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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Hermes

Porträtzeichnung des katholischen Theologen Georg Hermes

Hermes, Georg, Philosoph und Theologe, *22.4.1775 zu Dreierwalde (Westfalen), †26.5.1831 zu Bonn.

I. Leben. Hermes studierte in Münster 1792-97, wo ihn der von Kant abhängige Exjesuit Fr. Überwasser und die Werke Stattlers beeinflussten. Da er seine durch Kant und Fichte geweckten Glaubenszweifel von der herkömmlichen Theologie nicht gelöst sah, beschloss er, selbständig nach besserer Begründung der christlichen Wahrheit zu forschen. 1798 Gymnasiallehrer in Münster, 1799 Priester. 1805 erschien seine Erstlingsschrift: „Untersuchung über die innere Wahrheit des Christentums“ (Harmonie zwischen Vernunft und Offenbarung), die ihm 1807 die Dogmatikprofessur in Münster verschaffte.

Durch seine rationale Methode entfremdete er sich die kirchlichen Kreise um Gallitzin, besonders die beiden Droste zu Vischering. 1819 gab er von seinem Hauptwerk „Einleitung in die christkatholische Theologie“ als 1. Teil die „Philosophische Einleitung“ (1831/34) heraus, die Gewissheit bringen sollte über die 3 Grundfragen jeder religiösen und christlichen Überzeugung: ob es eine Wahrheit gibt, ob Gott existiert und wie er beschaffen ist, ob und unter welchen Bedingungen eine übernatürliche Offenbarung möglich ist. Daraufhin wurde er theologischer Ehrendoktor von Breslau und 3.12.1819 Dogmatikprofessor in Bonn, hier 1821 auch philosophischer Ehrendoktor.

Seine Vorlesungen, deren Besuch den Theologie Studierenden aus den Diözesen Paderborn und Münster kirchlicherseits untersagt wurde, übten große Anziehungskraft aus; die Beziehungen zu seinen Kollegen Seber, Gratz, später Klee und besonders Windischmann waren gespannt. Beim neuen Erzbischof Graf Spiegel, der ihn 1825 zum Domherrn ernannte, stand er in hohem Ansehen. 1829 begann Hermes die Herausgabe des 2. (unvollendeten) Teils seines Hauptwerkes , der „Positiven Einleitung“ (1831); er wollte darin den Beweis des Christentums als übernatürliche Offenbarung und des Katholizismus als des wahren Christentums führen. An der Vollendung einer Dogmengeschichte hinderte den immer kränklichen Mann sein erbaulicher Tod. Seine dogmatischen Vorlesungen gaben Achterfeldt und J.W.J. Braun als „Christkatholische Dogmatik“ in 3 (unvollendeten) Bänden 1834/36 heraus.

II. Seine Lehre offenbart sich als Kind des Kritizismus durch ihr Ausgehen vom kritischen Zweifel bis zum äußersten und durch die Einschränkung der sicheren Verstandes-Erkenntnis auf die dem Bewusstsein inne wohnenden Vorstellungen und Gedanken, denen nur das Vernunft-Denken einen objektiven Wirklichkeitsgrund hinzudenken kann, ohne das Wesen der Dinge zu erfassen; daher kann die theoretische Vernunft die Wahrheiten höchstens subjektiv für wahr annehmen, wobei sie wegen der physischen Nötigung und des unaufhebbaren Bedürfnisses der Vernunft gegen Zweifelsmöglichkeit sicher gestellt sind.

So ist ihm auch das Dasein Gottes gewiss. Um zur Offenbarung vorzustoßen, nimmt Hermes das aufklärerische Ideal der Menschenwürde zu Hilfe. Höchste Pflicht eines jeden Menschen ist es, diese Menschenwürde in sich und andern möglichst rein darzustellen, eine Aufgabe, die uns zwingen kann, auch unsichere Erkenntnisse, vor allem die offenbarungs-geschichtlichen, anzunehmen, wenn sie notwendige Dienste leisten. Einen solchen Dienst leistet die positive Gottesoffenbarung; denn ohne sie könnte die Mehrzahl der Menschen das Ideal der Menschenwürde nicht verwirklichen; ihretwegen muss auch der Gelehrte sie annehmen.

Dann behandelt Hermes gleich gründlich die Zweifel hinsichtlich der geschichtlichen Grundlagen des Christentums. Außerhalb dieser philosophisch-kritischen Vorhalle wollte er nur eine historisch-kritische Theologie und verwarf mit betonter Schärfe jede spekulative Durchdringung im Sinne der Scholastik. –

Das Lehrgebäude des Hermes ist ein gewaltiger, von religiösen Kräften getriebener Versuch, in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Prinzipien seiner Zeit und aus der modernen Geisteshaltung das Glaubenssystem zu erbauen. Liegt jedoch in seinem Ausgangspunkt eine Verkennung theologischer Methoden, so mangelt seiner Auffassung vom Glauben als Produkt der Vernunft, von der heiligmachenden Gnade als einer moralisch-juridischen Beziehung zu Gott das Verständnis der wahren Übernatur; deshalb sah Hermes auch an der Erscheinung der Kirche und an den traditionellen Lehren vorbei und ging in seiner Dogmatik in vielen Einzellehren, namentlich in der Gnadenlehre, in die Irre.

III. Der Kampf um seine Lehre. Die Übereinstimmung mit der Wissenschaft, sein ungewöhnliches Lehrgeschick, seine priesterliche Persönlichkeit gewannen Hermes viele begeisterte Anhänger aus dem rheinischen Klerus. Seine Schüler bestiegen zahlreiche Lehrstühle, so besonders in den Seminarien zu Köln und Trier, in den Fakultäten v. Breslau, Münster und Braunsberg. Es bearbeiteten in seinem Geiste Esser, Elvenich u. Biunde Philosophie; God. Braun u. Vogelsang Moraltheologie; Droste-Hülshoff das Recht; Achterfeld u. Siemers Lehrbücher für den Religions-Unterricht. J. W. J. Braun gründete mit Achterfeldt die hermesianische „Zeitschrift für Philosophie und kath. Theologie“ (1832/52). Zu seiner Lehre bekannten sich u. a. noch Jos. Ign. Ritter, Joh. B. Baltzer, Joh. Jos. Müller, Hilgers, Lentzen, Rosenbaum, Lutterbeck, Volkmuth.

Der Hermesianismus wirkte sich auch in der praktischen Seelsorge aus. Schon zu Lebzeiten des Hermes hatte sich Widerspruch erhoben. Jedoch entbrannte der eigentliche Kampf erst nach seinem Tode, ausgefochten besonders zwischen A. v. Siegel, Harst, dem Katholik und der Aschaffenburger Kirchenzeitung auf der einen Seite und den Hermesianern, vorzüglich in ihrer Zeitschrift, welche den Gegnern nicht ganz zu Unrecht den verurteilten Fideismus und Traditionalismus vorwarfen. 1833 griff Rom ein; auf die Gutachten von Binterim, Windischmann, Jarcke, Kohlmann, Reisach, Perrone u.a. erfolgte am 26.9.1835 durch das Breve „Dum acerbissimas“ Gregors XVI. die Verurteilung und Indizierung.

Leider stand die theologische Wissenschaft beider Lager in Deutschland nicht auf der Höhe, und das Eingreifen Perrones scheiterte an der Unkenntnis der deutschen Sprache, so dass der Streit unfruchtbar weiterging. Als eine Romreise von Elvenich und Braun 1837/38 ergebnislos verlief, wandten sich viele zur Rückkehr. Dem energischen Vorgehen der Kölner Erzbischöfe Droste von Vischering und Geissel ist die Überwindung des Hermesianismus zu danken. Braun und Achterfeldt gaben nie ihre Anhänglichkeit ganz auf und wurden ihrer Lehrämter enthoben; Baltzer wurde Güntherianer und Altkatholik. Die eigentliche wissenschaftliche Überwindung brachten erst die Werke von J. Kleutgen. Das Vatikanische Konzil enthält die letzten Entscheidungen gegen den Hermesianismus. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IV, 1932, Sp. 991 – Sp. 993

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