Lexikon F

Flacius Illyricus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Flacius Illyricus, Matthias

Flacius (Vlacich), Matthias, lutherischer Theologe und Historiker, * 3.3.1520 zu Albona in Istrien (daher Illyrcus genannt), † 11.3.1575 zu Frankfurt a. M., verdankt dem venezianischen Humanisten B. Egnatius seine gründliche Bildung, wollte Mönch werden, wurde aber von seinem Oheim, dem Franziskaner-Provinzial Baldo Lupetino, der lutherischen Bewegung zugeführt. 1539 ging er nach Augsburg, dann nach Basel, Tübingen und Wittenberg, wo ihm Kanzler Brück 1544 eine Professur für hebräische Sprache verschaffte.

Aber als Gegner des Interims legte er sie 1549 nieder und zog nach Magdeburg. 1557-61 war er Professor des Neuen Testaments in Jena. Im synergistischen Streit abgesetzt, ging er nach Regensburg, flüchtete sich 1566 nach Antwerpen, hielt sich dann in Frankfurt a. M. Und 1567 bis 1573 in Straßburg auf, bis er, auch hier geächtet, mit Weib und Kind umherirrend, ein Asyl in Frankfurt a. M. fand, wo er vor seiner Ausweisung starb.

Der kämpferische Flacius, einer der größten Gelehrten seiner Zeit, verfocht leidenschaftlich das Luthertum. Darum stritt er gegen die Vermittlungstheologie der Philippisten (Melanchthon), kämpfte gegen das Leipziger Interim und den Adiaphorismus, gegen Georg Major, gegen den Synergismus, gegen die Rechtfertigungslehre Osianders und entfesselte schließlich den flacianischen Erbsündestreit mit der Lehre, die Erbsünde gehöre zur Substanz des Menschen.

Von seinen weit über 200 Schriften sind Clavis scripturae (1567) und Novum Testamentum … Glossa compendiaria (1570) bedeutsam; als erster lutherischer Theologe vertrat er die Verbalinspiration und machte Schule durch seine verständnisvolle Schriftauslegung. Am wichtigsten sind seine historischen Schriften, vorab sein Hauptwerk Ecclesiastica historia … secundum singulas centurias … per aliquot studiosos et pios viros in urbe Magdeburgica, kurz Magdeburger Zenturien genannt, 13 Zenturien in 8 Bdn, 1559/74, vorbildlich durch ihre umfassende Quellenbenutzung, aber hasserfüllt gegen die katholische Kirche; sie will den Nachweis erbringen, die wahre Lehre der Apostel sei bei den Glaubensneuerern
zu finden.

Flacius gewann für das Werk Freunde und Mitarbeiter, sammelte in den bibliotheken aus Handschriften und Druckwerken, wobei ihm aber Bücherdiebstahl (manus Flaciana, culter Flacianus) vorgeworfen wurde.

Obschon die römische Kurie eine eigene Kongregation zur Widerlegung bestellte und Konrad Braun, W. Eisengrein, Petrus Canisius u. a. Dagegen schrieben, wurden die Zenturien doch erst durch die Annales ecclesiastici des Baronius überwunden.

Als Vorarbeit zu den Zenturien hatte Flacius 1556 den Catalogus testium veritatis veröffentlicht, ein Verzeichnis von ca. 400 sog. Vorreformatoren. Flacius gab als erster auch Otfrids Evangelienbuch 1571 heraus und editierte 1557 die sog. Missa Illyrica oder Flaciana, in Wirklichkeit einen Pontifikalordo, dessen Original in der Bibliothek zu Wolfenbüttel liegt.
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IV, 1932, Sp. 27
 – Sp. 28

Flacius Illyricus, Matthias, lutherischer Theologe und Begründer der Magdeburger Centurien, wurde 1520 zu Albona in Illyrien von armen Eltern geboren; sein eigentlicher Name soll Matthias Tracowitz gewesen sein. Nachdem er im zwöften Jahr seinen Vater verloren, nahmen sich seiner zuerst Ascerius von Mailand, später der Humanist Johann Egnatius an und unterrichteten ihn. Seiner Mittellosigkeit wegen konnte er die glücklich begonnenen Studien nicht vollende und fasste deshalb den Entschluss, in den Franziskaner-Orden zu treten. Der illyrische Provinzial des Ordens, P. Baldus Lupetinus, der ihm mütterlicherseits nahe verwandt war, billigte diesen Entschluss keineswegs, sondern riet ihm, nach Deutschland zu gehen und dort „unter Luthers und Melanchthons Leitung die Theologie gründlich aus den Quellen zu studieren“.

Nach einem kurzen Aufenthalt zu Basel und Tübingen, wo ihn Landsleute freundlich aufnahmen, kam er 1541 nach Wittenberg, dem damaligen Sammelpunkt aller antirömischen Geister. Hier nahm sich Melanchthon des jungen wissbegierigen Mannes freundlich an, auch Luther wendete ihm seine Gunst zu, da er in ihm geistige Energie und große Anlagen zu erkennen glaubte; doch reichten diese Wohltaten nicht aus, um davon leben zu können. Flacius verlegte sich daher auf Privatunterricht in der lateinischen und griechischen Sprache; dabei blieb ihm noch so viel Zeit übrig, dass er nebenbei die hebräische Sprache studieren und sich zum Examen pro doctoratu philosophiae vorbereiten konnte.

Die schöne Aussicht für die Zukunft, welche sich ihm hier eröffnete, wurde aber bald durch eine bis zur Verzweiflung gesteigerte Schwermut und Gewissensangst getrübt; er glaubte, der Zorn Gottes laste auf ihm, und es mangele ihm die göttliche Gnade. In diesem Zustand wurde er mit dem Diakon Bachoven, der später selbst im Wahnsinn starb, bekannt und zu Luther geführt. Dieser tröstete ihn, ließ sogar öffentliche Gebete für ihn halten und empfahl ihn, um ihn zu ermuntern, 1544 dem Kurfürsten Johann Friedrich für eine Professur der hebräischen Sprache. Als er diese erhielt, war er allen Nahrungssorgen enthoben; im folgenden Jahr heiratete er, und von der Schwermut seines Geistes hörte man nichts mehr.

In Folge des schmalkadischen Krieges und der Eroberung Wittenbergs floh Flacius nach Braunschweig, wo er mit großem Beifall Vorlesungen hielt, wurde aber im folgenden Jahr nach Wittenberg zurückberufen.

Hier hatte sich indessen vieles verändert. Ein großer Teil der dortigen Theologen hegten bezüglich des vom Kaiser vorgeschriebenen Interims intolerante Grundsätze; Melanchthon, Major und Pomeranus aber stimmten ihnen nicht zu und zeigten sich versöhnlich, indem sie zugleich dem neuen Kurfürsten Moritz von Sachsen ein Gutachten darüber ausstellten, inwieweit dasselbe ohne Verletzung des Gewissens angenommen werden könne. Dieses sog. Leipziger Interim erregte bei den strengen Lutheranern das höchste Missfallen und erzeugte den Adiaphoristenstreit, in welchem Flacius die Hauptperson spielt.

Uneingedenk der vielen Wohltaten, die er von Melanchthon genossen, griff er ihn und dessen Anhänger in öffentlichen Reden leidenschaftlich an und stellte sie als Verräter der Wahrheit dar; die Annäherung zwischen Protestanten und Katholiken, die der Kaiser durch das Interim bezweckte, verspottete er als „eine Vereinigung zwischen Christus und Belial“. Da aber seine Worte in Wittenberg wenig fruchteten, so ließ er insgeheim anonyme Schriftchen drucken, worin er mit blindem Fanatismus für die Festhaltung und konsequente Entwicklung „des in Gefahr schwebenden Luthertums“ eintrat.

Ein solches Vorgehen eines 27jährigen Mannes musste natürlich die Wittenberger aufs Höchste erbittern; die frühere Freundschaft verwandelte sich bald in unversöhnliche Feindschaft. In Wittenberg war seines Bleibens nicht mehr; im Jahr 1549 legte er seine dortige Professur nieder und zog mit seinen Freunden nach Magdeburg, der Kanzel Gottes, wie letztere die durch ihre Gegenwart und Tätigkeit „begnadigte“ Stadt nannten.

Magdeburg hatte das Interim bisher mit Entschiedenheit abgewiesen, dort war die Presse noch frei; daher ergoss sich auch von da eine Flut von Streitschriften und Satiren über ganz Deutschland. Flacius war aber hier zunächst bedacht, die Zahl seiner Anhänger zu mehren. Daher reiste er nach Hamburg, wo er die Superintendenten Johann Aepinus und Joachim Westphal, die schon früher in einem offenen Schreiben an Melanchthon dessen adiaphoristische Anschauungen missbilligt hatten, für seine Sache gewann.

Überhaupt fand er in Norddeutschland eine dem Augsburger wie dem Leipziger Interim höchst feindselige Stimmung, die ihn das Beste hoffen ließ. Mittlerweile stieg aber auch der Hass der Adiaphoristen gegen die Flacianer aufs Höchste; sie trösteten sich sogar mit der Hoffnung, dass Kurfürst Moritz dieselben bei der Einnahme Magdeburgs als Anstifter der Rebellion auf den Stadtmauern aufhängen werde. Dieser aber, bereits von einem protestantischen Kaisertum träumend, ließ sich darauf nicht ein, und die Ausweisung des Flacius aus Köthen und die Zurückweisung desselben nach Magdeburg, welche Melanchthon beim Fürsten von Anhalt bewirkte, nutzte ebenfalls so wenig, dass über den Denunzianten und seine Partei von hier aus nach wie vor die furchtbarsten Blitze geschleudert wurden.

Das Ansehen des Flacius wuchs in ganz Deutschland ungemein; er wurde als der Retter des neuen Evangeliums gepriesen, und man muss gestehen, dass wenigstens die Konsequenz und Aufrichtigkeit auf seiner seite war, während bei den Adiaphoristen böswillige Polemik die Feder führte.

Unterdessen verwickelte ihn sein religiöser Eifer in verschiedene Streithändel. Dem Professor Osiander in Königsberg, der die Rechtfertigung in Christo nicht bloß als eine Gerechterklärung, sondern auch als Gerechtmachung erklärte, warf er Häresie vor und stritt mit ihm zwei Jahre herum; zu gleicher Zeit ließ er sich mit Major in Wittenberg wegen dessen Lehre von der Notwendigkeit der guten Werke ein, die er als papistischen Irrtum verwarf; auch Amsdorf, sein Freund, beteiligte sich an diesem Streit und erklärte in seinem Eifer die guten Werke sogar als zur seligkeit schädlich, was aber Flacius tadelte.

Um dieselbe Zeit (1551-53) schrieb er gegen die Sakramentierer und gegen Schwenckfeld. Sein Hauptkampf aber, der viele Jahre dauerte, war gegen Pfeffinger und die Synergisten gerichtet, welche abweichend von der lutherischen Lehre, dass Gott im Menschen alles und allein wirke, die Notwendigkeit einer Mitwirkung des Menschen zu seinem Heil lehrten.

…

Jena galt damals als das Bollwerk des Stockluthertums gegenüber den Hochschulen Wittenberg und Leipzig, und die Theologie-Professoren, welche dort lehrten, waren mit derselben Gesinnung und demselben Eifer für die lutherische Sache wie Flacius beseelt; daher nahm dieser auch die Stelle gerne an. Gewissermaßen als Inauguration seines Amtes veröffentlichte er zu Basel seine Schrift: Missa latina … codice descripta. Dieselbe erregte anfangs großes Aufsehen, da man ausstreute, es fände sich in diesem alten liturgischen Werk keine Spur spezifisch katholischer Lehren; die Protestanten glaubten, nun liege der Katholizismus mit einem Schlag besiegt am Boden.

Aber die Katholiken erkannten bald, dass der Herausgeber den Inhalt des Buches entweder nicht verstanden oder sehr oberflächlich gelesen habe; denn es fand sich darin eine Missa pro defunctis, die Invocatio Sanctorum und überhaupt die katholische Messliturgie nach römischem Ritus; Gerbert und Zacharias schrieben dieselbe dem 10. oder 11. Jahrhundert zu.

Da die Protestanten zugleich einsahen, dass diese Liturgie nur zur Bestätigung der katholischen Abendmahlslehre diene, so wurde Flacius durch ungestüme Bitten und Drohungen veranlasst, die Schrift aus dem Buchhandel zurückzuziehen; daher heute ihre Seltenheit.

Im Jahr 1559 erschien endlich der erste Band der Centurien. Allgemein wurde der Fleiß und die Gelehrsamkeit der Verfasser gelobt; dass hinderte aber nicht, dass die Wittenberger fortfuhren, die Falacianer zu verdächtigen und zu lästern, wo und wie sie nur konnten. Diesen gesellte sich in demselben Jahr durch eine Jenenser Kollege des Flacius bei, Victorin Strigel, der mit ihm zuvor gegen Interim, Adiaphoristen, Majoristen, Osiandristen usw. gestritten hatte. Durch verschiedene Ausfälle des Flacius auf seine Person und sein Wissen verletzt, regte er wegen der Lehre vom menschlichen Synergismus die Studenten gegen ihn auf und bekämpfte das von Flacius abgefasste Confutationsbuch, welches gegen alle Abweichung vom Luthertum gerichtet war. Indes musste er dafür im Gefängnis büßen.

Um Frieden zu stiften, veranstaltete der fürstliche Hof 1560 zwischen Flacius und Strigel eine Disputation, worin Flacius die Behauptung aufstellte, die emnschliche Natur sei durch Adams Sünde ganz verderbt, so dass sie nichts Gutes tun noch dazu mitwirken könne. Bei dieser echt lutherischen Lehre blieb er aber nicht stehen, sondern ging so weit, die Erbsünde nicht für ein Akzidens, sondern für etwas Substantielles am Menschen zu erklären. Diese Lehre, in welcher seine Gegner mit Recht Manichäismus erblickten, erzeugte unter seinen Parteigenossen viele Zerwürfnisse und Verwirrungen, und trug ihm selbst Verachtung und Verfolgung ein.

Durch die Bemühungen des Kanzlers Brück, der ganz auf Seite Strigels stand, erhielt dieser seine Freiheit und sein Lehramt wieder, und der Hof verfügte die Niederschlagung des Streites.

Da aber Flacius jeden exkommunizierte, der Strigel zu verteidigen wagte, und der weltlichen Regierung gegenüber die Selbständigkeit der kirchlichen Autorität in Anspruch nahm, wurde er auf Antrag des Kanzlers Brück abgesetzt. Nun begann für Flacius das Leben eines Verfolgten.

…

Der Rat von Frankfurt hatte aber keine Lust, seine Stadt zum Schauplatz theologischer Streitigkeiten machen zu lassen, und wies den Verfasser 1567 auf höfliche Weise aus. Nun begab sich Flacius nach Straßburg, wo er nur unter der Bedingung, sich ruhig zu verhalten, aufgenommen wurde. Sein Aufenthalt daselbst dauerte fünf Jahre, innerhalb welcher er sich nur mit der Ausarbeitung und Drucklegung der Centurien beschäftigte. …

Im Jahr 1572 zerfiel er auch mit den Straßburger Pastoren, und da auch hier durch seine Schuld die Flammen der Zwietracht hoch aufschlugen, wurde ihm vom dortigen Magistrat das Gastrecht gekündigt. Nun wanderte er von einem Ort zum andern; in Mansfeld, Berlin, Schlesien, Basel – überall wurde ihm die Aufnahme verweigert. Am letztgenannten Ort vollendete er noch den 13. Folioband seiner Centurien; es war seine letzte Arbeit. Krank an Geist und Körper schleppte er sich – unstreitig der eifrigste und gelehrteste Verteidiger des reinen Luthertums – nach Frankfurt, wo er am 11. März 1575 starb. –
aus: Wetzer und Weltes Kirchenlexikon, Bd. 4, 1886, Sp. 1527 – Sp. 1531

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Centurien, Magdeburger
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