Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Übel

Übel (malum), das Fehlen einer Vollkommenheit, die einem Wesen seinem Begriff nach zukommt. Zum Begriff des Übels gehört daher eine wahre Beraubung, und zwar wird ein Ding schon dann übel, schlecht, böse genannt, wenn ihm auch nur eine der zu seiner Wesenheit oder Integrität gehörigen Vollkommenheiten mangelt. Daher das Axiom: Bonum ex integra causa, malum ex quocumque defectu.

Das Fehlen von Vorzügen, auf die ein Ding keinen Anspruch hat, ist kein Übel. Nur im uneigentlichen Gebrauch wird die jedem endlichen Wesen notwendig eigene Begrenztheit ein Übel genannt; sie würde sogar einer „absolut besten Welt“ im Sinne von Leibniz anhaften. Daher ist diese Bezeichnung einer allem Geschaffenen wesensnotwendig.

Unvollkommenheit und Begrenztheit als „metaphysisches Übel“ ein Widersinn. Übel im eigentlichen Sinn gibt es 2 Arten: das physische und das sittliche; jenes hat in der Natur, dieses als Sünde im Willen seinen Sitz. Die Sünde allein ist ein absolutes Übel. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Theodizee. Denn einmal ist die Existenz von Weltübeln und namentlich von Sünden die wirksamste Widerlegung des absoluten Optimismus (Malebranche, Leibniz); sodann wird durch diese Unterscheidung die Beurteilung des Verhältnisses Gottes zum Übel erst richtig geklärt.

Die Sünde kann der Allheilige weder als Zweck beabsichtigen noch als Mittel zum Zweck wollen, sondern lediglich um höherer Güter willen zulassen („O certe necessarium Adae peccatum, quod Christi morte deletum est! O felix culpa, quae talem ac tantum meruit habere Redemptorem!“ Aus der Präfation der Osterkerzenweihe). Die Naturübel aber kann auch der Allweise und Allgütige, wenn nicht unmittelbar als Zweck beabsichtigen, so doch als Mittel zum Zweck wollen, um ein größeres Gut zu erreichen. Die zur Züchtigung der Sünden verhängten Leiden heißen speziell Straf-Übel, wogegen die zur Prüfung und Läuterung der gerechten gesandten Übel einfache Heimsuchungen sind.

Das Dasein von Weltübel darf das Denken weder zum theologischen Dualismus, der 2 absolute Prinzipien annimmt (Gnostizismus, Manichäismus), noch zum Pessimismus (indische Philosophie, Schopenhauer) verleiten. Jener ist in sich ein Widersinn. Denn da das Übel in der Beraubung eines Gutes oder Seienden besteht, so müsste seine Verabsolutierung in der Hinwegnahme alles Seins bestehen und so zum puren Nichts führen. Das Nichts aber ist kein Wesen, am wenigstens ein absolutes Wesen (Ahriman, böser Antigott).

Der 2. Irrweg, der Pessimismus, übersieht, dass es vor all dem Übel in physischer und ethischer Hinsicht all das Gute gibt, an dem jenes als ein überwindbares Übel haftet, überwindbar sei es durch natürliches Abhilfe oder übernatürliche Gesinnung und Gebet, sei es (als Sünde) durch Bekehrung und Empfang der Sünden tilgenden Sakramente; ferner, dass die Existenz von Übel zur reichen Quelle neuer Güter wird (Opferstärke, dienende, heilende und helfende Nächstenliebe, andauernde sittlicher Kampf, wirksame Erkenntnis des nur relativen Wertes aller Erdengüter und des überragenden Wertes der Schätze im Himmel: Mt. 6,19); endlich dass der gerechte Ausgleich und die Wiederherstellung der nur teilweise gestörten Ordnung nicht ins Diesseits, sondern ins Jenseits fällt.

Ein Geheimnis bleibt das Übel für das natürliche und übernatürliche Denken doch. Aber soweit dieses Geheimnis und das mit ihm unlöslich verbundene des Leidens und der Sünde überhaupt befriedigend zu erklären sind, liegt die Lösung in den Lehren der Offenbarung, besonders vom Sündenfall, von der Erlösung, dem Verdienst und ewigen Lohn. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. X, 1938, Sp. 353 – Sp. 354

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