A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Waldenser

Waldenser: Petrus Waldes auf dem Lutherdenkmal (1868) in Worms

Waldenser, auch Waldesier, mittelalterliche Sekte, benannt nach ihrem Stifter Waldes (Valdus, Valdesius) – der Vorname Petrus wird erst 1368 erwähnt – aus Lyon. Nach den sich ergänzenden Berichten im Chronicon universale anonymi Laudunensis (MGSkript XXVI 444ff) und bei Stephan von Bourbon (Tractatus de VII donis Spiritus Sancti c. 342 f u. 349 ff) wurde der reiche Kaufmann Waldes durch das Lesen der Evangelien, die er sich von 2 Priestern in die Landessprache übertragen ließ, und durch die Legende vom hl. Alexius für ein Leben evangelischer Vollkommenheit nach Art der Apostel begeistert.

Er überließ seiner Frau den Grundbesitz, versorgte seine 2 Töchter im Kloster, entschädigte die von ihm etwa Benachteiligten, verschenkte sein übriges Vermögen im Hungerjahr 1176 an die Armen und trat als Bußprediger auf. Gleichgesinnte Männer und Frauen schlossen sich ihm an und wanderten nach der Weisung Jesu an die Jünger (Mt. 10,5ff; Lk. 10,ff) zu 2 u. 2 in apostolischer Armut und Tracht durch das Land, das Volk auf Straßen und Plätzen, in Häusern und auch in Kirchen zur Buße mahnend. Es war ein aszetischer Laienprediger-Verein, der einen gesunden Kern hatte und den Anfängen des Ordens des heiligen Franz von Assisi gleicht.

Seine Mitglieder nannten sich Arme von Lyon (Pauperes de Lugduno) oder Arme Christi (Pauperes Christi); andere bezeichneten sie als Societas Valdesii, Waldenses, Leonistae (d. i. von Lyon Kommende), Sabbatati oder Insabbatati (von sabot = Holzschuh; nach anderen von savate = Pantoffel, oder = die den Sabbat Beobachtenden). Da indessen Irrtümer und Ärgernisse vorkamen, so untersagte ihnen der Erzbischof von Lyon die Predigt. Waldes wandte sich an Alexander III. und erschien selbst auf dem Laterankonzil von 1179.

Der Papst billigte das Armutsgelübde, erlaubte aber nur die Sittenpredigt unter kirchlicher Aufsicht. Waldes und seine Genossen fügten sich dem Gebot nur kurze Zeit. Als sie, auf Apg. 5,29 sich berufend, wie bisher auch die Glaubenspredigt übten und sich als Sittenrichter des Klerus gaben, wurden sie auf der Synode von Verona 1184 von Papst Lucius III. zugleich mit den Humiliaten, den Arnoldisten (Arnold von Brescia) und den Gruppen der Katharer exkommuniziert.

Die Entwicklung zur Sekte

Aus Lyon vertrieben, verbreiteten sich die Waldenser, die jetzt zur Sekte wurden, über die Lombardei, Südfrankreich und Spanien. Unter dem Einfluss der Katharer schärfer werdend, verwarfen sie das Fegefeuer, das Gebet für die Verstorbenen und die Totenmessen, die Geldwirtschaft der Kirche, den Ablass, Eid, Kriegsdienst und die Todesstrafe und erkannten nur Taufe, Abendmahl und Buße als Sakramente an. Sie beriefen sich für ihre Anschauungen und Bräuche auf die Hl. Schrift, die sie den Laien eifrig zur Lesung empfahlen und in die Volkssprache übersetzten.

Von eigentlich reformatorischen Anschauungen (Rechtfertigung durch den Glauben allein, allgemeines Priestertum) ist bei ihnen aber nicht zu reden. Die Waldenser zerfielen in 2 Klassen: die Masse der „Freunde“ (amici) oder „Gläubigen“ (credentes) und die „Vollkommenen“ (perfecti, auch fratres, sorores, apostoli, magistri, magistrae). Letztere widmeten sich ausschließlich der Wanderpredigt und der seelsorgerlichen Leitung ihrer Anhänger; es gab Bischöfe (maiores, maiorales), Priester (presbyteri) und Diakonen (iuniores, minores), die von Waldes, dem „praelatus et pontifex omnium“ ordiniert wurden. Sie legten die Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams gegen ihre Oberen ab und versammelten sich 1-2 mal jährlich zu einem Generalkapitel; da die körperliche Arbeit ihnen verboten war, bezogen sie den Unterhalt von ihren Gesinnungs-Genossen unter den Weltleuten.

Zerfall der Waldenser in eine französische und eine italienische Gruppe

Schon bald zerfielen die Waldenser in eine französische (die sogenannte Stammes-Genossenschaft) und eine italienische (lombardische) Gruppe. Die französischen „Armen“, hauptsächlich in Dauphiné, Provence und im Languedoc verbreitet, suchten die Verbindung mit der katholischen Kirche aufrecht zu erhalten, empfingen ihre Sakramente und besuchten ihren Gottesdienst. Der radikalere lombardische Zweig, mit dem Mittelpunkt Mailand, strebte nach Unabhängigkeit von Waldes, beanspruchte für sich die Wahl und Weihe eigener lebenslänglicher Vorsteher (rectores, praepositi) und hielt gegen die Einsprache des Waldes an den alten Handwerker-Genossenschaften fest.

Um 1210 kam es zum Bruch. Nach dem Tod des Waldes (um 1217) wurde auf dem Konvent zu Bergamo 1218 eine Wiedervereinigung versucht, doch umsonst. Die Lombarden verwarfen die ganze sakramentale und hierarchische Ordnung der Kirche, erklärten die Sakraments-Spendung ihrer Priester für ungültig und richteten ihren eigenen Gottesdienst ein. Doch schon seit Ende des 13. Jahrhunderts nahmen auch sie, um der Verfolgung zu entgehen, wieder am katholischen Kult teil; nur die Beichte legten sie womöglich bei ihren Brüdern (magistri, confessores, bihter, Barbe) ab.

Die italienischen Waldenser bewiesen die stärkste Lebenskraft und erlangten durch eine rege, im geheimen schleichende Propaganda (danach werden sie in Deutschland auch Winkeler) genannt) die weiteste Verbreitung: in den Alpentäler Piemonts und Savoyens, in Unteritalien, Süddeutschland, Böhmen, Mähren, Brandenburg, Polen und Ungarn. Im Bistum Passau gab es um 1260 in mehr als 40 Pfarreien Waldenser; ihr Bischof hatte in Anzbach (N.-Österreich) seinen Sitz. –

Die Verfolgung der Waldenser

Bereits seit Ende des 12. Jahrhunderts gingen die geistlichen (Inquisition) und weltlichen Behörden scharf gegen die Waldenser vor; viele von ihnen wurden verbrannt, 1211 in Straßburg allein 80 Männer und Frauen. Andere gewann man durch friedliche Belehrung und Religions-Gespräche. Innozenz III. gründete als Gegenstück die Genossenschaften der „Katholischen Armen“ (1208) und der „Rekonziliierten Lombarden“ (1210), indessen ohne größeren Erfolg. Als eifrige Bekämpfer der Waldenser traten der Abt Bernhard von Fontcaude OPraem und die Franziskaner David von Augsburg und Berthold von Regensburg hervor.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts flaute die Bewegung ab. In Böhmen verschmolzen sich die Waldenser mit den Husiten und Böhmischen Brüdern. In der Provence, Dauphiné und in Piemont nahmen sie auf der Synode von Chanforans 1532 großenteils die calvinistische Lehre an, wurden aber bald heftig verfolgt. Als der Herzog Viktor Amadeus II von Savoyen im Einverständnis mit König Ludwig XIV von Frankreich 1686 die Ausübung der reformierten Religion verbot und die Prediger verbannte, wanderten nach Niederwerfung ihres bewaffneten Aufstandes mehrere tausend Waldenser nach Baden, Hessen, Brandenburg (700) und Württemberg (2000 unter Führung des Henri Arnaud) aus und gründeten dort eigene Kolonien.

Diese traten jedoch 1821-1823 zu den deutschen Landeskirchen über. In Peimont erlangten sie 1848 Religionsfreiheit. Seitdem warben sie in ganz Italien rege und gründeten vielerorts neu Gemeinden… Die oberste Kirchenleitung hat die sog. „Tafel“, d. h. die jährlich zu Torre Pellice zusammen tretende Synode von 5 Mitgliedern (Geistlichen und Laien) unter dem Vorsitz eines „Moderatore“. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. X, 1938, Sp. 728 – Sp. 730

Zur Eingliederung der Sekte in die lutherische Landeskirche siehe: 200. Jahrestag der Eingliederung der Reformierten- und der Waldensergemeinden in die Landeskirche

Bildquellen

  • Worms_Lutherdenkmal_Petrus_Waldus_2012-02-21-18-24-52: wikimedia | CC BY 3.0 Unported
Tags: Häretiker
Buch mit Kruzifix
Buße
Buch mit Kruzifix
Abtötung

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Palästina

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Palästina Palästina heißt mit seinem späteren, allgemein üblichen Namen das den Israeliten von Gott verheißene und übergebene Land. Es wurde nämlich der Name des südwestlich von dem israelitischen Gebiet an der Meeresküste gelegenen Landes…
Buch mit Kruzifix

Marozia

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Marozia Marozia, Tochter des römischen Senators Theophylakt und der älteren Theodora, Schwester der jüngeren Theodora, 3mal vermählt: um 905 mit Markgraf Alberich I. von Spoleto, 925 mit Markgraf Guido von Tuscien, 932 mit König…
Buch mit Kruzifix

Exemtion

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Exemtion Exemtion (exemtio) ist die Befreiung eines Untergebenen von der Jurisdiktions-Gewalt des (oder der) nächsten ordentlichen kirchlichen Vorgesetzten bei unmittelbarer Unterordnung unter die Gewalt eines höheren Vorgesetzten. So sind vielfach Bischöfe (…) nicht einem…
Buch mit Kruzifix

Karlmann

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Karlmann Karlmann, Hausmeier 741-747, ältester Sohn Karl Martells und der Chrotrudis, * um 707, † 17.8.754 zu Vienne, bestattet in Monte Cassino, Karlmann erhielt von seinem Vater bei der Reichsteilung 741 Austrasien, Schwaben und…
Buch mit Kruzifix

Macedonius

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Macedonius Macedonius, semiarianischer Bischof von Konstantinopel. Ursprünglich Brokatweber, lange Diakon der Kirche von Konstantinopel, bei der Wahl des Paulus arianischer Gegenkandidat, bei der Wahl, nach dem Tod des Eusebius von Nikomedia wirklicher Gegenbischof des…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Independenten

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Independenten Independenten, Kongregationalisten, puritanische Sekte, von den Presbyterianern getrennt durch die Verfassung ihrer Gemeinden (congregations), die voneinander, von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit unabhängig (daher auch Independenten), unmittelbar der Leitung Christi unterstehen und in seine unsichtbare Kirche sich eingliedern wollen. Nach H. Barrow wird jedem durch sein Charisma vom Geist…
Buch mit Kruzifix

Eutyches

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Eutyches Eutyches, Irrlehrer, * 378, Mönch, später Archimandrit eines großen Klosters (300 Mönche) bei Konstantinopel. Gestützt auf die kaiserliche Macht und blindes Werkzeug des Patriarchen Dioskur I. von Alexandrien, kämpfte er leidenschaftlich gegen alle wirklichen und vermeintlichen Nestorianer, bis ihn selbst die Synode zu Konstantinopel 8.11.448 wegen Monophysitismus verurteilte.…
Buch mit Kruzifix

Priscillian

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Priscillian Priscillian, spanischer Häretiker, 385 wegen Magie, nicht wegen Häresie, zu Trier vom Gegenkaiser Maximus hingerichtet, was von kirchlicher Seite aus, besonders von Martin von Tours, verurteilt wurde. Priscillian verdankt sein Fortleben in der kirchen-geschichtlichen Literatur fast ausschließlich dem Umstand, daß man ihn fälschlich für den ersten Ketzer hielt,…
Buch mit Kruzifix

Paulizianer

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Paulizianer Paulizianer, Sekte im byzantinischen Kaiserreich, die den Dualismus und eine rein geistige, auf dem Evangelium gebaute Kirche lehrte. Verwandtschaft mit dem Marcioniten und Archontikern ist vorhanden, eine ursächliche Verbindung mit ihnen aber nicht nachweisbar. Zusammenhang mit dem Manichäismus stritten die Paulizianer selber heftig ab. Die Gottheit Christi wurde…
Buch mit Kruzifix

Appellanten

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Appellanten Appellanten, Anhänger des Jansenismus in der fünften Periode seiner Entwicklung. Nachdem die Umtriebe und die Opposition gegen die Bulle Unigenitus, sowie die fruchtlosen Unterhandlungen zwischen den Akzeptanten und den Opponenten sich durch einige Jahre fortgezogen hatten, appellierten am 1. März 1717 vier Bischöfe (von Mirepoix, Monpellier, Boulogne, Senez)…
Buch mit Kruzifix

Abaelard

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Abaelard Abaelard (abaelardus, Abailardus), Peter, Philosoph, Theologe und Hymnendichter. I. Leben. 1079 in Palais (Palatium, daher Peripateticus Palatinus) bei Nantes aus ritterlichem Geschlecht geboren. Fast noch Knabe, kam er in die Schule des Roscelin v. Comiègne, des Gegners des hl. Anselm, und erhielt hier die kritisch-nominalistische Richtung, die ihm…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner