Lexikon M

Molinismus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Molinismus

Molinismus, das Gnadensystem des Luis de Molina, weiterhin das der Jesuiten-Theologen, im Gegensatz zum Thomismus im engeren Sinn, wie er besonders von Bañez und Zumel vertreten wurde. Der Molinismus ruht auf diesen Hauptgedanken: Freiheit, hinreichende Gnade, gleichzeitige göttliche Mitwirkung und göttliches Vorauswissen der bedingt freien Handlungen.

1) Die Freiheit besteht darin, dass, wenn alle Bedingungen und Voraussetzungen zum Handeln gegeben sind, der Mensch eine volle, aktive und souveräne Entscheidungskraft über die Existenz und das Sosein seiner Akte besitzt. Im Urstand (status naturae integrae) war diese Freiheit übernatürlich erhöht durch die heiligmachende Gnade (gratia elevans) und präternatural gestärkt durch die justitia originalis. Durch die Erbsünde gingen die heiligmachende Gnade und die präternaturalen Gaben verloren; aber die Freiheit, d. i. die Fähigkeit, sich selbständig zu entscheiden, blieb unverloren und unverletzt weiter bestehen.

Die Kräfte des Menschen im gefallenen Zustand (status naturae lapsae) sind identisch mit denen, die er hätte, wenn er ohne Gnade und ohne präternaturale Gaben geschaffen wäre (status naturae purae). Von einer Verwundung der Freiheit durch die Erbsünde kann man nur reden, wenn man die jetzige gefallene Natur misst am Urstand, nicht am status naturae purae. Die Notwendigkeit einer inneren Wirkkraft der Gnade ist daher nicht aus der Schwäche und Unfähigkeit der gefallenen Menschennatur abzuleiten. –

2) Die volle Integrität der Freiheit wird nicht eingeschränkt durch das natürliche Mitwirken Gottes zu jeder Handlung. Denn dieses Mitwirken ist kein Vorausbestimmen (praedeterminatio physica), sondern besteht darin, dass Gott frei seine an sich indifferente Mitwirkung dem frei wirkenden Geschöpf zur Verfügung stellt und im Augenblick des Wirkens mit dem Geschöpf zusammen unmittelbar die Wirkung setzt. (Concursus simultaneus). –

3) Zu übernatürlichen Akten (Glaube, Hoffnung, Liebe, Reue) braucht der Mensch Gottes zuvorkommende innere Verstandes- und Willensgnade (gratia praeveniens). Diese vorausgesetzt, besitzt der Wille die volle Entscheidungskraft über das Zustandekommen der übernatürlichen Akte und damit der Rechtfertigung und des Wachstums in der Gnade. Im Augenblick der Zustimmung des Willens wird die zuvorkommende Gnade zur mithelfen (gratia adjuvans), die hinreichende Gnade (gratia sufficiens) zur wirksamen (gratia efficax).

Ob die Gnade erfolgreich ist und ihre Wirksamkeit faktisch entfaltet, ist daher von der freien Entscheidung des Willens abhängig. Die volle Integrität der Freiheit wird darum auch durch das übernatürliche Gnadenwirken Gottes nicht eingeschränkt. –

4) Dennoch ist Vorsehung und Gnadenwahl sicher und unfehlbar und durchaus in Gottes Hand. Die Harmonie zwischen der Vollgeltung der menschlichen Freiheit und der göttlichen Souveränität sucht der Molinismus herzustellen durch seine Lehre von der Scientia media. Gott erkennt die reinen Möglichkeiten und die notwendigen Sachverhalte mit Notwendigkeit in seinem eigenen Wesen (scientia naturalis, simplicis intelligentiae); er erkennt die von seinem eigenen Willen ins Dasein gerufenen Geschöpfe auf Grund der Entscheidung seines Willens (scientia libera). Kraft der Erhabenheit seines Wesens durchdringt Gott alle Geschöpfe und erkennt so, wie der freie Wille in jeder Situation und jeder Weltordnung gegebenenfalls sich frei entscheiden würde.

Auf Grund dieses Wissens (scientia media) hat Gott es in der Hand, solche Welt- und Gnadenordnungen zu schaffen, worin die selig werden, die er will (Prädestination); und so ist die Auswahl der gegenwärtigen Gnadenordnung Gottes freie unerforschliche Tat. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 262 – Sp. 263

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