A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Tyrrell

Foto von George Tyrrell (1861-1909)Tyrrell, George, einer der hervorragendsten Theoretiker des Modernismus, * 6.2.1861 zu Dublin, † 15.7.1909 zu Storrington.

I. Leben und Werke. Von Geburt Anglikaner, konvertierte Tyrrell 1879, wurde 1891 Jesuit, 1891 Priester und 1894 Professor der Moraltheologie im Scholastikat zu Stonyhurst, musste aber wegen Übereifers in seinen thomistischen Meinungen bereits 1896 die Professur niederlegen. Während des Aufenthalts in London 1896 bis 1906 veröffentlichte er zuerst 2 Sammlungen Betrachtungen: Nova et vetera (London 1897) und Hard Sayings (ebd. 1898), sowie Konferenzreden: On external Religion (ebd. 1898). Durch Friedrich von Hügel wurde er seit 1898 mit den Arbeiten von H. Bergson, Maurice Blondel, L. Laberthonnière und Alfred Loisy bekannt. Sie haben jedenfalls beigetragen zu der mystizistischen und anti-intellektualistischen Auffassung Tyrell`s über die katholische Religion.

Er verließ seit 1899 den Boden der Rechtgläubigkeit, was seine Oberen erst bemerkten, als er Januar 1906 der Autorschaft des Artikels „A Letter to a Friend“ im Mailänder Corriere della Sera (mit Einleitung und Anmerkung hrsg. v. T.: A much abused Letter, London 1906) überführt wurde. Da er die Irrtümer nicht widerrief, wurde er 1.2.1906 aus der Gesellschaft Jesu entlassen; er fand keine Aufnahme in den Diözesanklerus, worunter Tyrrell seelisch schwer gelitten hat.

Inzwischen waren seine Schriften The Faith of th Millions (London 1901), Lex orandi (ebd. 1904), Lex credendi (ebd. 1906) erschienen; es folgten Through Scylla and Charybdis (ebd. 1907; deutsch v. E: Wolff, 1909), Medievalism (London 1908); Christianity at the Cross-roads (ebd. 1909). Als die Enzyklika Pascendi herauskam, protestierte Tyrrell gegen sie in der Times und in der Grande Revue. Darauf wurde er Oktober 1907 exkommuniziert.

II. Die Hauptpunkte seiner Lehre sind:

1) Religion und Offenbarung sind nach Ursprung und Inhalt göttlich, die Theologie (darunter versteht Tyrrell auch die durch das unfehlbare Lehramt der Kirche authentisch definierten Glaubenssätze) dagegen ist etwas ganz und gar Menschliches, deshalb Unvollkommenes, Unsicheres und ständig Wechselndes.

2) Die Offenbarung ist die Erfahrung des Göttlichen, mit dem alle Menschen in Verbindung stehen und das alle unmittelbar auffassen, das aber lediglich die Propheten und Heiligen so deutlich erfassen, dass sie es in Bildern und Vorstellungen ausdrücken können, die seiner Unendlichkeit einigermaßen entsprechen.

3) Von allen religiösen Erfahrungen, die die Menschheit gemacht hat, ist die katholische Religion die vollständigste, fruchtbarste. Allein weil wir von den übersinnlichen Wirklichkeiten nur eine analoge Erkenntnis haben und weil religiöse Glaubens-Wahrheiten fester stehen als jede Redeweise, muss man im Credo, das die Ergebnisse der christlichen Erfahrung in einer Anzahl von Begriffen und Behauptungen zusammenfasst, eine doppelte Wahrheit oder was dasselbe ist, einen doppelten Wert unterscheiden: eine intellektuelle und eine religiöse Wahrheit bzw. Geltung; die erste ist relativ und wechselnd, die zweite absolut und unveränderlich.

4) Um zu wissen, welche von den Dogmen, die im Laufe der Zeit aus der christlichen Erfahrung entstanden sind, allgemein anzunehmen sind, ist nicht die kirchliche Hierarchie zu befragen, sondern die Kollektiv-Seele der Kirche oder des christlichen Erdkreises; ihr Urteil, das nicht über die metaphysische Bedeutung der Lehren oder über die Geschichtlichkeit der Tatsachen des Alten und NeuenTestamentes, sondern über die geistliche Wohltätigkeit beider abgegeben wird, ist das oberste Kriterium der Wahrheit in der Theologie.

5) Der traditionelle katholische Begriff von der Lehrautorität der Kirche, sei es des Papstes oder der Bischöfe, ist irrig, gegründet auf eine kindliche Exegese von Schriftstellen; das Christentum ist bestimmt, die Seelen durch die Liebe zu beleben und zu heiligen, keineswegs aber den Geistern unter der Strafe ewiger Verdammnis das Bekenntnis unverständlicher Glaubenssätze aufzuerlegen.

6) Der Papst hat nach göttlichem Recht nur einen Ehrenvorrang vor den Bischöfen.

7) Weder das Vatikanische noch das Trienter Konzil gehören zu den wirklichen ökumenischen.

aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. X, 1938, S. 348 – S. 349

Siehe auf katholischglauben.online:

Bildquellen

  • 173px-George_Tyrrell_(1861-1909): wikimedia | CC0 1.0 Universal
Tags: Häretiker
Buch mit Kruzifix
Pragmatismus
Buch mit Kruzifix
Gallikanismus

Weitere Lexikon-Einträge

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Arnulf, deutscher König Arnulf (=Adlerwolf), deutscher König und Kaiser, der vorletzte Karolinger, * um 845 als natürlicher Sohn Karlmann` s und der Edlen Liutswinda, † 8.12.899; vermählt mit Ota (Uta), die 893 Ludwig das…
Buch mit Kruzifix

Proterius

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Proterius Proterius, hl., rechtgläubiger Patriarch von Alexandria, früher Archipresbyter, wurde nach der Absetzung des Dioskur 451 von den „nobiles civitatis“ unter starkem Widerstand des Volkes zu dessen Nachfolger gewählt; hatte auch später stets eine…
Buch mit Kruzifix

Herodes

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Herodes Herodes und die herodeische Dynastie. Über die von Johannes Hyrkanus I. unterworfenen Idumäer hatte Alexander Jannäus in Antipas einen Einheimischen als Statthalter gesetzt. Das ist der Stammvater des herodeischen Hauses. Sein Sohn Antipater…
Buch mit Kruzifix

Segneri

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Segneri Segneri, Paul, SJ, einer der ausgezeichnetsten Kanzelredner und Missionare Italiens, wurde im März 1624 zu Nettuno (am tyrrhenischen Meer) aus einer angesehenen Familie geboren. Seine erste Ausbildung erhielt er im römischen Kolleg der…
Buch mit Kruzifix

Donatisten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Donatisten Donatisten, nordafrikanisches Schisma des 4./5. Jahrhunderts, hervorgewachsen aus Gegensätzen, die sich aus dem novatianischen Kirchenbegriff (Kirche der Reinen) und dem cyprianischen Sakramentsbegriff (Gültigkeit der Taufe abhängig von der Würdigkeit des Spenders) sowie aus…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Johannes von Wesel

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Johannes von Wesel Johannes von Wesel (de Vesalia oder auch bloß Wesalia), nicht zu verwechseln mit Johannes Wessel, gehört zu den mittelalterlichen Irrlehrern, welche man als Vorläufer der Reformatoren bezeichnet. Er wurde zu wesel (wahrscheinlich zu Oberwesel am Mittelrhein) im Anfang des 15. Jahrhunderts geboren; sein Familienname war Ruckrath…
Buch mit Kruzifix

Hugenotten

Calvinisten
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hugenotten Hugenotten. Das Wort Huguenots, seit etwa 1560 Name der französischen Calviner, ist vermutlich eine Französierung von eignots, der genfischen Bezeichnung für Eidgenossen; von Genf aus wurde nämlich die Protestantisierung Frankreichs hauptsächlich betrieben. – Unter Franz I. (1515-47) konnte sich die religiöse Neuerung in Frankreich nicht ausbreiten, da der…
Buch mit Kruzifix

Ursacius

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ursacius Ursacius, Bischof von Singidunum (Belgrad), mit seinem Freund Valens, dem Bischof von Mursa (esseg), Führer der abendländischen Arianer (Eusebianer), † nach 371; Schüler des Arius (Athanasius, Ep. ad. Episc. Aegypti 7), wohl während dessen Verbannung in Illyrien. Ursacius und Valens waren schon 335 auf der Synode von Tyrus…
Buch mit Kruzifix

Jurieu

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Jurieu Jurieu, Pierre, 3 Jahrzehnte lang der streitbarste und mächtigste Kontroversist des strengen Calvinismus gegen andere protestantische Richtungen und besonders gegen die katholische Kirche, * 24.12.1637 zu Mer (Dep. Loir-et-Cher), hier und in Vitry-le-Francois Pastor, 1674 Professor für Theologie und Hebräisch in Sedan, 1682 bis zum Tode 1713 Professor…
Buch mit Kruzifix

Monophysitismus

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Monophysitismus Monophysitismus, Irrlehre, die eine einzige Natur in Christus annimmt. Anlass war das Streben, die Einheit in Christus zu wahren gegenüber der Tendenz, das Menschliche in ihm hervor zu heben und damit eine teils nur gedankliche, teils auch sachliche Trennung des Göttlichen und Menschlichen herbei zu führen. Die „Einheitstendenz“…
Buch mit Kruzifix

Waldenser

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Waldenser Waldenser, auch Waldesier, mittelalterliche Sekte, benannt nach ihrem Stifter Waldes (Valdus, Valdesius) – der Vorname Petrus wird erst 1368 erwähnt – aus Lyon. Nach den sich ergänzenden Berichten im Chronicon universale anonymi Laudunensis (MGSkript XXVI 444ff) und bei Stephan von Bourbon (Tractatus de VII donis Spiritus Sancti c.…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner