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Donoso Cortes

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Donoso Cortes

Donoso Cortes, Juan Francisco Maria, spanischer Staatsmann, wurde am 6. Mai 1809 im Dorf Valle de la Sarena geboren, wohin sich seine Eltern, Pedro Donoso Cortes und Donna Elena Canedo, von ihrem nahen Landgut Valdegamas weg vor den siegreichen Franzosen geflüchtet hatten. Er trat fünfjährig in die Elementarschule, hatte elfjährig bereits die Humaniora durchgemacht, studierte alsdann die Rechtswissenschaft in Salamanca und Sevilla und war sechzehnjährig bereits fähig, Lizentiat zu werden. Da dies statutenmäßig erst im 25. Jahr geschehen durfte, studierte Donoso Cortes in der Zwischenzeit eifrig Philosophie, Geschichte und Literatur, und als einer seiner Lehrer, Don Manuele Quintana, einen neu errichteten Lehrstuhl in Caceres übernehmen sollte, schlug dieser den erst 19jährigen Donoso Cortes mit Erfolg vor. Der jugendliche Redner heiratete bald eine seiner Zuhörerinnen, deren frühzeitiger Tod den nur äußerlich der Kirche angehörenden Gatten noch nicht zu Gott zurück zu führen vermochte.

Spaniens begeisterungsfähige Jugend wollte das große, mächtige und freie Spanien früherer Jahrhunderte wieder herstellen, sah die Geistlichkeit aber im Bund mit dem Absolutismus und wurde zumeist dadurch dem vagen Rationalismus und Liberalismus der Neuzeit in die Arme geführt. Von König Ferdinands VII. Tochter Isabella, welche mit Aufhebung des erst von Philipp V. eingeführten salischen Gesetzes zur Thronerbin gemacht werden sollte, erwarteten die spanischen Liberalen Wiederherstellung der Garantien politischer Freiheit und kämpften in merkwürdigem Widerspruch mit ihrer sonstigen politischen Richtung für das Recht des Mittelalters. Donoso selbst überreichte dem König Ferdinand VII. eine Denkschrift, worin er dieAufhebung des salischen Gesetzes beredt befürwortete. Dafür gewann er 1832 eine hohe Stelle im Ministerium der Gnaden und der Justiz. Nach Ferdinands VII. Tod verfocht er mit Feuereifer die Sache Isabellens, wurde Abgeordneter zu den Cortes von 1835 und Sekretär des Ministerrates. Damals spalteten sich die Liberalen in Moderados und Progressisten; als letztere selbst im Rat der Königin nach der Herrschaft griffen, legte Donoso seine Stelle nieder und bewahrte sich dadurch vor der Teilnahme an der schweren Verfolgung, welche über die katholische Kirche herein brach.

Bereits hatte er den „Versuch über die europäische Diplomatie seit der Julirevolution bis zum Vertrag über die Quadrupel-Allilanz“ geschrieben, das Tagesblatt Avenir gegründet und lieferte viele Arbeiten historischen und politischen Inhaltes in dieses, sowie in andere Tagesblätter, Piloto, Correo nacional, vor Allem in die Revista de Madrid. Gleichzeitig empfahl er durch Vorträge über das politische Recht am Madrider Athenäum den Liberalen die Grundsätze der Ordnung. Als das Haupt der Progressisten, Espartero, darnach trachtete, die Königin Maria Christina der Regentschaft und Vormundschaft über ihre Kinder zu berauben, trat Donoso gegen ihn für die Königin auf, musste der letzteren ins Exil nach Frankreich folgen, wurde ihr Privatsekretär und erließ Manifeste gegen den Siegesherzog. Nachdem 1843 Marschall Narvaez die Herrschaft Espartero`s gestürzt hatte, kehrte Donoso mit Maria Christina in die Heimat zurück, wurde Sekretär und Studiendirektor der damals für volljährig erklärten Königin Isabella, trat auch wieder in die Cortes ein, schlug aber Ministerien wiederholt aus.

Großes Aufsehen erregte seine Rede für die Vermählung Isabella`s mit dem Infanten Don Francesco d`Assisi und ihrer Schwester mit dem Herzog von Montpensier. Ludwig Philipp ernannte ihn zum Großoffizier der französischen Ehrenlegion, seine Monarchin zum Marquis von Marquis von Valdegamas und zum spanischen Gesandten in Berlin. Hier konnte er die Katastrophe des Jahres 1848 mit ansehen. Kurz vorher hatte eine heilsamere Revolution in seinem Innersten stattgefunden – er war ein gläubiger Katholik geworden. Die große Wohltätigkeit, welche er stets gegen Arme geübt, mochte ein Anknüpfungspunkt für die Gnade Gottes sein, die sich seiner Irrtümer erbarmte; der Tod seines jüngeren Bruders Pedro, der von jeher ein gläubiger Katholik und Karlist gewesen, sowie die Gespräche, welche der Sterbende mit ihm über die Ewigkeit und den Unterschied äußerer und christlicher Sittlichkeit geführt hatte, brachte längst Vorbereitetes zur Wirklichkeit. Aus dem Katechismus heraus warf er sich in die mystische Theologie und studierte die Schriften der großen Aszeten Spaniens, der hl. Theresa und des Luis de Granada.

Er verließ dann seinen Gesandtschafts-Posten und trat wiederum in die Cortes ein. Hier hielt er am 4. Januar 1849 eine Rede über die kirchlichen Angelegenheiten, welche ihn in den Rang der größten Redner des Weltteiles erhob; besonders wirksam war dabei die Vergleichung der Diktatur und der Revolution. Die Bewunderung aller Parteien erntete er 1850 durch eine andere Rede über die Lage Europa`s, in welcher er die Strafgerichte Gottes erkannte (s. Die Übersetzung in der Schrift: Katholische Politik der Gegenwart. Von Donoso Cortes und F. J. Buß, Paderborn 1850). In die königlich spanische Akademie der Geschichte gewählt, nahm er zum Stoff seiner Antrittsrede (abgedruckt in der zu Sevilla erscheinenden Zeitschrift La Cruz) die literarischen Schönheiten der Bibel. Hat schon die Lesung dieser Reden in der Übersetzung die europäische Welt begeistert, wie elektrisch müssen sie erst in der Ursprache aus dem klangreichen Mund ihres Schöpfers, mit dem Zauber seiner körperlichen Beredsamkeit, in dem Wechsel zwischen spekulativer Dialektik und bilderreichen Poesie, zwischen feiner Satire und gewinnender Liebe, unter den Blitzen der auffälligsten Paradoxien, die Zuhörer hingerissen haben! Schon seine gesellschaftliche Unterhaltung war die Prophetie seiner Rednergewalt. Er hat nur Weniges geschrieben, aber Großes. So bleibt ein unvergängliches Denkmal für ihn sein Essai sur l`acatholicisme, le libéralisme et le socialisme, allerdings nur ein Entwurf, aber ein solcher, in dessen Gliederung schon das Ganze hervor tritt. Das erste Buch entwickelt den inhaltschweren Satz, daß jede große politische Frage immer eine theologische in sich schließe. Den Grundgedanken, der Staatsordnung eine theologische Unterlage zu vindizieren, führen das zweite und dritte Buch aus, welche den Titel tragen: Probleme und ihre Lösungen in Bezug auf die Ordnung im allgemeinen (Bd. 2) und in Bezug auf die Ordnung in der Menschheit (Bd. 3).

Nur der tiefe theologische Instinkt der katholischen Seele des Donoso Cortes macht die Schnelligkeit erklärbar, mit welcher er, ein Laie, unter der Last und in der Zerstreuung weltlicher Geschäfte die weiteste Herrschaft über die theologischen Wissenschaften gewann. Übrigens kam seine katholische Weltanschauung in kein rechtes Gleichgewicht mit seinen politischen Anschauungen; der Gegensatz zwischen seinen Grundsätzen und der Art und Weise, wie in Spanien und anderorts die öffentlichen Angelegenheiten geleitet wurden, machten ihn zwar nicht zum Fatalisten, warfen ihn aber einem gewissen Quietismus in die Arme, wobei sein früherer Umgang mit Berliner Pietisten, noch weit mehr ein zu weitgehender Hang zum Absoluten, sowie die Raschheit seiner Rückkehr zum Glauben, mit der das Ausziehen des alten ungeduldigen Menschen nicht gleichen Schritt halten konnte (Vgl. Katholische Politik etc., 75-171), mitwirkten.

Dagegen bleibt sicher, daß Donoso niemals zu einem Gegner politischer Freiheit und der konstitutionellen Monarchie wurde; bis ans Ende seines Lebens diente er einer konstitutionellen Regierung, in seinen Schriften erhob er die englische Verfassung und Nation und huldigte der Ansicht, die konstitutionelle Monarchie, wie sie die Gemäßigten aller Länder verstehen, könne mit denselben Titeln wie die absolute Monarchie die politischen Affirmationen symbolisieren, welche sozusagen der Widerhall der religiösen Affirmationen seien. Trotz alles Hyperbolischen in seiner Ausdrucksweise war Donoso in der Sache mild und gemäßigt, ein Gegner jeder Schroffheit und beklagte demgemäß auch die Trennung unter den Katholiken Frankreichs in Betreff des Unterrichts-Gesetzes und des Staatsstreiches vom 2. Dezember. Am Schluß seiner Laufbahn war er noch für zwei Jahre Gesandter in Paris. Hier verstand es seine tiefe Seele, sowie sein edler Charakter, Allen alles zu werden, ohne sich etwas zu vergeben, und Nachsicht gegen Andere zu üben.

Als er erkrankte, wollte er, der in Madrid 5/6 seines Einkommens den Armen gegeben und in Paris wöchentlich die kleinen Schwestern der Armen und die Bettlerhütten der Vorstädte besucht hatte, daß seine Krankheit den Armen nicht schade. Er starb am 3. Mai 1853, noch nicht 44 Jahre alt; die Diener zweier besiegter Monarchien begleiteten seinen Sarg zur Ruhestätte. Spanien beweinte seinen frühen Tod, es hatte in ihm einen seiner echtesten Söhne verloren. In Madrid wurde sofort eine Nationalsubskription eröffnet, um Donos Cortes und Balmes ein Denkmal zu stiften; die spanische Regierung ließ Donoso`s Leichnam von Paris nach Madrid bringen. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 3, 1893, Sp. 382 – Sp. 385

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