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Humanismus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Humanismus

Humanismus, als Wiederbelebung des Altertums betrachtet (G. Voigt), wird vielfach mit der Renaissance, dem Inbegriff einer neuen Lebensanschauung, gleichgesetzt, als wissenschaftliche Einstellung dagegen von ihr unterschieden, namentlich da, wo der Humanismus über sein Ursprungsland Italien hinaus als eine allgemeine Geistesbewegung auftritt. Als sein wesentlicher Inhalt erscheint eine übersprudelnde Begeisterung für das klassische Altertum, dessen Literatur und Kultur in idealisierter Form als höheres Lebensideal betrachtet wird im bewußten Gegensatz zum vergangenen oder abklingenden Mittelalter, seiner Formensprache, seinen Einrichtungen und Autoritäten, besonders der kirchlichen. In diesem Umfang und Ausmaß ist der Humanismus jedoch nicht im ganzen Verlauf seiner Entwicklung hervorgetreten, so wenig alle Humanisten von einem kirchen- oder gar christentums-feindlichen Lebensideal erfüllt waren. Seit den humanistischen Anfängen zeigt sich ein Nebeneinander von kirchlich gesinnten und modern gerichteten Vertretern. Auf dem Höhepunkt des Humanismus im frühen 16. Jahrhundert betätigen sich, namentlich in Deutschland, Humanisten, wie Erasmus, sehr stark theologisch, lehnen aber trotz kirchlicher Entfremdung die Glaubensneuerung ab; anderseits sind humanistische Schulmänner in den Niederlanden und Deutschland, wie die Brüder vom gemeinsamen Leben, kirchlich konservativ. Ebenso wird der Humanismus des 17. Jahrhunderts in den Jesuiten-Schulen dem kirchlichen Geist in einer Weise dienstbar, daß kein besseres Schulmittel gefunden werden konnte, während der Neu-Humanismus des 18. Jahrhunderts in den aufklärerischen Kreisen rationalistisch ist.

Anfänge des Humanismus zeigen sich schon bei Dante, der jedoch im wesentlichen noch ganz der mittelalterlichen Weltanschauung huldigt. Bewußt vertritt Petrarca die neuen humanistischen Bildungsziele. Hauptpflegestätten waren Florenz, wo Cosimo und Lorenzo de Medici durch Berufung von Gelehrten, Stiftung der 1. Akademie, Sammlung von Handschriften (Laurentiana) diese Studien förderten, dann die Kurie in Rom (Nikolaus V., Gründer der Vatikanischen Bibliothek; Pius II., der größte Humanist des 15. Jahrhunderts, Sixtus IV., Leo X., Klemens VII., Paul III. usw.), die Fürstenhöfe in Urbino, Mantua, Ferrara, Mailand, Neapel; endlich die Universitäten. Hier nannten sich Humanisten (auch Latinisten, Gräzisten, Poeten, Oratoren) diejenigen Lehrer, die den Bildungsgehalt des klassischen Altertums aus der Lektüre meist alter römischer und griechischer Schriftsteller ausschöpften und mitteilten, im Gegensatz zu den Artisten, die nach den herkömmlichen Lehrbüchern der 7 freien Künste lehrten.

Von christlichem Sinn erfüllte Humanisten haben Großes im neuen Geist geschaffen: Erzeugnisse neulateinischer Prosa und Poesie, neue Ideen in Philosophie und Theologie (Bessarion, Marsilius Ficinus, Pico von Mirandola), Entdeckung und Ausgaben altchristlicher Schriftsteller (Petrarca, Ambrosius Traversari), Pflege der Naturwissenschaften, Geographie und Reiseliteratur (Enea Silvio), Entwicklung der historischen Kritik (Konstantinische Schenkung) und der klassischen und christlichen Archäologie (Biondo). Im Erziehungswesen gingen einzelne bahnbrechend voran: G. Dominici, M. Vegius, Viktorin von Feltre u.a.

Anderseits richtete sich das Streben vieler Humanisten auf Ruhm und irdische Unsterblichkeit (Dichterkrönungen). Mit dem Aberglauben wurde auch der fromme kirchliche Sinn des Volkes verachtet. Die Gegnerschaft gegen die starre Form der Scholastik und das Latein der Mönche führte zur Bekämpfung der kirchlichen Wissenschaft, zur Verhöhnung des Ordenslebens (Boccaccio, Poggio). Bald gesellte sich dazu der offene Unglaube, die Wiedererweckung heidnischer Unsittlichkeit und griechischer Laster (P. Aretino, Filelfo, A. Beccadelli usw.). Die neu erwachte Kritik führte zu Angriffen auf Papsttum und Kirchenlehre, selbst auf die Autorität der Hl. Schrift (L. Valla). Die Überschätzung der schönen Form hatte Verweichlichung, Wohlleben und sittliche Ausschweifungen zur Folge. Selbst im Klerus fanden sich beredte Verteidiger des Epikureismus, während strenge Mönche und Bußprediger in ihren Angriffen gegen die Humanisten oft zu weit gingen.

In dieser Doppelgestalt lernten die Deutschen auf den Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts und bei ihren Italienfahrten den Humanismus kennen, dessen vornehmste Vertreter Poggio-Bracciolini, G. Cesarini, Enea Silvio Piccolomini u. a. ihm damals begeisterte Schüler gewannen (A. von Eyb, H. Schedel, J. Rhagius, U. Rieger). Doch hat im allgemeinen der ältere deutsche (sog. Früh-) Humanismus sich vor solchen Ausschreitungen bis zum 16. Jahrhundert bewahrt, während der spätere (jüngere) Humanismus indifferent war (Erasmus, Mutianus und sein Freundeskreis), dem Papsttum und der Kirche feindselig gegenüber trat (U. v. Hutten, Melanchthon usw.) und früh schon die Sittenlosigkeit italienischer Dichter womöglich zu übertreffen trachtete (Celtis, Bebel). Ein Hauptverdienst erwarb sich der Humanismus um Reform der Schrift und des Druckes (Aldus, Froben, Plantin) und ganz besonders um die Einführung der griechischen und später auch der hebräischen Sprache in den gelehrten Betrieb. Zanobi di Strada, M. Chrysoloras, G. Plethon, Kardinal Bessarion, Theodor Gazes, Joh. Argyropulos, die um die Zeit des Unionskonzils von Ferrara-Florenz (1438/39) nach Italien gekommen waren, vermittelten die griechischen Geistesschätze dem Abendland. Seit 1476 wurde an der Pariser Universität Griechisch und Hebräisch gelehrt (J. Laskaris, Gr. Tiphernes, G. Hermonymus, G. Alexander). Auch hier prallten die alte und neue Richtung stark aufeinander.

Noch erbitterter wurde der Streit in Deutschland geführt, als Reuchlin das Lesen der Judenbücher verteidigte, während die Dominikaner (Hoogstraeten) und die Universität Köln in ihrem Kampf gegen ihn den Kaiser Maximilian I. und Papst Leo X. auf ihre Seite zu ziehen wußten. Hatten in den Niederlanden die Schule von Deventer (Brüder vom gemeinsamen Leben), im Elsaß die von Schlettstadt (Dringenberg) echten Humanismus verbreitet, so machte der durch seine Editionen hoch angesehene Erasmus hier wie dort für den Indifferentismus Bahn. (siehe den Beitrag: Erasmus von Rotterdam und seine Theologie) An den deutschen Universitäten Heidelberg (R. Agricola) Tübingen, Erfurt, Wien, Ingolstadt (J. Locher) rangen beide Richtungen miteinander. In den Reichsstädten Augsburg, Straßburg, Nürnberg usw. bildeten die Peutinger, Geiler, Schott, Pirkheimer den Mittelpunkt edler Bestrebungen für Gleichgesinnte. Einzelne gingen freilich in ihrer krankhaften Schwärmerei für die klassischen Ideale zu weit. Selbst am päpstlichen Hof ward durch Bibbiena, Bembo u. a. christliche Sitte trotz des immer lauter tönenden Rufes nach Reform mißachtet. Erst die nachtridentinische Päpste, durchaus keine Humanisten-Feinde, schufen Wandel. Viel ruhiger verlief die Bewegung in Spanien (Kardinal Ximenes, A. v. Lebrija, J. L. Vives) und England, wo der edelste Humanist (Morus) als Märtyrer für den katholischen Glauben starb. Auch in Frankreich schlug die religiöse Erregung auf die geistige Bewegung zurück (Bodin, Casaubonus, Scaliger, Muret usw.). Erst im 17. Jahrhundert trat Ruhe ein, als die philologisch-archäologischen Studien überwogen und Pädagogik und Poesie noch eine reiche Nachblüte des Humanismus hervor riefen, an der protestantische Gelehrte wie nicht minder die Schulen der Jesuiten hervorragenden Anteil hatten. Für die Folgezeit blieb die humanistische Bildung Grundlage des höheren Schulwesens Ihre Alleinberechtigung wurde erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch das Vordringen der realen Fächer erschüttert. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. V, 1933, Sp. 189 – Sp. 192

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