A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Reuchlin

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Reuchlin

Reuchlin, Johann, gräzisiert Capnion, berühmter deutscher Humanist, * 22.2.1455 zu Pforzheim, † 30.6.1522 zu Liebenzell (Württemberg); studierte in Freiburg i. Br., Paris und Basel. Hier gab er 1475 ein lateinisches Reallexikon (Vocabularius breviloquus) heraus, das bis 1504 25 Auflagen erlebte. 1477 wurde er Magister artium und lehrte Griechisch und Latein; studierte seit 1478 die Rechte in Orléans und Poitiers; 1481 Lic. Jur. in Poitiers, 1484 Dr. jur. in Tübingen; begleitete den württembergischen Grafen Eberhard im Bart 1482 nach Rom, wurde dessen Rat, Beisitzer am Hofgericht und Gesandter. Um 1485 begann er das Studium des Hebräischen und vervollkommnete dich darin mit Hilfe gelehrter Juden. Er vertiefte sich auch in die jüdische Geheimwissenschaft der Kabbala, in der er eine höhere Weisheit zu finden glaubte /vgl. seine Schriften De verbo mirifico (Basel 1494) und De arte cabbalistica (Hagenau 1517). 1492 erhielt er den erblichen Adel. Nach dem Tode seines Gönners Eberhard floh Reuchlin 1496 vor Eberhard d. J. (II) und dessen Günstling, dem ehemaligen Augustiner Dr. Holzinger, nach Heidelberg an den Hof des pfälzischen Kurfürsten, wo er die witzigen lateinischen Komödien Sergius (gegen Holzinger) und Henno in Nachahmung des Terenz verfaßte.

Nach der Absetzung Eberhards d. J. trat er wieder in württembergischen Dienst, war 1502-13 Richter des schwäbischen Bundes, lebte dann zurückgezogen in Stuttgart wissenschaftlicher Muße, empfahl 1518 seinen Großneffen Philipp Melanchthon nach Wittenberg, war Februar 1520 bis April 1521 Professor des Griechischen und Hebräischen an der Universität Ingolstadt, ging dann wegen der Pest nach Tübingen, wo er bis zum Tode grammatische Vorlesungen hielt. Reuchlin war ein hoch achtbarer Charakter und der Kirche treu ergeben. In seinem Liber de arte praedicandi (Pforzheim 1504) gibt er Predigtanweisungen im Sinne der klassischen Rhetorik. Reuchlin hat große Verdienste um die deutsche Bildung. Er war ein trefflicher Lateiner und hervorragender Gräzist, einer der Begründer und wirksamsten Förderer der hebräischen Sprachwissenschaft in Deutschland. Seine Rudimenta linguae hebraicae (Pforzheim 1506), Grammatik und Wörterbuch umfassend, waren bahnbrechend. Er gab auch die 7 Bußpsalmen hebräisch und lateinisch (Tübingen 1512) und eine Schrift De accentibus et orthographia linguae hebr. (Hagenau 1518) heraus. Reuchlin stand in regen Briefwechsel mit vielen Gelehrten in Deutschland, Frankreich und Italien.

Sein Unglück war der Streit mit dem jüdischen Konvertiten Pfefferkorn über die Vernichtung der Judenbücher. Reuchlin sprach sich 1510 in einem Gutachten gegen die Maßregel als Schädigung der Wissenschaft aus; nur offenbare Schmähschriften gegen das Christentum sollten verbrannt werden. Daraus entwickelte sich eine leidenschaftliche literarische Fehde, der sog. Reuchlin`sche Streit: Pfefferkorn erwiderte im Frühjahr 1511 mit dem „Handspiegel“, Reuchlin im Herbst 1511 mit dem noch schärferen Augenspiegel“. Es folgten Pfefferkorns erbitterter „Brandspiegel“ (1512) und Reuchlin`s bitterböse „Defensio contra calumniatores Coloniensis“ (Tübingen 1513). Die Zustimmungs-Schreiben seiner humanistischen Freunde (B. Adelmann, H. v. d. Busche, W. Pirkheimer u.a.) veröffentlichte Reuchlin unter dem Titel Clarorum virorum epistolae (Tübingen 1514). Als mit der Kölner theologischen Fakultät auch die Universitäten Löwen, Mainz, Erfurt und Paris den „Augenspiegel“ verwarfen und der Kölner Dominikaner und Inquisitor Jakob von Hoogstraeten 1513 gegen Reuchlin einen kirchlichen Prozeß wegen Häresieverdachts anstrengte, appellierte dieser nach Rom. Er wurde in erster Instanz 1514 vor dem Bischof von Speyer freigesprochen. Hoogstraeten wandte sich nun seinerseits an Leo X. Machenschaften beider Parteien verzögerten die Entscheidung in Rom lange; unterdessen wuchs sich der Streit in Deutschland zu einer grundsätzlichen Fehde zwischen Humanisten und Scholastikern aus. Die stärksten Ausfälle gegen die Theologen (Ortwin Gratius u.a.) und gegen die kirchliche Autorität machte die frivole Satire der Epistolae obscurorum virorum (Dunkelmännerbriefe) v. 1515/17. Auch mit der lutherischen Bewegung wurde der Streit verknüpft, obwohl Reuchlin der alten Kirche durchaus anhänglich blieb. Schließlich verbot Leo X. 23.6.1520 den „Augenspiegel“ als ein anstößiges, den Juden unerlaubt günstiges Buch und verurteilte Reuchlin zu sämtlichen Kosten des Prozesses. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VIII, 1936, Sp. 847 – Sp. 848

Buch mit Kruzifix
Hermann von Vicari
Buch mit Kruzifix
Ledochowski

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Simon Magus

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Simon Magus Der hl. Petrus im Konflikt mit Simon Magus Simon Magus der Magier, aus Gittä in Samaria, vom Diakon Philippus dort für das Christentum gewonnen (Apg. 8, 9-13). Er glaubte, die Gabe, durch…
Buch mit Kruzifix

Galerius

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Galerius römischer Kaiser und Christenverfolger Galerius, eigentlich Cajus Galerius Valerius Maximianus, römischer Kaiser. Illyrier von niederer Herkunft, tüchtiger Soldat und Heerführer, aber von barbarischen Sitten, fanatischer Heide und Christenfeind. Diokletian machte ihn 1.3.293 zum…
Buch mit Kruzifix

Besessenheit

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Besessenheit Besessenheit, die Besitzergreifung des Leibes eines Menschen durch einen bösen Geist aus weiser Zulassung Gottes. Man unterscheidet hauptsächlich 2 Grade: Umsessenheit (circumsessio), d.i. eine Besitzergreifung durch den Dämon von außen her, und Besessenheit…
Buch mit Kruzifix

Pfingstfest

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Pfingstfest bei den Juden Bei den Juden das 2. der 3 großen Wallfahrtsfeste, am 50. Tag oder 7 Wochen nach dem Passah-Fest (Lv. 23, 15f.; Dt. 16, 9), daher auch „Fest der Wochen“ genannt…
Buch mit Kruzifix

Typos

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Typos Typos, das von Kaiser Konstans II. September 647 erlassene Glaubensedikt, das die Ekthesis außer Kraft setzte und um des Friedens willen jegliche Äußerung im monotheletischen, aber auch dyotheletischen Sinn unter strengen Strafen verbot.…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Messalianer

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Messalianer Messalianer, auch Massalianer (wahrscheinlich = Betende), schwärmerisch-mystische Sekte, innerhalb der Kirche seit 350 von Mesopotamien her in Syrien, Armenien, Kleinasien und Thrakien sich verbreitend und noch im Mittelalter in den Bogumilen wieder auflebend, nach ihren Führern Adelphianer und Langetianer, nach ihrer Art der Gottesverehrung Euchiten und Choreuten genannt.…
Buch mit Kruzifix

Michael Cärularius

Kirchenhistorie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Michael Cärularius Michael Cärularius (Kerullarios), beschränkter Halbwisser mit neuplatonischem Einschlag, gefährlicher politischer Intrigant, als verbissener Lateinerfeind populär. Missglückter Revolutionär (1040), als Mönch gerettet. Obwohl noch Laie, wurde er durch seinen früheren Mitverschworenen, den neuen Kaiser Konstantin IX. Monomachos, zum Patriarchen v. Konstantinopel ernannt und am 25.3.1043 geweiht. Er fand…
Buch mit Kruzifix

Halacha

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Halacha Halacha, Plural Halachoth („Gang“, übertragen = was gang und gäbe ist, Brauch, Norm), bezeichnet in der jüdischen Schulsprache das im Leben zur Geltung gekommene Gewohnheitsrecht, die normierte Satzung, die religionsgesetzliche Vorschrift, die festzustellen Aufgabe und Befugnis der anerkannte Gesetzeslehrer war. Die Halachoth wurden in den Schulen anfangs nur…
Buch mit Kruzifix

Hettinger

Biographie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hettinger Hettinger, Franz, * 13.1.1819 zu Aschaffenburg, † 26.1.1890 zu Würzburg; studierte in Aschaffenburg (1836), Würzburg (1839), Rom (1841 bis 1845), 1843 Priester, 1847 Assistent und 1852 Subregens am Priesterseminar zu Würzburg, 1856 ao., 1857 o. Professor der theologischen Einleitungs-Wissenschaft, 1867 der Apologetik (seit 1871 stellvertretend zugleich für Dogmatik),…
Buch mit Kruzifix

Kopten

Kirchenhistorie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Kopten Kopten heißen seit der arabischen Herrschaft (639/40) die Angehörigen der monophysitischen Nationalkirche Ägyptens. I. Geschichte der Kopten I. Die Geschichte dieser Sonderkirche beginnt 451 mit der Auflehnung des Patriarchen Dioskur gegen seine Verurteilung durch das Konzil von Chalcedon. Ursächliche und fördernde Faktoren des monophysitischen Schismas in Ägypten waren…
Buch mit Kruzifix

Armutsstreit

Orden und Ordensleute
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Armutsstreit Armutsstreit. Die Franziskaner lehrten, die Regel ihres Stifters, die jedes Recht auf Eigentum sowohl in speciali wie in communi verbiete, schlösse die höchste religiöse Vollkommenheit ein, die Christus selbst gelehrt und durch sein Beispiel geübt habe. Hierin waren sich alle Franziskaner einig. Außerhalb des Ordens wurde diese Lehre…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner