A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Philipp von Hessen

Philipp „der Großmütige“, 1509 bis 1567 Landgraf von Hessen, * 13.11.1504 zu Marburg, † 31.3.1567 zu Kassel; 1518 für mündig erklärt, 1524 mit Christine, Tochter des streng katholischen Herzogs Georg v. Sachsen, vermählt. Anfangs ohne besonderes Interesse für die religiöse Neuerung, kämpfte er 1522/23 mit Kurtrier und Kurpfalz gegen die Luther zuneigende Ritterschaft unter Franz von Sickingen und 1525 gegen die aufständischen Bauern. 1524/25 wurde er durch Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes, durch Melanchthon (…), Adam Krafft, Lambert v. Avignon für die von Wittenberg ausgehende Bewegung gewonnen. Er lehnte 1525 den Beitritt zum Dessauer Bündnis ab, schloss vielmehr 1526, nicht ohne politische Nebenabsichten, mit Kursachsen u.a. das Torgauer Bündnis und trat auf dem Reichstag zu Speyer 1526 als entschiedener Anhänger der neuen Lehre auf.

Gestützt auf den das Luthertum duldenden Beschluss dieses Reichstags, berief er für Oktober 1526 die Homberger Synode, welche die volle Umgestaltung des überkommenen Kirchenwesens im Sinn der Neuerung beschloss. Die von ihr entworfene demokratische Kirchenordnung wurde jedoch nach Luthers Rat nicht durchgeführt, vielmehr wurde die sächsische und später die Nürnberger Ordnung nachgeahmt, durch Visitation das ganze Land protestantisiert, alle Stifte und Klöster aufgehoben, ihre Güter teilweise für die 1527 gegründete Universität Marburg, teilweise zur Errichtung mehrerer Landeshospitäler verwandt, um größten Teil aber den landesherrlichen Domänen einverleibt. 1528 zwang Philipp den Erzbischof v. Mainz und die Bischöfe v. Bamberg und Würzburg, ihm die Rüstungen zu bezahlen, die er gegen sie aus Anlass der Packschen Betrügereien getroffen hatte; von ersterem ließ er sich auch die Anerkennung seiner usurpierten geistlichen Jurisdiktion in Hessen aussprechen.

Seit längerer Zeit für eine Einigung der Lutheraner und Zwinglianer tätig, veranlaßte er 1529 nach dem Reichstag v. Speyer, auf dem er als Führer der gegen die Duldung der katholischen Religion im ganzen Reich protestierenden Stände auftrat, das Marburger Religionsgespräch und 1536 die Wittenberger Konkordie. Nach dem Augsburger Reichstag v. 1530 brachte er 1530/31 den Schmalkaldischen Bund zustande, dessen Leitung ihm und dem Kurfürsten Johann v. Sachsen übertragen wurde. 1534 führte er, mit französischem Geld unterstützt, den vertriebenen Herzog Ulrich v. Württemberg in sein Land zurück. Seine von Butzer, Melanchthon und Luther gebilligte Doppelehe mit Margarete v. d. Sale (4.3.1540), nach Kawerau „der größte Flecken in der Reformations-Geschichte“, brachte ihm ernste Verlegenheit, da Bigamie durch Reichsrecht mit schwerer Strafe bedroht war. Er näherte sich deshalb politisch dem Kaiser und erhielt auch 1541 zu Regensburg Amnestie. Die Vertreibung (1542) und Gefangennahme (1545) des Herzogs Heinrich II. v. Braunschweig-Wolfenbüttel durch Philipp führte nebst andern Ursachen zum Schmalkaldischen Krieg (1546/47).

Philipp musste sich 1547 dem Kaiser bedingungslos übergeben. Erst der Passauer Vertrag 1552 befreite ihn aus 5jähriger Gefangenschaft. 1562 unterstützte er die französischen Hugenotten mit Geld und Truppen, 1566/67 gab er seinem Land eine die bisherige kirchliche Entwicklung abschließende Agende. –

Philipp war ein zielbewußter und tatkräftiger Fürst neben dem Kurfürsten v. Sachsen der Hauptvorkämpfer des Protestantismus, aber rühriger, gewandter und skupelloser als dieser. Seit 1526 hatte er an fast allen Aktionen des Protestantismus hervorragend Anteil; er gab vielfach dazu den Anstoß, suchte aus religiösen und politischen Interessen zugleich die Macht des Hauses Habsburg auf jede Weise zu schwächen, konspirierte zu diesem Zweck ohne Bedenken mit dem Ausland, namentlich mit Frankreich, und betrieb wiederholt eine Konföderation aller protestantischer Mächte, während er im Innern Deutschlands eine Vereinigung der verschiedenen protestantischen Richtungen und namentlich eine Verbindung mit den Schweizern erstrebte. Religiös neigte er stark zu Zwingli und der reformierten Richtung in den oberdeutschen Städten. So intolerant er gegen die Katholiken war, so groß war seine Duldung gegen neugläubige Richtungen (z. B. Wiedertäufer). –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VIII, 1936, S. 227 – Sp. 229

Tags: Protestantismus
Buch mit Kruzifix
Schmalkaldischer Bund
Buch mit Kruzifix
Moritz von Sachsen

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Erbärmdebild

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Erbärmdebild Erbärmde, antiquierte Form für „Erbarmen“, in althochdtsch. Glossen für das lateinische misericordia, auch imago pietatis, ein wohl schon aus dem Orient stammendes, im Zusammenhang mit der deutschen Mystik sehr beliebt gewordenes Bildmotiv: Christus…
Buch mit Kruzifix

Portiunkula

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Portiunkula Portiunkula (Porziuncola = Teilchen, kleiner Acker) oder Santa Maria degli Angeli, Marienkirchlein, eine halbe Stunde südlich von Assisi, vielleicht aus dem 6. Jahrhundert, worin man Engelsgesang vernommen haben soll. Der hl. Franz v.…
Buch mit Kruzifix

Esdras

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Esdras Esdras („Hilfe“), Esra, Ezra, jüdischer Schriftgelehrter und Priester aus der Familie des Hohenpriesters Saraias, den Nebuchodonosor hatte hinrichten lassen (2. Kg. 25, 18-21). In der Verbannung zu Babylonien aufgewachsen, erwarb sich Esdras hebräische…
Buch mit Kruzifix

Armutsstreit

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Armutsstreit Armutsstreit. Die Franziskaner lehrten, die Regel ihres Stifters, die jedes Recht auf Eigentum sowohl in speciali wie in communi verbiete, schlösse die höchste religiöse Vollkommenheit ein, die Christus selbst gelehrt und durch sein…
Buch mit Kruzifix

Albigenser

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Albigenser Albigenser, mittelalterliche Häretiker, benannt nach der Stadt Albi. Neben Waldensern bezeichnete man so vornehmlich die von diesem aber scharf zu unterscheidenden und nur durch den gemeinsamen Haß gegen die Kirche geeinten Katharer, von…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Mormonen

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Mormonen Mormonen, nordamerikanische Sekte, gegründet 1830 in Fayette (Neuyork) durch Joe Smith, von dem sie in Wesen und Lehre ihr eigenartiges Gepräge erhielt. Die Sekte bildet einen straff organisierten Kirchenstaat mit theokratischer Verfassung. Im Namen Gottes regieren 3 Apostel (Nachfolger der 3 Säulenapostel Petrus, Jakobus und Johannes) als erste…
Buch mit Kruzifix

Schmalkaldischer Bund

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Schmalkaldischer Bund Schmalkaldischer Bund, konfessionell-politisches Bündnis, nach längeren Vorverhandlungen zunächst auf 6 Jahre abgeschlossen am 27.2.1531 zwischen mehreren protestantischen Fürsten, voran Landgraf Philipp von Hessen und Kurfürst Johann v. Sachsen, und einer größeren Zahl nieder- und oberdeutscher Städte zum Schutz ihres Glaubensstandes, den sie durch den Augsburger Reichstagsabschied v.…
Buch mit Kruzifix

Passauer Vertrag

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Passauer Vertrag Passauer Vertrag, geschlossen 1552 zwischen Kurfürst Moritz von Sachsen als dem Haupt der protestantischen Kriegsfürsten und dem König Ferdinand als dem Bevollmächtigten Karls V. In den schwierigen Verhandlungen zu Linz (18.4) und Passau (seit 27.5), an welch letzteren auch die um die fürstliche „Libertät“ besorgten neutralen Reichsstände…
Buch mit Kruzifix

Antinomismus

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Antinomismus Antinomismus (Anomismus), im allgemeinen soviel wie Bestreitung und Verwerfung des Gesetzes, in der Theologie besonders jene praktische Irrlehre, die unter dem Schein christlicher Wahrheit die Verpflichtung zur Beobachtung des Sittengesetzes leugnet. Antinomistische Richtungen sind, wie in der antik-heidnischen Ethik (Epikur) und in vorchristlichem Judentum (siehe Sap. 2, 1-23),…
Buch mit Kruzifix

Augsburger Religionsfriede

Kirchenhistorie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Augsburger Religionsfriede Augsburger Religionsfriede, Vereinbarung, die 1555 auf dem Reichstag zu Augsburg zwischen König Ferdinand I. und den Reichsständen getroffen und am 25. September zum Reichsgesetz erhoben wurde. (1) Kraft dieses Friedens, der die dauernde Scheidung Deutschlands in 2 religiöse Lager besiegelte, wurde das katholische und augsburgische (nicht das…
Buch mit Kruzifix

Aufklärung

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Aufklärung Aufklärung als geschichtliche Erscheinung ist die theoretische und praktische Tendenz, von der christlichen Offenbarung und Kirche und allem, was mit ihr zusammen hängt, als einer „Verfinsterung des Geistes“ sich frei zu machen und nur einen Glauben, den an die sola ratio, anzuerkennen. Im Laufe der Religions-Geschichte haben fast…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner