sich durch den Bau eines Jahvetempels auf dem Garizim einen kultischen Mittelpunkt schuf. Den Religionsverfolgungen unter Antiochus IV. Epiphanes entzogen sie sich durch Widmung dieses Heiligtums an den Zeus (2. Makk. 6, 3) … Den Tempel zerstörte freilich Johannes Hyrkanus I. 129 v. Chr.; doch blieb der Garizim das religiöse Zentrum der Samaritaner (Joh. 4, 20).

Die völkische und religiöse Abneigung zwischen Juden und Samaritanern war sehr heftig (Lk. 9, 52f; Joh. 4, 9). Doch berichtet Joh. 4, 48 von einer freundlichen Aufnahme Jesu nach dem Gespräch mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen. Jesus illustriert die Nächstenliebe durch das Gleichnis vom barmherzigen Samaritan (Lk. 10, 30-37), und der Diakon Philippus begründete eine Christengemeinde unter den Samaritanern (Apg. 8, 25). in hellenistisch-römischer, ja noch in byzantinischer Zeit hatten die Samaritaner eine starke Diaspora (auch in Rom bestand eine Synagoge). Wegen Teilnahme am Jüdischen Krieg metzelte Cerealis 11600 von ihnen auf dem Garizim nieder (Josephus, Bell. Jud. III 307/15). Der missglückte Aufstand v. J. 529 n. Chr. hat sie fast vernichtet; immerhin gab es noch im Mittelalter Kolonien der Samaritaner in Cäsarea. Askalon und Damaskus. Letztere bestand noch (ebenso wie kleine Kolonien in Kairo, Jafa, und Sarafánd [Sarepta]) im 17. Jahrhundert.

2) Sprache: Seit dem Eindringen des Islams sind die Samaritaner ebenso wie das übrige Palästina allmählich arabisiert worden. Vorher sprachen sie einen west-aramäischen Dialekt, der in vielen Schriftdenkmälern erhalten, aber noch nicht genügend erforscht ist. Die früher angenommenen „kuthäischen“ Wurzeln sind Irrtümer unwissender und nachlässiger Abschreiber. Im Kultus gebrauchen die Samaritaner außer diesem Dialekt das Hebräische; sie verwenden es in neuerer Zeit wieder mehr zu gelehrten Zwecken, sprechen es aber anders als die Juden aus. Ihre Schriften, mit der sie auch das Arabische wiedergeben, ist eine stilisierte Abart des alt-hebräischen Alphabets.

3) Religion: Die Samaritaner fühlen sich als echte Juden, sind daher strenge Monotheisten. Als Heilige Schrift erkennen sie nur den Pentateuch an; das vor einigen Jahren aufgetauchte „Samaritanische Psalterium“ ist eine Fälschung. Sie sind die einzige jüdische Sekte, die noch den Ritus der Schlachtung des Paschalammes übt (auf dem Garizim). Der Sabbath und die pentateuchischen Feste werden gewissenhaft gehalten. Das Weltende erwarten die Samaritaner 6000 Jahre nach der Erschaffung der Welt, danach einen 1000jährigen Weltensabbath, auf den die 2. Weltzeit folgt, welche die ewige Herrschaft Gottes bringt. Sie glauben an Auferstehung und Vergeltungsgericht, nach dem Tod, auch an einen Messias, den Ta ‚eb, der ihnen jedoch nur ein Prophet wie Moses, kein überirdisches Wesen ist und nur 110 Jahre alt werden wird (vgl. die 120 Jahre des Moses!). Oberhaupt der Gemeinde ist der Hohepriester (= Kâhin); doch ist die direkt auf Aaron zurück geführte eigentliche hohepriesterliche Linie seit 1658 erloschen. Trotz des Gegensatzes zu den Juden haben die Samaritaner manches von ihnen angenommen.

4) Der Pentateuch der Samaritaner, eine 1616 erstmals in Europa bekannt gewordene Rezension des hebräischen, weicht an rund 6000 Stellen vom masoretischen Text ab. Vielfach handelt es sich aber nur um orthographische Varianten. Tendenziös ist die Einsetzung von „Garizim“ statt „Ebal“ in Dt. 27, 4. An mehreren Stellen geht er mit der Septuaginta parallel; anderswo ist die Auslegung in den Text eingetragen. Als Ganzes ist der Masoratext den samaritanischen entschieden überlegen. Die in der Synagoge v. Nablus befindliche „heilige Rolle“, die den Pentateuch enthält, könnte aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammen. … Gleich den Juden haben auch die Samaritaner zu ihrer Pentateuch-Rezension in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Targume, d. h. Übersetzungen in die aramäische Volkssprache, geschaffen, wovon manche jedoch nur trümmerhaft erhalten sind. Später wurde der Pentateuch auch ins Arabische übersetzt, der Überlieferung nach von Abu Said im 13. Jahrhundert; doch ist dieser wohl nur Bearbeiter älterer Übersetzungen. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IX, 1937, Sp. 150 – Sp. 151

Der Hass der Juden gegen die Samariter scheint seinen Ursprung aus der Zeit der Trennung der beiden Reiche herzuleiten; er wurde erhöht infolge der Weigerung der Samariter, den Tempel in Jerusalem zu besuchen, und durch die Errichtung ihres Heiligtums auf dem Berg Garizim (Jos. Att. 12, 5, 5). Zur Zeit Jesu waren die Samariter von der jüdischen Gemeinschaft ganz ausgeschlossen (vgl. Matth. 10, 5), man vermied ihre Gesellschaft, man nahm keinen Anteil an ihrer Mahlzeit, und kein Jude nahm Herberge bei einem Samariter. Auf der Reise vermieden die Juden den weg durch die samaritischen Orte; dagegen gaben die Samariter wieder ihrerseits die Vorwürfe und Beleidigungen den Juden zurück und ließen es an Ungebührlichkeiten gegen die Juden nicht fehlen (vgl. Jos. Antt. 20, 6, 1). In den Kriegen waren sie immer gegen die Juden gerüstet; aber auch die letzteren überzogen das Land öfters mit Krieg. Hyrkanus eroberte Sichem und zerstörte den Tempel der Samariter (Jos. Antt. 13, 9,1)… Der Hass der Samariter gegen die Juden erhielt sich ungeschwächt auch nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem… Wie die Galiläer an der harten Aussprache ihres Idioms, so waren die Samariter an dem weichen, glatt geschliffenen, die starken Kehllaute vermeidenden Dialekt erkennbar. –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 9, 1895, Sp. 1289

Tags: Judentum
Buch mit Kruzifix
Accaron
Buch mit Kruzifix
Samaria

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Reformationsrecht

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Reformationsrecht Reformationsrecht (jus reformandi) des Landesherrn heißt in der Geschichte der sogenannten Reformation das Recht, welches sich die Fürsten und Stände des deutschen Reiches beilegten, kraft ihrer Territorialhoheit in ihren Ländern die eigene Konfession…
Buch mit Kruzifix

Reichensperger

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Reichensperger Reichensperger, Name zweier um die katholische Sache hochverdienter Brüder. 1. August Reichensperger, Politiker und Kunstschriftsteller, war am, 22. März 1808 in Koblenz geboren und studierte zu Bonn, Heidelberg und Berlin Rechtswissenschaft. Im Jahre…
Buch mit Kruzifix

Hölle

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hölle Hölle. I. Dogmatisch. Die ewige Bestrafung der in der Todsünde Dahingeschiedenen bezeugen das Athanasianische Glaubensbekenntnis: „Die aber Böses getan haben, werden in das ewige Feuer gehen“ (Denzinger n. 40); Papst Pelagius I. 557:…
Buch mit Kruzifix

Exorzismus

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Exorzismus Exorzismus (Beschwörung), vom ursprünglichen = die Dämonen herbei rufen, christlich umgebildet = Dämon abwehren, ein im Namen Gottes (Jesu) an den Teufel gerichteter Befehl, Menschen oder Gegenstände zu verlassen bzw. sich eines schädigenden…
Buch mit Kruzifix

Salesianer

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Salesianer Salesianer, 1) Oblaten des hl. Franz v. Sales v. Troyes; 2) Oblaten (oder Missionäre) des hl. Franz v. Sales v. Annecy. – 3) S. Don Boscos, eigentlich Pia Societas sancti Francisci Salesii (abgekürzt…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Proselyten

Antike
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Proselyten Proselyten (= die Hinzugekommenen, in der Vulgata proselyti, advenae). Im Alten Testament sind Gerim die Nicht-Israeliten, die sich für längere Zeit unter den Israeliten niedergelassen hatten, also vor allem die Landeseingeborenen; sie genossen den Schutz des Gastrechts, und das Gesetz nahm sich ihrer an (Ex. 20,10; 22,20; 23,9). Ließen…
Buch mit Kruzifix

Schriftgelehrte

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Schriftgelehrte Jüdische Schriftgelehrte am Grab des Propheten Ezechiels Schriftgelehrte (Schreiber, Sekretäre) sind Juden, die sich berufsmäßig mit der Erforschung des Gesetzes beschäftigen. Als eigener Stand gesetzeskundiger Lehrer und Richter erscheinen sie seit Esdras, der den Späteren stets als Vater und Vorbild der Schriftgelehrsamkeit galt. Esdras war noch Priester und…
Buch mit Kruzifix

Tempelweihe

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Tempelweihe oder Chanukka Tempelweihe oder Chanukka (=Einweihung, vgl. Nehemias. 12, 27), das 8-tägige Fest der Tempelweihe, beginnend am 25. Kislev (Dez.), eingesetzt nach dem Sieg über die Syrer 165 zum Andenken an die Reinigung und Neueinweihung des Tempels und an die Weihe des neu errichteten Brandopferaltars (1. Makk. 4,…
Buch mit Kruzifix

Die makkabäischen Brüder

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Die Makkabäischen Brüder Die Makkabäischen Brüder, Bezeichnung der 7 Söhne der „Makkabäermutter“, so genannt, weil sie alle in der Verfolgung starben, die den Anlass zum Aufstand der Makkabäer gab. – Diese Hebr. 11, 35 gepriesenen Vorkämpfer des Monotheismus wurden von den Frühchristen sehr geschätzt und schon von Cyprian (Ad…
Buch mit Kruzifix

Judenmission

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Judenmission Zur Judenmission in der Urkirche vgl. Judenchristen. Seit dem Bar Kochbar-Aufstand (132-35) schloss sich das Judentum in nationalistischer Enge gegen die universale Kirche ab und schuf seit Ende des 2. Jahrhunderts im Talmud eine fast unüberwindliche Schranke. Die Judenmission war seitdem auf Einzelerfolge angewiesen. Literarische Judenmission übten im…
Buch mit Kruzifix

Nehemias

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Nehemias Nehemias, im A.T. 1. eines von den Familienhäuptern, welche mit Zorobabel und Josue aus der Gefangenschaft in Babylonien nach Jerusalem zogen (2.Esdr. 7, 7). – 2. der Sohn Azbocs, ein angesehener Mann aus Bethsur, der sich beim Wiederaufbau der Mauer von Jerusalem hervortat (2. Esdr. 3, 16). –…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner