Origenes

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Origenes

Origenes, auch Adamantius („der Stählerne“) beigenannt, griechischer Kirchenschriftsteller, der größte Theologe der alten Kirche.

Sein Leben

I. Leben (Quelle: Eusebius, HE VI u. VII, 1). * 184/85 von christlichen Eltern, vielleicht in Alexandrien. Sein Vater Leonides unterwies ihn früher in der Hl. Schrift als in den weltlichen Wissenschaften und ließ sie ihn täglich abschnittweise auswendig lernen. Später war Origenes Schüler des Klemens von Alexandrien und des Ammonius Sakkas. Unter Septimius Severus wurde Leonides 201/02 eingekerkert und Origenes nur dadurch, daß die Mutter ihm die Kleider versteckte, daran gehindert, gemeinsam mit dem Vater Blutzeuge zu werden. Nach des Vaters Enthauptung und der Einziehung des Vermögens sorgte Origenes durch Unterricht geben für Mutter und Geschwister. An Stelle des entflohenen Klemens berief Bischof Demetrius den 18jährigen Origenes an die Spitze der Katechetenschule von Alexandria, die er durch sein Wissen und Lehrgeschick zu hoher Blüte brachte. Zur Unterweisung der Anfänger zog er den Heraklas heran. Um unabhängig zu sein, verkaufte Origenes seine grammatischen Bücher gegen eine mehrjährige Rente von täglich 4 Obolen, studierte aber später die heidnischen Philosophen und die Häretiker wieder eingehend, um sie verwerten und widerlegen zu können. Er führte mit Fasten und Nachtwachen, mit Gebet und Studium, mit Unterricht und Betrachtung ein äußerst strenges Leben (wegen Mt. 19, 12 entmannte er sogar aus Übereifer sich selbst), bis ihn eine Krankheit zur Milderung zwang. Sein Einfluss war groß; viele seiner Schüler starben als Blutzeugen. Zwischen 211 und 215 reiste er nach Rom. Um 215 rief ihn ein römischer Befehlshaber nach Arabien, um 218 die Kaiserinmutter Mammäa nach Antiochien. Während der Verfolgung unter Caracalla 215/16 ging er nach Cäsarea (Palästina), wo er, als Laie, vor den Bischöfen Theoktist von Cäsarea und Alexander von Jerusalem auf deren Einladung hin predigte. Deswegen rieg ihn Demetrius zurück, und Origenes nahm die Lehrtätigkeit wieder auf. Auf einer Reise nach Athen (um 230) weihten ihn Theoktist und Alexander zum Priester. Demetrius betrachtete das als Eingriff in seine rechte und ließ Origenes auf einer Synode zu Alexandrien 231 seiner Stellung als Leiter der Schule und seiner Zugehörigkeit zur alexandrinischen Gemeinde, auf einer zweiten 231/32 auch seines Priestertums für verlustig erklären; Heraklas, des Origenes Helfer im Lehramt, wurde bald Nachfolger des Demetrius und bestätigte das Urteil. Origenes verlegte seine Tätigkeit als Schriftsteller und Lehrer, die ins Erstaunliche wuchs, nach Cäsarea, wo er auch, oft täglich, fortlaufend die Schrift in Predigten auslegte. Seine Arbeit wurde dadurch wesentlich erleichtert, daß ihm der Diakon Ambrosius Schnell- und Schönschreiber zur Verfügung stellte, freilich auch bestimmte Arbeiten von ihm verlangte. Origenes reiste um 240 wiederum nach Athen, 244 zu Beryll nach Borsa, disputierte mit Juden und Heiden. Unter Kaiser Decius wurde er eingekerkert und gefoltert. Der Richter bewahrte ihn vor dem gewaltsamen Tode. Wenige Jahre später starb er, 69jährig, vielleicht in Tyrus, wo man sein Grab zeigte.

Seine Schriften

II. Infolge der Origenistischen Streitigkeiten sind die meisten Schriften des Origenes in der Ursprache verloren gegangen. Der größere Teil des Erhaltenen liegt in Übersetzungen des Hieronymus, Rufinus, Hilarius von Poitiers u.a. vor, die aber besonders in den dogmatischen Teilen überarbeitet und verstümmelt sind. Die erhaltenen Schriften geben schon ein hinreichend klares Bild seiner Anschauungen und mittelbar auch seiner Persönlichkeit.Ein vollständiges Verzeichnis dessen, was wir besitzen oder wenigstens kennen, gibt Preuschen in Harnack AL. Origenes hat nach Epiphanius (Haer. 64, 63) 6000 Bücher hinterlassen, in einer Handschrift (Par. 12125 lat. s. IX) auf 6666 erhöht. Das Verzeichnis bei Hieronymus (Ep. 33) ist unvollständig (kaum 800 Titel), enthält aber das Wesentliche und geht vielleicht auf Eusebius zurück (HE VI 33). Alle Schriften sind aus einem Geist heraus geschrieben, so daß ihre sachliche Anordnung am übersichtlichsten ist. 1) Biblische: … 2) Apologetische: … 3) Dogmatische: … 4) Aszetische: … 5) Von seinen Briefen ist nur einer an Julius Africanus und einer an Gregor den Wundertäter erhalten.

Seine Persönlichkeit

III. Origenes meidet es offensichtlich, von sich zu sprechen, so daß man sich aus Art und Aufbau seiner Schriften das Bild seiner Persönlichkeit zeichnen muss. Origenes ist einMensch von Erziehung und Bildung, hat ein ausgebildetes Bewusstsein um Wertstufen und strebt immer zum Höheren. Er ist weitherzig, edel, zurückhaltend, ehrlich, bescheiden und von klugem Mißtrauen, ferner friedliebend und doch kampfbereit, selbstbewußt und von Ehrgefühl, ausdauernd und rückhaltlos. Tat und Geist zusammen geben für Origenes erst den vollkommenen Menschen. Er hat eine geläuterte Auffassung vom Leiden, sieht klar den Wert und das Ziel der Erziehung, war ein vorbildlicher Lehrer mit gereifter Menschenkenntnis. –

Als Denker will Origenes geistig sein; ist ja doch Erkenntnis ein Wesenstrieb unseres Geistes, der sich oft als Staunen äußert, aber stets auf Beweise ausgeht, weil er unter dem Zwang der Wahrheit steht. Zur Wahrheitserkenntnis gehören guter Wille, reiner Blick, Ehrfurcht, Mut und Beherrschung, Geradheit und Ernst. Origenes weiß, das Wissen Stückwerk und hilflos ist, und beharrt nicht auf seiner Ansicht, obwohl es ihm nicht an Sicherheit fehlt. Er nennt Vorgänger, forscht nach Quellen, stellt Wörter und Äußerungen zum Vergleich zusammen und achtet sogar auf Schreibfehler. Als Denkertyp steht er nahe bei Platon, ist aber in der Einzelausführung weitgehend von aristotelischem und stoischem Gedankengut beeinflußt. –

Als Theologe. Obwohl Origenes am Sprachschatz und an vielen Einzelheiten erkennen läßt, daß er durch griechische Bildung gegangen ist, will er doch durchaus Christ sein, gläubiger Denker und Erzieher. „Gottes würdig“, ist sein Wahlspruch. Sehnsucht nach Gott und nach Christus treibt sein Arbeiten, das mit Gebet beginnt und erhält. Arbeit ist ihm Lebensinhalt und gänzlich von Christus gegeben. Die Erkenntnis ist Teilhabe an der Weisheit Christi, also Weg zur Vergöttlichung; dies reicht bis in die mystische Einung mit Christus hinein, die er als Brauschaft der Seele auffaßt; vielleicht war ihm die Ekstase nicht fremd. Letztes Ziel ist die Schau Gottes; daraus ergibt sich die Überlegenheit der Gnosis über den Glauben. Weil Origenes in der ganzen Wirklichkeit ein geordnetes Stufenreich sieht, einen wohl geordneten Weg zu Gott hin kennt, trennt er zwischen den Einfachen und den Geistigen („Gnostikern“), ohne damit ein abwertendes Urteil geben zu wollen, fordert im Gegenteil zur Rücksicht auf jene auf. Heiligkeit bedeutet völlige Hingabe an Gott und Schutz für den Nächsten; sie fordert Einheit von Lehre und Leben, bedarf der täglichen Gewissens-Erforschung und darf nie zu Berechnung entarten; sie soll eine Frucht des Kreuzes Christi sein, ohne das es keine Erlösung gibt. Versuchungen fordern Mut, sind aber von Wert. Der Priester trägt Würde, die er innerlich rechtfertigen muss, und Verantwortung. Seine Pflicht ist Schriftlesung und Lehre; er muss nach Vollkommenheit und Überlegenheit über weltliche Beamte streben. Scharf werden Missstände getadelt. Theologie ist für Origenes doctrina sacrae scripturae. Das Alte Testament erkennt er an, einschließlich der deutero-kanonischen Bücher; es wird aber erst vom Neuen Testament her richtig erkannt. Die Hl. Schrift muss man Tag und Nacht erforschen; das herz und Gedächtnis sollen geradezu eine Bücherei der heiligen Schriften sein. Denn der Hl. Geist, genauer der Geist Christi, hat das Alte und Neue Testament diktiert. Ihr Ziel istErbauung und Seelenheil; wo das nicht zu finden ist, greift Origenes zur Allegorie. Er findet sie bei den Griechen, Moses, den Propheten, Jesus. Sie wahrt Gottes Würde, paßt sich den geistig Schwachen und Hartherzigen an, berücksichtigt innere Schwierigkeiten, hebt Widersprüche auf. Die Auslegung ist dreifach: historisch, mystisch und moralisch oder fleischlich, geistig und mystisch, oder leiblich (fleischlich), seelisch und geistig. Der geschichtliche Sinn ist die Grundlage, fehlt aber manchmal. In den weitaus meisten Fällen aber trennt Origenes zwischen dem buchstäblichen und geistigen Sinn. Gottes Wort hat ja eine rechte und linke Hand. Die Auslegung darf nicht willkürlich sein, ist nicht leicht, findet Grenzen, muss mit Ehrfurcht und Sorgfalt geschehen und zielt auf völlige Klarstellung. Grundlage der Theologie, deren Gesamtbereich er durchmißt, ist für Origenes Wort und Geist der Bibel; er will seines Glaubens sicher werden und bedarf dazu der Vernunft, die manchmal neben der Schrift genannt wird; die Erkenntnis-Grenzen werden nicht alle behoben. In jedem Fall ist die Kirche maßgebend, und zwar wegen ihrer Verbindung mit Christus.

IV. Würdigung. Origenes hat eine hohe metaphysische Begabung und systematische Kraft. Nicht auf theologische Einzelfächer kommt es ihm an, sondern auf die Theologie als Ganzes, immer in dem verantwortungsvollen Bewusstsein, Seelsorger zu sein. Solange nicht alle seine Schriften heran gezogen werden und festgestellt wird, inwieweit sie überarbeitet sind, muss das Urteil über seine theologische Leistung offen bleiben. Irrtümer sind ihm unterlaufen (Ewigkeit der Schöpfung, Präexistenz der Seelen, Apokatastasis), können ihm aber nicht die großen Leistungen in der Gotteslehre und Christologie nehmen, trotz des Subordinatianismus; … Origenes will bewußt ein christlicher Denker sein, seiner Verpflichtung gegenüber der Kirche stets eingedenk. Maßgebend ist sein Einfluss auf Mönchtum und Frömmigkeit. Er hat zum ersten Mal die Möglichkeit einer Theologie, d. h. einer denkmäßigen Behandlung der Glaubenslehre gezeigt und ist insofern Wegbereiter der Scholastik. Allerdings hat ihn die Fülle der Erkenntnisse, Verpflichtungen und Hilfsmittel an einer straffen Zusammenfassung und auswählenden Vollendung seiner Werke gehindert; gleichwohl ist seine Sprache trotz mancher flüchtigen Unausgeglichenheit und Überladenheit von einer gepflegten und wohltuenden Klarheit. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 637 – Sp. 639

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