Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Deismus

Deismus, das System einer natürlichen Religion, die als kritischen Maßstab für alle positive Religion gewertet wird, daher grundsätzlich eine Offenbarung im strengen Sinn des Christentums ablehnt.

I. Geschichte. Wurzel des Deismus ist das neue Lebensgefühl des abendländischen Menschen zu Beginn der Neuzeit, das Gefühl innerer Verwandtschaft mit dem in der Gesamtnatur waltenden Leben und damit die anthropozentrische Wandlung der Religion gegenüber der theozentrischen des Mittelalters. Ihr theoretisches Gerüst bezog sie aus der Stoa. Wie das positive Recht eine historisch bedingte Vereinzelung des Naturrechts ist, so die positive Religion eine Vereinzelung der allgemeinen Naturreligion. Für das, was den Unterschied von der allgemeinen Religion herbeiführt, findet die erwachende Bibelkritik mannigfachste Ursachen. Der Gottesbegriff schillert von der absoluten Transzendenz eines untätigen Gottes bis zur Immanenz des Pantheismus. –

Der Deismus entstand in Frankreich, wurde sofort von Herbert v. Cherbury nach England übertragen, gewinnt hier seine breiteste Entfaltung, aber auch die stärksten Gegner. Etwa 100 Jahre später nach Frankreich zurückgekehrt, entwickelt er da die radikalsten Konsequenzen. Etwas später findet er in Deutschland Eingang und gründlichste Ausbildung. Seine Nachwirkungen dauern in der Bibelkritik bis heute fort.

1) Der englische Deismus. Aus den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts entstand die Sehnsucht nach einem Standort über den Streit der Konfessionen, nach einer natürlichen Religion. Schöpfer dieses Begriffs scheint Jean Bodin zu sein, der im Collegium heptaplomeres (1597) den geschichtlichen Religionen nur relative Wahrheit lässt und sie für Töchter der einen natürlichen Religion erklärt, deren Inhalt (Einheit Gottes, moralisches Bewusstsein, Freiheit, Unsterblichkeit, Vergeltung im Jenseits) zum Heil genüge. Die natürliche Religion ist angeboren.

Herbert v. Cherbury bringt den Begriff der natürlichen Religion nach England. Er entwickelt in De veritate (1624) eine natürliche moralische Religion, die er zu einer folgenreichen Philosophie der Religionsgeschichte ausgestaltet. Die Blüte des Deismus setzt in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts ein. Das Independententum, die Revolution der Whigs, die das „freethinking“ zum Palladium der englischen Freiheit machte, die mechanistische Naturerklärung (Newton), die arminianische und sizinianische Auffassung im benachbarten Holland, die Bibelkritik Spinoza und Pierre Balles, die ethnographischen Berichte über fremde Religionen, das alles begann sich in die überlieferte Theologie einzugliedern. –

Den Auftakt zur neuen Bewegung geben Hobbes (Leviathan, 1651) und Blount. Der eigentliche Vater des Deismus ist John Locke, obwohl er den Namen eines Deisten ablehnte. Er zieht die Grundlinien der natürlichen Religion als Fundament und Wesenskern des Christentums, dessen Vernunftgemäßheit er aus dem Begriff einer lex natura oder lex rationier ableitet. Der Irländer Toland zog die Folgerung in Christianity not Mysterious (1696): die Offenbarung sei nur eine Form, die einzig berechtigten Vernunft-Wahrheiten mitzuteilen. Anthony Collins erklärt die Weissagungen der Bibel für Allegorien, und Woolsten (1731) überträgt diese Allegorese auch auf die Wunder.

Die Verteidigung gegen den Deismus führte die Schule Locker, Clarke und Leslies, besonders Sherlock (Trial of Witnesses, 1729). Der Deismus schien zum Schweigen gebracht. Da schrieb 1730 Matthew Tindal das „Christianity as Old as the Creation“. Er erweiterte den rationalen Supranaturalismus zu einer umfassenden Philosophie und Kritik der Religionsgeschichte. Wenn das Christentum als Wahrheit und Offenbarung anerkannt werden will, darf es nicht bloß mit der Vernunft übereinstimmen, sondern muss sich auch decken mit der Substanz aller Religionen und muss so alt sein als die Schöpfung.

Das Buch wurde die Hauptquelle für die radikale Bestreitung des Christentums durch Voltaire und den Wolfenbüttler Fragmentisten Reimarus. Mit ihm hatte der englische Deismus den Höhepunkt erreicht… –

Mitte des 19. Jahrhunderts erlosch der deistischen Streit. Humes Kritik nahm dem Deismus schließlich die Grundlage, indem er den natürlichen Gottesbegriff skeptisch zersetzte und die Religion aus animistischen Personifikationen unter dem Druck von Furcht und Hoffnung erklärte.

2) Der französische Deismus. Wegbereiter ist u.a. Pierre Bayle, der 1695-97 den cartesianischen Zweifel gegen die Dogmatik anwandte, die Erkenntnis überhaupt und besonders die Gotteserkenntnis zersetzte, an der Offenbarung stärkste Kritik übte, das individuelle Gewissen als unfehlbar erklärte und Toleranz forderte. Zur Zeit der Regentschaft (1714-23) kehrte der Deismus aus England nach Frankreich zurück, aber nicht gebändigt wie dort, sondern radikal, revolutionär, zersetzend und ohne ebenbürtige Gegner zu finden.

Schöpfer des französischen Deismus ist Voltaire, der das Christentum radikal bestritt und eine sensualistische Metaphysik entwickelte, für die der stoische Naturbegriff grundlegend ist: Natur als mechanische Gesetzlichkeit (Newton) aufgefasst und rationalistisch verabsolutiert (Descartes). Natürliche Religion ist für Voltaire eine ewig gleich bleibende Normalwahrheit von Moralsätzen, die aus dem Vernunftinstinkt durch rationales Denken abzuleiten ist. Er hat den Gedanken einer natürlichen Religion aus allen theologische Bindungen (im Gegensatz zu den Engländern) gelöst und ihn als reine Moralität gefasst. Sein Deismus mit dem Deus otiosus ist das Urbild des philosophischen Deismus geworden.

Neben Voltaire stehen die Enzyklopädischen Diderot (Atheismus), Halbach (radikaler Atheismus), Lamettrie (materialismus). Der Deismus von J. J. Rousseau ist hauptsächlich in der „Profession de toi du vicaire savoyard“ (1762) dargelegt. Wahre Religion ist ihm Liebe zum Schönen und Guten. Die Staatsreligion darf nur das Bekenntnis zum Dasein Gottes, die Hoffnung auf ein ewiges Leben und den Glauben an die Vergeltung enthalten, die natürliche Religion die Dogmen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. –

Die letzte Entwicklung des französischen Deismus knüpft an die Enzyklopädischen an. Hierher gehören die sog. Ideologen (Condorcet, Dupuis, Cabanais, Maine de Brian), ferner der Positivismus Comtes und im zweiten Kaiserreich der rationalistische Spiritualismus (Cousin, Jouffroy, Jules Simon, Saisset, Carl). Die Grundidee blieb: alles Übernatürliche ist a priori abzulehnen; es gibt nur eine natürliche philosophische Religion.

3) Der deutsche Deismus. J.L. Schmidt verdeutschte 1741 die Schrift Tindals. 1752 schrieb J.W. Hecker „Die Religion der Vernunft“. 1754 erschien die Hauptschrift von Reimarus „Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion“. Sigm. Jakob Baumgarten brachte reiche Nachrichten über die Deisten in den 8 Bänden „Nachrichten von einer Hallischen Bibliothek“ (1748/51) und in den „Nachrichten von merkwürdigen Büchern“ (1752/58). Von Thorschmidt stammt eine „Kritische Geschichte von A. Collins“ (1754) und der „Versuch einer vollständigen angelländischen Freidenker-Bibliothek“ (4 Teile, 1765/67).  Den Streit zwischen der fortschrittlichen Theologie und der Orthodoxie entfachten die „Fragmente des Wolfenbüttelschen Ungenannten“ (=Reimarus), 1774/77 von Lessing herausgegeben. –

Auf dem Boden des Leibnizschen und Wolffschen rationalen Suptranaturalismus erwuchs der philosophische Deismus deutscher Prägung: die Welt ist notwendige Auswirkung Gottes und vollkommen, von unveränderlicher Gesetzmäßigkeit; natürliche Religion ist Erkenntnis Gottes, Ausbildung und Aufklärung des dunkel angeborenen Gottesbegriffs, Glaube an Vorsehung und an Unsterblichkeit.

Lessing selbst gab den rationalistischen Grundgedanken der Bibelkritik entschiedenen Ausdruck: zufällige Geschichtswahrheiten können nicht der Erweis für notwendige Wahrheiten werden. Er vertritt eine humanitäre Fortschritts-Religion. Bei Herder nähert sich die natürliche Religion dem Pantheismus (Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784ff). Zuletzt baute noch einmal Kant eine Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft auf (1893) als letzte Auswirkung des Deismus in einem lehrhaften System.

II. Kritik.
Die Erlebnisgrundlage des Deismus, die Naturmystik und die anthropozentrische Religion ist der äußerste Gegenpol zum Christentum; daher die grundsätzliche und bewusste Gegensätzlichkeit gegen alles Übernatürliche und gegen die geschichtliche Offenbarung, welche sich bald weniger bald mehr zur übel wollendsten Feindschaft gegen das Christentum steigert und dessen Grundlagen ablehnt. Die Fehler des Deismus sind:

1) Das empirische Wesen der Religion ist weder Moralität noch rationales Erkennen, sondern Ehrfurcht und Hingabe an Gott den Heiligen auf Grund einer Intuition, welche nach rationaler Durchdringung drängt;
2) das theoretische Gerüst, der metaphysische Naturalismus ist ungenügend: die Welt ist nicht notwendige Auswirkung Gottes, der Mensch nicht Vereinzelung des Unendlichen – dies wäre eine contradiction in adjecto, sondern der; Mensch sieht sicherem absolut Transzendenten gegenüber, dessen freie Wirkung er ist;
3) erkenntnis-theoretisch ist Wahrheit weder sensualistische Verknüpfung von Vorstellungen noch rationalistische Vergleichend von Begriffen unter sich, sondern die Beziehung eines Denkenden zu Sachverhalten. Der Begriff einer allgemein gültigen Normalwahrheit gegenüber den zufälligen Geschichtswahrheiten zerstört die Geschichte als ein eich freier Handlungen. –

Die Constitution dogmatisch des Vaticanums „Dei Filius“ nebst den anhängenden Cannes de revelations und de finde verwerfen den Deismus. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. III, 1931, Sp. 182 – Sp. 184

Siehe auch den Beitrag auf katholischglauben.online:

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