A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Probabilismus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Probabilismus

Der Probabiliorismus verrät hohen sittlichen Ernst und besitzt sicherlich für den einzelnen nicht geringe praktische Bedeutung, sofern es geraten sein kann, der strengeren Ansicht zu folgen; jedoch darf man Dritten gegenüber nicht ohne weiteres denselben strengen Maßstab anlegen. Nun ist sehr häufig eine größere Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der Freiheit nicht festzustellen; so bleibt auf dem Standpunkt des Probabiliorismus regelmäßig nichts anderes übrig, als die pars tutior zu wählen. Zudem ist der Probabiliorismus nicht folgerichtig. Er will das reflexe Prinzip: Lex dubia non obligat, ein zweifelhaftes Gesetz verpflichtet nicht, oder das Recht, von der Freiheit Gebrauch zu machen, nur gelten lassen, wenn die Meinung zu Gunsten der Freiheit wahrscheinlicher ist, nicht auch im Fall des strikten Zweifels.

Zwischen dem gesetzesfreundlichen Probabiliorismus und dem freiheitsfreundlichen Probabilismus vermittelt der Äquiprobabilismus. Er betont das Prinzip: In dubio est melior condicio possidentis, eine nach der Tradition berechtigte Ausdehnung des eigentlich Rechtsverhältnisse regelnden Grundsatzes. Freiheit und Gesetz werden wie Parteien vor Gericht angesehen. Ist die Freiheit „Im Besitz“, so kann vor ihr Gebrauch gemacht werden, ist das Gesetz „im Besitz“, so muß es erfüllt werden. Näherin wird in dem vorausgesetzten Fall des strikten Zweifels unterschieden zwischen dem Zweifel, der sich auf das Bestehen des Gesetzes bezieht, und dem zweifel, der sich auf das Fortbestehen oder auf die Erfüllung des Gesetzes bezieht. Fort ist die Freiheit im Besitz und müßte das Gesetz sozusagen sein besseres Recht beweisen (Lex dubia non obligat), hier verhält es sich umgekehrt (Factum non praesumitur). Ganz analog entscheidet das kirchliche Recht (can. 15 u. 23). Die erwähnten wie überhaupt alle reflexen Prinzipien lassen sich, sieht man genauer zu, auf ein einziges Prinzip zurückführen, auf das längst bekannte und angewandte Prinzip: Standum est pro eo, pro quo stat preasumptio. Genauer gesagt: spricht die Vermutung für das Gesetz, so hat man es zu erfüllen, spricht sie für die Freiheit, so kann man ohne Sünde von ihr Gebrauch machen. Bezieht sich der strikte Zweifel auf das Bestehen des Gesetzes, so spricht die Vermutung für die Freiheit; bezieht er sich auf das Fortbestehen oder auf die Erfüllung des Gesetzes, so spricht die Vermutung für die Verpflichtung. Man kann daher den auf sein eigentliches Grundprinzip zurückgeführten Äquiprobabilismus als Präsumtionssystem bezeichnen. Es wird eingewendet, nach kirchlichem Gesetz habe die Vermutung verpflichtende Kraft nur, wenn sie vom positiven Gesetz oder vom Richter als solche erklärt werde; um so weniger verpflichte Gott auf Grund bloß wahrscheinlicher Meinung zum Handeln. Darauf ist zu erwidern, daß wir auf sittlichem gebiet den Richter im gewissen haben, der im Auftrag Gottes im Einzelfall entscheidet und gebietet, nach bester Überzeugung zu handeln.

Der Probabilismus gestattet, von der Freiheit Gebrauch zu machen, sobald die entsprechende Meinung gut begründet ist, auch wenn die entgegengesetzte noch besser begründet wäre. Ohne weiteres ist zuzugeben, daß dieses Prinzip klar und leicht anwendbar ist. Aber wenn die Meinung zu Gunsten des Gesetzes besser begründet erscheint, so spricht die Vermutung für das Gesetz, nicht für die Freiheit. Wird entgegen gehalten, objektiv könne es sich in Wahrheit ganz anders verhalten, so ist das an sich richtig. Wir haben jedoch zu beachten, daß gar nichts anderes übrig bleibt, als alle diese Entscheidungen subjektiv nach bestem Wissen zu treffen, weil eben die objektive Wahrheit im gegebenen Fall nicht festzustellen ist. Wir folgen auch sonst im Leben, wo Sicherheit nicht zu erreichen ist, der größeren Wahrscheinlichkeit.

aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, S. 317-318

Buch mit Kruzifix
Moralsysteme
Buch mit Kruzifix
Quatember

Weitere Lexikon-Einträge

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Römisch-deutsche Kaiser mit Namen Ferdinand Ferdinand I., * 10.3.1503 zu Alcalá, † 25.7.1564 zu Wien; jüngerer Bruder Karls V.; erhielt 1521 die österreichische Erblande, wurde 1527 nach dem Tode seines Schwagers Ludwigs II. König…
Buch mit Kruzifix

Loyson

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Loyson Loyson, Charles, *10.3.1827 zu Orléans, † 9.2.1912 zu Paris; 1851 Professor der Philosophie am Grand Séminaire v. St-Sulpice in Avignon, 1854 Professor der Dogmatik am Grand Séminaire in Nates, 1856 Vikar bei St-Sulpice…
Buch mit Kruzifix

Justina

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Justina Justina, Francucci Bezzoli, sel., OSB, * um 1260 zu Arezzo, † 12.3.1319; Einsiedlerin in einer Apenninenschlucht, dann Nonne zu Arezzo, die letzten 20 Jahre blind. Kult 1890 bestätigt. Fest in Arezzo 12. März.…
Buch mit Kruzifix

Agnostizismus

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Agnostizismus Agnostizismus, 1) in der Philosophie die Anschauung, daß wir das Übersinnliche nicht erkennen können. Unsere tatsächlichen Aussagen über die hinter der Erscheinungswelt liegenden Substanzen, Kräfte und Ursachen seien nur bequeme Namen (Nominalismus) für…
Buch mit Kruzifix

Enzyklopädisten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Enzyklopädisten Enzyklopädisten, die Herausgeber (Diderot und d´Alembert) und Mitarbeiter (Rousseau, der jedoch seit 1757 als Gegner der materialistischen Tendenz der Enzyklopädisten auftrat, Voltaire, Baron v. Holstein, Turgot, Grimm Duclos, Marmontel, de Jaucourt, Boulanger u.a.)…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Hugenotten

Calvinisten
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hugenotten Hugenotten. Das Wort Huguenots, seit etwa 1560 Name der französischen Calviner, ist vermutlich eine Französierung von eignots, der genfischen Bezeichnung für Eidgenossen; von Genf aus wurde nämlich die Protestantisierung Frankreichs hauptsächlich betrieben. – Unter Franz I. (1515-47) konnte sich die religiöse Neuerung in Frankreich nicht ausbreiten, da der…
Buch mit Kruzifix

Diderot

Freigeist
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Diderot Diderot, Denis, philosophischer Schriftsteller, * 5.10.1713 zu Langres, † 31.7.1784 zu Paris. Sein Essai sur le mérite et la vertu (Paris 1745), eine freie Bearbeitung der betrefflichen Schrift Shaftesbury`s lehrt einen Deismus, der die christliche Offenbarung als möglich zuläßt, sofern sie die notwendige Bedingung für ein durch Tugend…
Buch mit Kruzifix

Arnold von Brescia

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Arnold von Brescia Arnold von Brescia, * wohl Ende des 11. Jahrhunderts, † 1155. Studierte in Paris bei Abaelard und wurde in Brescia Priester und Augustiner-Chorherr. Ein eigenwilliger, zum Extremen geneigter Kopf, strengster Aszese ergeben und von leidenschaftlichem Reformeifer beseelt, verwarf er, in die demokratischen Kämpfe seiner Vaterstadt hinein…
Buch mit Kruzifix

Otto I.

Könige und Kaiser
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Otto I. der Große, deutscher Kaiser Otto I. der Große, deutscher Kaiser 936 bis 973 * 912 als Sohn Heinrichs I. und Mathildens, † 7.5. 973 zu Memleben. In bewusster Anknüpfung an das karolingische Vorbild unterzog sich Otto in Aachen der Königsannahme seitens der weltlichen Großen wie der kirchlichen…
Buch mit Kruzifix

Scheeben, Matthias Joseph

Biographie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Scheeben, Matthias Joseph Scheeben, Matthias Joseph, der historisch und spekulativ begabteste, mystisch-innige Theologe der Neuscholastik, * 1.3.1835 zu Meckenheim bei Bonn, studierte 1852-59 als Alumnus des Germanikum an der gregorianischen Universität in Rom, wo italienische und deutsche Neuscholastiker die Führung hatten. 18.12.1858 zum Priester geweiht, 1859 Rektor und Religionslehrer…
Buch mit Kruzifix

Sodoma

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Sodoma Sodoma, Hauptort der 5 Städte (Pentapolis) im Siddim-Tal, Wohnort des Lot (Gn. 13,12), wurde wegen widernatürlicher Unzucht („sodomitische“ Sünde, Sodomie; vgl. Gn. 19,4-9) zugleich mit Gomorrha, Adama und Seboim von Gott „umgekehrt“ und in einem Feuer-, Salz- und Schwefelregen verbrannt (Gn. 19,21-25) – ein Strafgericht, bei dem sich…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner