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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Llorente

Llorente, Johann Anton, der Repräsentant der Aufklärung unter dem spanischen Klerus an der Wende des 18. Jahrhunderts, ward aus einer adeligen Familie Aragoniens am 30. März 1756 geboren, studierte das weltliche und kanonische Recht zu Saragossa und wurde 1779 Priester der Diözese Calahorra und Doktor des kanonischen Rechts zu Valencia. Schon damals gehörte er zu den sog. Aufgeklärten, und da die spanische Regierung eben diese Richtung begünstigte, so eröffnete sich ihm schnell die Bahn der bürgerlichen und kirchlichen Ehren. Schon zwei Jahre nach seiner Priesterweihe ward er zu Madrid Advokat bei dem hohen Rat von Kastilien und Mitglied de Akademie zum hl. Isidor, welche sich nach Vertreibung der Jesuiten gebildet und von Anfang an dem Jansenismus gehuldigt hatte. Im folgenden Jahr 1782 wurde Llorente, obgleich erst 26 Jahre alt, Generalvikar des Bistums Calahorra und soll sich, nach seinem eigenen Geständnis, im Jahre 1784 durch Verbindung mit einem unterrichteten Mann von den letzten Resten des ultramontanen Sauerteigs vollends gereinigt haben.

Nach seinen eigenen Worten ist kaum ein Zweifel, daß er damals mit Freimaurern in Verbindung kam. Seine Fortschritte in der neuen Richtung bewirkten aber, daß er jetzt von dem König auch zum Domherrn von Calahorra, von dem aufgeklärten Minister Graf Floridablanca zum Mitglied der neuen Akademie für Geschichte, von dem Großinquisitor Augustin Rubin de Cevallos, Bischof von Jaen, aber zum Generalsekretär des Tribunals zu Madrid ernannt wurde (1789). Die Stelle eines Inquisitions-Sekretärs bekleidete er bis 1791, in welchem Jahr er aus der Hauptstadt verbannt und in sein Kanonikat nach Calahorra gewiesen wurde; aber von dem aufgeklärten Großinquisitor Manuel Abad y la Sierra 1793 wieder herbei gerufen, arbeitete er mit diesem und nach dessen Sturz mit dem Minister Jovellanos, der Gräfin Montijo u. A. an der Herbeiführung einer kirchlich- und politisch-liberalen Umgestaltung Spaniens. Durch aufgefangene Briefe kompromittiert, wurde Llorente, obgleich er schon auf dem Verzeichnis der Kandidaten für ein Bistum stand, verhaftet, seiner Stelle bei der Inquisition entsetzt und zu einer einmonatlichen Bußübung in einem Kloster verurteilt. Die Ungnade dauerte bis zum Jahre 1805, in welchem der berüchtigte Friedensfürst, der spanische Minister Godoy, den baskischen Provinzen ihre Freiheiten (fueros) zu rauben und sie seinem Despotismus zu unterwerfen beschloß. Damit das Werk der Tyrannei leichter gelinge, sollte die Gewalttat von einer sogenannten wissenschaftlichen Begründung begleitet und gerechtfertigt werden, und Godoy warf hierzu seine Augen auf Llorente. Derselbe ward jetzt nach Madrid berufen und schnell zum Domherrn an der Primitialkirche von Toledo, zum Scholastikus der Erzstifts, Kanzler der Universität und Ritter des Ordens Karls III. erhoben, weil er in einem dreibändigen Werk Noticias historicas sobre las tres provinicias bascongadas (Madrid 1806) die Freiheiten der genannten Provinzen bestritten hatte.

Der freisinnige Llorente hatte sich als Werkzeug des Despotismus gebrauchen lassen und wurde nun dafür, den beraubten Provinzen zum Hohn, zum Mitglied der patriotischen Gesellschaft der baskischen Provinzen ernannt. Als dann Napoleon am 10. Mai 1808 den König Ferdinand VII. von Spanien zu Bayonne zur Abdankung zwang, um den spanischen Thron seinem Bruder Joseph geben zu können, erhoben sich die spanischen Patrioten gegen den aufgedrungenen Fremdling; aber es gab auch eine Partei, welche, der Nationalehre vergessend, sich an den französischen Zwingherrn verkaufte, und zu dieser gehörte Llorente. Die geistlichen Orden wurden jetzt unterdrückt, die Klöster ihrer Güter beraubt, und der Priester Llorente übernahm den schönen Auftrag, das Kloster-Aufhebungsdekret in Vollzug zu setzen, einen Raubzug durch Spanien zu machen und das säkularisierte Gut zu verwalten, wobei mancher Edelstein von Kirchenparamenten in seine Privatkasse gefallen sein soll. Er zeigte solche Tüchtigkeit im Konfiszieren, daß er bald zum Generaldirektor der sogen. Nationalgüter erhoben ward, mit welchem Titel man das konfiszierte Eigentum der Patrioten belegte. Einer Unterschlagung von 11 Millionen Realen angeklagt, verlor er dies Amt nach einiger Zeit wieder, erhielt dagegen, da seine Schuld nicht erwiesen wurde, das Amt eines Generalkommissars der Kreuzbulle, durch welche einst die Päpste den spanischen Königen besondere Einkünfte zum Zweck der Maurenkriege gestattet hatten. Der Zweck war verschwunden, aber die Abgabe geblieben.

Von 1809 an beschäftigte sich Llorente auf Befehl des Königs Joseph, außer mit der Abfassung verschiedener französisierender Flugschriften, hauptsächlich mit Bearbeitung einer Geschichte der Inquisition, wofür er mit mehreren Gehilfen Dokumente sammelte. Diese Arbeit nahm er mit, als er, nach dem Sturz der Josefinos aus Spanien als Hochverräter verbannt, im Jahre 1814 sich nach Paris begab. Hier editierte er nun seine viel genannte Histoire critique de l`Inquisition d`Espagne in 4 Oktavbänden, die er selbst spanisch niederschrieb, und welche Alexis Pellier (1817 bis 1818) unter seinen Augen ins Französische übersetzte (deutsch von J. K. Höck, Gmünd 1819ff, in 4 Oktavbänden). Die bischöfliche Behörde von Paris untersagte ihm wegen dieses Buches das Recht, Messe zu lesen und Beichte zu hören, und als er nun durch Privatunterricht in der spanischen Sprache sich ernähren wollte, verbot ihm die königliche Universität auch den Unterricht in Privat-Erziehungsanstalten, so daß er jetzt teils von der Feder, teils von der Unterstützung der Pariser Freimaurer-Logen zu leben genötigt war. Obgleich seit 1820 mit den anderen Verbannten amnestiert, blieb er dennoch in Paris, übersetzte in dieser Zeit die unsittlichen Aventures de Faublas und gab im Jahre 1822 seine nicht minder verwerflichen Portraits politiques des Papes heraus. Letztere Schrift veranlaßte die französische Regierung im Dezember 1822 zu seiner Verweisung aus Frankreich. Kaum in Madrid wieder angekommen, starb er daselbst am 5. Februar 1823.

Ein hervorstechender Zug in Llorente`s Schriftstellerei ist die ungewöhnliche Bitterkeit gegen die Kirche, welche seiner Feder eine Reihe von Unwahrheiten und Unrichtigkeiten entlockte. Wie unter seiner Hand die Geschichte zum Zerrbild wird, mag das zeigen, was er in seiner Inquisitions-Geschichte (I, 26) über die Kreuzzüge schreibt:“Dieser Krieg (der erste Kreuzzug) und die anderen Expeditionen der nämlichen Art, die darauf folgten, würden Europa durch ihre Ungerechtigkeit empört haben, wenn nicht den Völkern schon die widersinnige Idee beigebracht gewesen wäre, daß zur Verherrlichung und Ehre des Christentums das Kriegführen erlaubt sei.“ Wo möchte eine zweite Feder sein, die so zu schreiben sich nicht schämen würde? In seinem Werk über die Päpste (Portraits etc.) nennt er Papst Gregor d. Gr. (I, 166) den „feilsten Schmeichler“, Gregor VII. aber „das größte Monstrum, welches der Ehrgeiz zu erschaffen vermochte, die Ursache von tausend Kriegen und Mordtaten, einen Menschen, der mehr Unheil gestiftet, als irgend ein anderer in der ganzen Geschichte“. Rom ist für Llorente le centre des intrigues, und die Geschichte, meint er, werde den europäischen Monarchen die Wiederherstellung des Kirchenstaates niemals verzeihen. Erkennen wir hieraus den höchst unkirchlichen Sinn Llorente`s, so zeigt Anderes seine Ungenauigkeit und Leichtfertigkeit als Historiker. In den Portraits des Papes (I, 66) berichtet er, Paul von Samosata sei in die Irrlehre des Sabellius verfallen, eine Angabe, deren lächerliche Torheit jeder Anfänger in der Kirchengeschichte hinlänglich begreift. An einer andern Stelle meldet er, daß Justin schon vor Ignatius von Antiochien seine Bücher geschrieben habe, daß Apollonius von Tyana ein Häretiker gewesen sei usf. An ähnlichen Fehlern ist auch seine Inquisitions-Geschichte reich: Gregor VII. muss hier z. B. (I, 23) mit Kaiser Heinrich III. in Kampf geraten, die pseudo-isidorischen Dekretalen werden schon im 8. Jahrhundert verfaßt usf. Was aber desungeachtet diesem Werk große Bedeutung gibt, sind die ungemein vielen Auszüge aus den Originalurkunden der Inquisition, und gerade diese gaben die Möglichkeit, ein richtigeres Urteil über die spanische Inquisition zu gewinnen, als bisher gewöhnlich war. Llorente hat nach seiner ganzen Geistesrichtung diejenigen Akten, welche die Inquisition am meisten anklagen könnten, gewiß nicht unterschlagen, sondern sich bestrebt, gerade die famosesten Prozesse urkundlich mitzuteilen; und doch lassen alle von ihm veröffentlichten Urkunden, Statuten, u. dgl. die Inquisition in einem besseren Licht erscheinen, als ihm selbst, seinen beigegebenen einseitigen Reflexionen gemäß, lieb gewesen ist. –

Näheres über Llorente und seine vielfältigen Unwahrheiten gerade in der Inquisitions-Geschichte findet sich in des Unterzeichneten Schrift über den Kardinal Ximenes 257ff. Eine Biographie Llorente`s lieferten seine Freunde Mahul und Laujuinais in der Revue encyclopédique (1823), übersetzt im „Katholik“ 1824, XIII. 1-35. (Hefele) –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 8, 1893, Sp. 56 – Sp. 59

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