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Unmäßigkeit

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Unmäßigkeit

Unmäßigkeit, zunächst allgemein und als Habitus ungeordnete Sucht nach Ernährungs- und Genußmitteln, speziell und als Akt ungeordnete Zufuhr von Speise oder Trank; ist Gegensatz zur Mäßigung, im besonderen gegen die Nüchternheit und Enthaltsamkeit. Man unterscheidet (Röm. 13,13) Trunksucht (Alkoholismus), Eßgier und genießerische Gelüste. Die Wurzel der Unmäßigkeit ist Unausgeglichenheit zwischen Vernunft bzw. höheren Willensstrebungen und den niederen Triebwallungen, Unordnung zwischen Geist und Fleisch, Mangel an Mäßigung und Klugheit. Thomas von Aquin betont das Entehrende dieses Lasters (S. Th. II/II, q. 142, a.4). Es erniedrigt in gewissem Sinn unter das Tier, bei dem wenigstens der Instinkt die Ernährung reguliert (vgl. Ps. 48,21). Die Herrschaft der Triebe über Geist, Wille und Gewissen zerstört die Ordnung zwischen Leib und Seele; die Lustbefriedigung, welche die Ernährung herbeiführen und regeln sollte, wird zum Selbst-, ja Endzweck des menschlichen Lebens. „Der Unmäßigen Gott ist der Bauch“ (Phil. 3,19; vgl. Röm. 16,18). Brandmal der vom natürlichen Sittengesetz abgefallenen Heiden, steht die Unmäßigkeit dem wahren Christen, der aus dem Sinnenleben erwacht ist, entgegen (Röm. 13,12f.; Eph. 5,18; 1. Petr. 5,8; Lk. 21,34; Adventruf!) Thomas (II/II, q. 148, a.2) erklärt Unmäßigkeit als Todsünde, wenn die Eßlust derart zum Selbstzweck und Hauptmotiv erhoben wird, daß die Gesetze der Vernunft, die göttlichen und kirchlichen Gebote übertreten oder schwere Schädigungen hervorgerufen werden. Von dieser Kapital- und Wurzelsünde gilt: „Wer im Fleisch sät, wird im Fleisch ernten“ (Gal. 6,8). Folgen sind: Verschwendung, Verarmung, Habsucht, Unkeuschheit, Abstumpfung der Geisteskräfte, Abneigung gegen das Höhere, gegen Religion, Arbeit und Opfer, Gesundheits-Schädigungen usw. Vorbeugung und Erziehung schon beim Kind ist volkserzieherische und seelsorgerliche Aufgabe. Hauswirtschaft und Küche sind auf naturgemäße Ernährung einzustellen. Das kirchliche Fasten ist wertvoll im Kampf gegen Unmäßigkeit; auch Arbeit und Sport fördern die Willens-Beherrschung. In derLiteratur und Dichtung (griech. Mythologie, z.B. Kyklopen Homers, Prasser auf Ithaka, Satyrn; Jesu Gleichnis vom Prasser; Dante, der die Schlemmer im Fegefeuer verschmachten läßt; Märchen vom Schlaraffenland; Ch. Dickens Pick-wickier) wird Unmäßigkeit in ihrer Sinnlosigkeit, Häßlichkeit und Schädlichkeit für die persönliche Sittlichkeit und für ganze Volker oft dargestellt. Die bildende Kunst des Mittelalters sinnbildet die Unmäßigkeit durch einen Mann auf einem Wolf oder mit den Händen auf dem Bauch oder mit Gefäß in der einen und Brathuhn in der anderen Hand, auch als Frau, die bei vollbesetztem Tisch erbricht. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. X, 1938, S. 413-414

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