A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Fideismus

Fideismus, auch Symbolofideismus, nannte sich die Anschauung der Professoren der 1877 gegründeten Pariser protestantischen theologischen Fakultät Louis Aug. Sabatier und Eugène Ménégoz (1838-1921) über das Verhältnis von Glaube und Dogma. Um die Religion dem modernen Menschen wieder nahe zu bringen und die Kluft zwischen der reformierten Orthodoxie und dem theologischen Liberalismus zu überbrücken, hat Sabatier, an Schleiermacher, dessen Schüler Alexander Schweizer und den Neukantianismus, namentlich in der ausprägung von R.A. Lipsius, anknüpfend, sein System geschaffen: Weil eine Metaphysik des Transzendenten unmöglich ist, sind unsere religiösen Begriffe notwendig ihrem Gegenstand inadäquat, bloße Symbole. Die Dogmen sind lediglich Versuche, unsere religiösen Gefühle zu intellektualisieren, sie mit den Mitteln unseres Wissens auszudrücken. Sie sind vom Stand der Kenntnisse des einzelnen und des Wissens im allgemeinen abhängig und so einem beständigen Wandel unterworfen. Weil aber die religiöse Erkenntnis im Gegensatz zur Natur-Erkenntnis rein subjektiv ist, sind die Dogmen auch ihrem religiösen Gehalt nach nicht symbolische Ausdrucks der transzendenten religiösen Wirklichkeit, sondern nur unserer religiösen Gefühle. Diesen „kritischen Symbolismus“ stellt dar Sabatiers Esquisse d`une philosophie de la relgion (Paris 1897, 1910; dtsch von A. Baur, 1898) und seine nachgelassenen Schrift Les relgions d`autorité et la religion de L´esprit (1903, 1910). Ménégoz bringt diese Lehre in Beziehung zum protestantischen Hauptdogma von der Rechtfertigung aus dem Glauben. Im Gegensatz zur reformatorischen Orthodoxie, die im Glaubens-Begriff den Glauben im eigentlichen Sinn (la foi), der in der Hingabe des Herzens an Gott besteht, und die Annahme geoffenbarter Wahrheiten (la croyance) verwechsle, und gegenüber dem Liberalismus auf der andern Seite, der den Glauben durch die Liebe zu Gott und den Nächsten als Weg zum Heil ersetze, erklärt er: Nous sommes sauvés par la foi indépendamment de nos croyances. (Wir werden durch den Glauben gerettet, ungeachtet der Annahme geoffenbarter Wahrheiten.) Die rechtfertigende Kraft des Glaubens hängt ausschließlich von der Echtheit unserer Hingabe an Gott, nicht aber von der Richtigkeit der ihrer Natur nach dem Wandel unterworfenen Lehrmeinungen ab… Die reformatorischen Orthodoxen bekämpften heftig den Fideismus, namentlich E. Doumergue, G. Frommel und H. Bois. An ihrem Widerstand scheiterte der Versuch der aus den Fideisten hervor gegangenen Union des Eglises réformées, nach der Trennung von Kirche und Staat (1906) eine einheitliche Organisation der reformatorischen Kirche Frankreichs zu schaffen. Doch hat sich diese 1911 unter Führung von W. Monod und Ch. Wagner mit den Liberalen zur Union nationale des Eglises réformées de France verschmolzen. –
Hatte der Fideismus schon einige katholische Geistliche nach dem Beispiel A. Bourriers zum Übertritt in die reformatorische Kirche veranlaßt, so hat er auch die rasche Entwicklung des Modernismus in Frankreich veranlaßt.

In keinem Zusammenhang mit obigem Fideismus steht die ebenfalls als Fideismus oder als Traditionalismus bezeichnete Anschauung von De Bonald und Bautain, wonach die Offenbarung die einzige Quelle der Erkenntnis sei.

aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. III, 1931, S. 1032-1033

Tags: Protestantismus
Buch mit Kruzifix
Sabatier
Buch mit Kruzifix
Bolingbroke

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Mazarin

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Mazarin Mazarin, Julius, Kardinal und erster Minister in Frankreich, eigentlich Mazarini oder Mazzarini, wurde am 14. Juli 1602 geboren, entweder in Rom, wo sein Vater, ein Sizilianer, im Dienst der Familie Colonna sich niedergelassen…
Buch mit Kruzifix

Veuillot

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Veuillot Veuillot, Louis, französischer Journalist, Belletrist und Literaturkritiker, wurde zu Boynes (en Giatinais) am 11. Oktober 1813 als Sohn eines unbemittelten Fassbinders geboren und begann seine Laufbahn als Schreiber bei einem Pariser Notar. Schon…
Buch mit Kruzifix

Ursacius

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ursacius Ursacius, Bischof von Singidunum (Belgrad), mit seinem Freund Valens, dem Bischof von Mursa (esseg), Führer der abendländischen Arianer (Eusebianer), † nach 371; Schüler des Arius (Athanasius, Ep. ad. Episc. Aegypti 7), wohl während…
Buch mit Kruzifix

Bolingbroke

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Bolingbroke Bolingbroke, Harry, Baron St. John, Viscount von Bolingbroke, ungläubiger Schriftsteller, geboren 1672 zu Battersea, einem Dorf an der Themse in Surreyshire, studierte zu Oxford, beschäftigte sich dabei besonders mit der Dichtkunst und den…
Buch mit Kruzifix

Dalberg

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Dalberg Dalberg (ursprünglich Dalburg), Kämmerer von Worms, genannt v. D., altes rheinisches Adelsgeschlecht, das sich der Abstammung vom seligen Erkenbert rühmt, im 14. Jahrhundert die Adeligen v. Dalburg beerbte und 1654 in den Reichsfreiherrns-Stand…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Methodisten

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Methodisten Methodisten, die Mitglieder der größten und bedeutendsten Erweckungsbewegung des zu Beginn des 18. Jahrhunderts erstarrten englischen Protestantismus, welche die Einzel- wie Massenbekehrung und damit die religiöse Erneuerung und Rettung der Welt durch bestimmte seelsorgerische Methoden zu erreichen suchen. John Wesley Gründer war der anglikanische Geistliche John Wesley, der…
Buch mit Kruzifix

Passauer Vertrag

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Passauer Vertrag Passauer Vertrag, geschlossen 1552 zwischen Kurfürst Moritz von Sachsen als dem Haupt der protestantischen Kriegsfürsten und dem König Ferdinand als dem Bevollmächtigten Karls V. In den schwierigen Verhandlungen zu Linz (18.4) und Passau (seit 27.5), an welch letzteren auch die um die fürstliche „Libertät“ besorgten neutralen Reichsstände…
Buch mit Kruzifix

Augsburger Religionsfriede

Kirchenhistorie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Augsburger Religionsfriede Augsburger Religionsfriede, Vereinbarung, die 1555 auf dem Reichstag zu Augsburg zwischen König Ferdinand I. und den Reichsständen getroffen und am 25. September zum Reichsgesetz erhoben wurde. (1) Kraft dieses Friedens, der die dauernde Scheidung Deutschlands in 2 religiöse Lager besiegelte, wurde das katholische und augsburgische (nicht das…
Buch mit Kruzifix

Schmalkaldischer Bund

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Schmalkaldischer Bund Schmalkaldischer Bund, konfessionell-politisches Bündnis, nach längeren Vorverhandlungen zunächst auf 6 Jahre abgeschlossen am 27.2.1531 zwischen mehreren protestantischen Fürsten, voran Landgraf Philipp von Hessen und Kurfürst Johann v. Sachsen, und einer größeren Zahl nieder- und oberdeutscher Städte zum Schutz ihres Glaubensstandes, den sie durch den Augsburger Reichstagsabschied v.…
Buch mit Kruzifix

Pietismus

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Pietismus Pietismus von pietas=Frömmigkeit; Name zunächst Spottbezeichnung, wahrscheinlich 1675 in Hessen-Darmstadt aufgekommen, jene praktisch-religiöse Bewegung im deutschen Luthertum des 17. und 18. Jahrhunderts, die das Christentum durch pflege des im gottseligen Verhaltens sich betätigenden Glaubens zu erneuern suchte. Sein Ziel war die Kirchenreform durch Vertiefung und Verlebendigung der persönlichen…
Buch mit Kruzifix

Philipp von Hessen

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Philipp von Hessen Philipp „der Großmütige“, 1509 bis 1567 Landgraf von Hessen, * 13.11.1504 zu Marburg, † 31.3.1567 zu Kassel; 1518 für mündig erklärt, 1524 mit Christine, Tochter des streng katholischen Herzogs Georg v. Sachsen, vermählt. Anfangs ohne besonderes Interesse für die religiöse Neuerung, kämpfte er 1522/23 mit Kurtrier…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner