Lexikon für Theologie und Kirche
Stichwort: Centurien, Magdeburger
Centurien, Magdeburger, nannte man das erste umfassende Werk der Protestanten über die Geschichte der christlichen Kirche, weil es nach Jahrhunderten (Centuriae), deren jedes einen Band füllte, eingeteilt und in Magdeburg begonnen wurde. Der Begründer dieser Centurien, Matthias Flacius und seine Mitarbeiter und Gehilfen den Namen Magdeburger Centuriatoren.
Die planmäßige Anlage und konsequente Durchführung dieses Geschichtswerkes verdient volle Anerkennung, weniger die Tendenz desselben und die mit dieser notwendig verknüpften Parteilichkeit und Leidenschaftlichkeit. Den Plan zu den Centurien hatte Flacius schon 1553 gefasst und zu diesem Zweck mit beharrlichem Eifer Gedrucktes, Urkundliches und Handschriftliches gesammelt, Korrespondenzen eröffnet, Mitarbeiter geworben, persönlich und durch andere Reisen in die berühmten Klosterbibliotheken gemacht. Fürsten und vornehme Freunde, wie Nidbruck und die Fugger, öffneten gleichfalls ihre Bibliotheken.
Eigentliche Mitarbeiter an den Centurien waren: Johann Wigand, geboren 1523 zu Mansfeld, 1553 Superintendent zu Magdeburg, 1560 Professor der Theologie zu Jena, 1562 Superintendent zu Wismar, dann sieben Jahre Professor zu Königsberg, gestorben als protestantischer Bischof von Pomesanien und Samland den 21. Oktober 1587; Mattäus Judex, geboren zu Dippoldswalde in Meißen 1528, Prediger in Magdeburg, Professor in Jena, als Gegner Strigels abgesetzt, dann in Wismar und Rostock lebend, gestorben 1564; Basilius Faber, geboren zu Sorau in der Niederlausitz 1525, Philolog, gestorben 1575; Andreas Corvinus und Thomas Holzhuter oder Holthuter.
Die Arbeit war planmäßig verteilt; fünf Direktoren hatten andere Arbeiter aufzunehmen, zu besolden und selbst mitzuarbeiten. Von diesen Arbeitern mussten sieben jüngere Gelehrte nach einem ihnen vorgeschriebenen Plan aus den besten Schriftstellern Auszüge machen; zwei andere ältere und gelehrtere trugen die Auszüge in gewisse Klassen zusammen. Was auf diese Art eingetragen war, wurde den Direktoren vorgezeigt.
Es durfte nichts geschrieben werden, wovon nicht der erste Abriss von den Direktoren untersucht worden war. Erst dann wurde der Artikel zusammengesetzt, und wenn ein ganzer Abschnitt fertig geworden, so wurde er noch von den Direktoren durchgesehen. Dann wurde derselbe Abschnitt und später die ganz Centurie noch von einer Person zusammengeordnet und vollends ins Reine gebracht. Die zur Besoldung der Arbeiter, zur Anschaffung der Quellen usw. erforderlichen Geldsummen wurden von Fürsten, ganzen Gesellschaften, reichen Adeligen und Bürgerlichen zusammengeschossen; darunter waren die Könige von Schweden und Dänemark, die Herzöge von Sachsen, die Fürsten von Anhalt, die Städte Ausgburg, Nürnberg und Lindau.
Jede Centurie hatte 16 Abschnitte:
1. Übersicht der Kirchengeschichte oder des Inhalts der ganzen Centurie;
2. Fortpflanzung der Kirche nach orten und Gegenden, Art und Weise dieser Fortpflanzung;
3. Verfolgung und Ruhe der Kirche, Strafen der Verfolger;
4. Kirchenlehre und ihre Geschicke im Ganzen und nach den einzelnen locis theologicis;
5. Ketzereien, Ansichten der Ketzer, deren Quellen und Arten, Gründe ihrer Widerlegung;
6. Zeremonien und Kirchengebräuche;
7. Kirchenpolizei oder Regierung der Kirche, wobei auch von den Bibliotheken, Schulen, von den Pflichten des weltlichen Armes der Kirchenregierung gegenüber, oder von dem Verhältnis des Staates zur Kirche, von der Kirchendisziplin und von dem Papsttum gehandelt wurde;
8. Spaltungen und kleinere Streitigkeiten;
9. Konzilien;
10. berühmte Personen in der Kirchem besonders Bischöfe und Lehrer;
11. das Persönliche von den Ketzern und Verführern;
12. Märtyrer;
13. Wunder und Wunderzeichen;
14. äußere oder politische Verhältnisse der Juden;
15. die nicht christlichen Religionen, nämlich Judentum und Heidentum, und von der siebenten Centurie an auch der Islam;
16. politische Veränderungen der Reiche. –
Nach diesem Plan erschienen unter der Leitung des Flacius allmählich 13 Centurien, jede in einem einzelnen Band, die erste 1559, die dreizehnte 1574, alle in Folio, mit dem Druckort Basel. Sie waren teils in Wismar und anderwärts geschrieben, weil Flacius seinen Aufenthalt oft wechseln und zum Teil unstet und flüchtig in der Welt herumirren musste.
Der Titel nennt, nach einer ziemlich genauen Aufzählung des Inhalts, als Verfasser aliquot studiosos et pios viros in urbe Magdeburgica und verspricht eine Kirchengeschichte, welche, singulari diligentia et fide aus den ältesten und besten Quellen zusammengetragen, integram ecclesiae Christi ideam geben werde. –
Bis zur vierten Centurie wurde von den Verfassern selbst auch eine deutsche Ausgabe angefertigt (Jena 1560-1565, 2 Bände). Eine Gesamtausgabe der einzelen erschienenen Centurien, die eigentlich eine zweite Auflage zu nennen ist, besorgte M. Ludwig Lucius, Professor zu Basel, 1624 ins echs Foliobänden; doch sind darin die Namen der Verfasser und die Dedicationen weggelassen, auch einzelne Stellen den Calvinisten zuliebe geändert.
Nicht weniger war man auf die Fortsetzung der Centurien bedacht. Schon Wigand hatte die 14., 15. und 16. Centurie mit vieler Mühe und Kostenaufwand ausgearbeitet; die Arbeit des heftigen Philippistengegners blieb aber ungedruckt und soll in der Bibliothek zu Wolfenbüttel mit anderen Schriften desselben aufbewahrt sein. In Helmstedt bezog eine Zeitlang ein Professor der Theologie ein eigenes Gehalt behufs der Fortsetzung der Centurien. Auch für die Verbesserung geschahen Vorschläge und Verheißungen. … –
Wenn aber auch die Plan- und Zweckmäßigkeit der Magdeburgischen Centurien, für welche übriegens Dahl (in Koppens wissenschaftl. Jahrb. Des Herzogtums Mecklenburg 1808, 4. St.) den Namen Mecklenburgische Centurien vorschlug, in ihrer äußeren Form und Durchführung so viel Anerkennung fand, dass die meisten späteren protestantischen und selbst einige katholische Kirchengeschichts-Kompendien nach ihrem Muster gearbeitet scheinen, so ist dennoch die Wahrheitsliebe der Centuriatoren nicht durchgängig so rühmenswert.
Es war nämlich Flacius und seinen Genossen weniger um die objektive Kirchengeschichte, als um die Begründung litherischer Ansichten über die Glaubenslehre, das Papst- und Kirchentum zu tun; und dass bei dieser Begründung oft gewaltsam, parteiisch und leidenschaftlich vorgegnagen wurde, sind selbst viele Protestanten geständig. … Auch Stäudlin (Gesch. der theol. Wissensch. II, 152) gesteht, dass die Centuriatoren „oft einen polemischen Ton führen und oft aus Partei- und Streitgeist Tatsachen entstellen, der katholischen Kirche und ihren Vorstehern hie und da Unrecht tun und manche Begebenheiten mit beschränktem Blick betrachten und einseitig darstellen“.
Ja, dieser Partei- und Streitgeist richtete sich nicht bloß gegen die Katholiken, sondern auch gegen die Anhänger Melanchthons zu Wittenberg, so dass dadurch ein heftiger Briefwechsel hervorgerufen wurde; … Dass unter solchen Umständen von den Anhängern Melanchthons das Magdeburger Unternehmen weder pekuniär noch literarisch gefördert wurde, versteht sich von selbst.
Wie andere Tendenz- und polemische Schriften der Protestanten, so riefen auch die Magdeburgischen Centurien mehr und minder gewandte Widerlegungen von Seite der Katholiken hervor. Der gelehrte Augustiner-Eremit Onuphrio Panvini war der erste, welcher Annales ecclesiasticos adversus centuriatores Magdeburgenses schrieb: sie werden als Manuskipt in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt. (Cave, Hist. Lit. p. II, Genev. 1699, praefat.) Dem zu früh verblichenen Panvini folgte Baronius unter den Italienern. Unter den Deutschen trat zuerst der Rechtsgelehrte Konrad Braun auf: Liber adv. Centurias Magdeburgenses, Dilingae 1565. Ihm antwortete Flacius: Refutatio invectivae Bruni, Basileae 1566. … –
aus: Wetzer und Weltes Kirchenlexikon, Bd. 3, 1884, Sp. 7 – Sp. 11