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Sophienkirche

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Sophienkirche – Hagia Sophia

Sophienkirche in Konstantinopel, der durch Kaiser Justinian errichtete und der Christus geweihte, jetzt aber als Moschee dienende Prachtbau, ist die Nachfolgerin einer gleichnamigen, von Konstantin dem Großen auf dem Forum Konstantinopels erbauten Kirche, welche im Jahre 404 durch einen Brand zum Teil zerstört worden war. Nachdem dieselbe im Jahre 415 von Theodosius II. erneuert, im Jahre 532 aber durch Feuer wieder zu Grunde gegangen war, beschloss Justinian, sie ganz neu zu erbauen in einer Größe und Pracht, daß sie alle Kirchen der Welt überträfe. Eine Beschreibung dieses bedeutsamen Werkes kirchlicher Architektur verdanken wir besonders dem 1029 Verse umfassenden griechischen Gedicht des Paulus Silentiarius, Geheimsekretär des Kaisers Justinian (abgedruckt bei Migne, PP. gr. LXXXVI, 2, 2119 sqq.). Als Architekten berief der Kaiser Anthemius von Tralles und Isidor von Milet. Am 27. Dezember 537 wurde die Kirche eingeweiht; und als ihre Kuppel im Jahre 558 infolge eines Erdbebens einstürzte, ließ Justinian durch einen Neffen des genannten Isidor von Milet dieselbe also gleich auf verstärkten Bogen und Widerlagern und noch um 7 m erhöht wieder aufrichten.

Die Bedeutung dieses Bauwerkes ruht in der glücklichen Lösung der Aufgabe, den für den kirchlichen Gottesdienst vornehmlich geeigneten Basiliken- und Längsbau mit dem schon durch die Römer gepflegten, auch in christlicher Zeit im Okzident und noch mehr im Orient verwendeten pompösen Zentralbau möglichst einheitlich und praktisch zu verbinden.

Die Architektur der Sophienkirche

Die Mitte des Baues bildet ein Quadrat zwischen vier mächtigen Pfeilern, welche von gewaltigen Bogen verbunden sind. Die Nord- und Südseite dieses Vierecks schließt eine zweistöckige Kolonnade und darüber die von Fenstern durchbrochene Schildwand ab, gegen Ost und West aber setzt sich der Bau in der Längenrichtung fort und endet in zwei Halbkreisen, dem östlichen mit der hinaus tretenden Apsis, dem westlichen mit dem in der ganzen Breite der Kirche vorgelegten Narthex. Innerhalb dieser Hauptanlage zeigt der Grundriss noch mehrere Nebenräume für verschiedene Zwecke, zumal auf der Nord- und Südseite. Mit den Umfassungsmauern bildet er wieder fast ein Quadrat, 77 m in der Länge und 76,70 m in der Breite. Der Aufriss der Sophienkirche ist überaus großartig. Die Hauptkuppel über den vier Pfeilern des Innenquadrats hat 31 m im Durchmesser und erhebt sich über den umfangreichen Schildbogen als Halbkugel auf einem kräftigen Kranzgesimse, welches den Übergang des Quadrats zum Kreis vermittelt. Das Auszeichnende dieses Kuppelbaues liegt sowohl in der Originalität seiner Konstruktion, als auch darin, daß er wirklich das ganze Innere der Kirche beherrscht, an jedem Punkt, auch des Langhauses, vollständigen Einblick gewährt und in seinen 40 Fenstern einen wahren Lichtstrom der gesamten Kirche zuführt. Auch die Halbkuppeln der großen Halbkreise, welche sich an die Hauptkuppeln anschließen, haben ähnliche Konstruktion. –

Materialien, die beim Bau benutzt wurden

Als Materialien, welche beim Bau der Sophienkirche verwendet wurden, erwähnt Paulus Silentiarius Ziegel mit einer eigentümlichen Art Verbindung unter einander sowie aus de verschiedensten und entferntesten Ländern, herbei geführte Marmorarten für die Umkleidung, für die Säulen und für andere Bauteile. –

Schmuck und Zierde im Innern der Sophienkirche

Weiter rühmt er ausführlich die Zier und die Einrichtung des Ganzen, den herrlichen Springbrunnen im Atrium mit seiner Schale aus Jaspis, den Reichtum des Bodenbelags, der Wände, der Gewölbe und der Säulen. Den Boden bedeckte Mosaik von buntem Marmor, grün und rosenfarbig, silberweiß und purpurrot, violett und goldig oder bunt geadert; die Wände bekleideten Marmorplatten und Mosaik mit Blumenwerk, Vögeln in den Zweigen, Füllhörnern u. dgl.; auch die Säulen umrankte gleicher Schmuck; die Gewölbe überzog Mosaik-Goldgrund, leuchtend wie die Sonne, oder pures, kunstvoll bearbeitetes Silber. Überall an passenden Orten leuchteten die Bilder des Menschgewordenen oder der himmlischen Heerschar, der Propheten, der Apostel und der Gottesmutter Maria. Das Altar-Ziborium trugen vier silberne Säulen mit vier Bogen, und über ihm, ins Achteck übergehend, an den Übergangsecken mit Laubgewinden und künstlichen Lichtern aus Silber umgeben, erhob sich einem Kegel gleich das Dach von silbernen, reich verzierten Platten; an der spitze endigte es in einen Blumenkelch, welcher die Himmelskugel und das Kreuz hielt. Der Altar selbst ruhte auf goldener Basis und leuchtete von Edelgestein; goldene Säulen stützten seine Rückseite; kostbare Vela, in denen die Figuren Christi, Mariä, der Apostel Petrus und Paulus on Gold und Seide mit Kunst frei aufgestickt waren, ohne daß der Stoff durchbohrt wurde, umhüllten ihn. Für die Beleuchtung des Innern der Kirche war reichlich durch mannigfache Lichtgefäße gesorgt. An Ketten, von einem Gesims-Vorsprung zum andern gezogen, hingen Kronen, die über den Häuptern der Gläubigen überall wie Sterne des Himmels ihr Licht ergossen. Auf allen Wandbänken selbst standen zahllose Lampen, an anderen Orten des Baues Lichthalter in Formen von Schalen, Schiffen, Kreuzen, Kandelabern und Zypressen ähnlichen Bäumen.

Der Ambo

Der Beschreibung des durch den Einsturz der Kuppel leider wieder zerstörten Ambo widmet Paulus Silentiarius eine eigene Dichtung von 304 Hexametern. In Mitte des Tempels, doch mehr gegen Ost, erhob sich der Ambo auf breitem Marmor-Fundament, halbkreisförmig ausgebaucht. Stufen führten zu ihm empor von Ost und West, mit reich durchbrochenen Geländern umgeben und gedeckt mit einem auf kostbaren Säulen ruhenden Dach; über dem Ganzen aber stieg auf vier von der Kunst des Steinmetzen schön verzierten Säulen ein Turm empor, der konisch in mehrfach abgesetzten Kreisen schloss und mit Verästelungen und Blattgewinden überzogen erschien. Die Farbenpracht der seltensten hierzu verwendeten Marmorarten zu schildern findet der Dichter kein Ende; da er beide Dichtungen selbst in Gegenwart des Kaisers und des Patriarchen vortrug, darf man annehmen, daß seine Schilderungen der Wahrheit entsprechen.

Ein architektonisches Kunstwerk

Die Bewunderung für die Sophienkirche Justinians war so groß, daß sie fortan wenigstens im Orient als das Ideal einer christlichen Kirche betrachtet wurde und für viele Kirchenbauten der folgenden Jahrhunderte, auch noch in der russischen Kirche, den bleibenden Typus abgab, ohne übrigens eine weiteren Fortschritt zu begründen. Im Okzident war dies nicht in gleicher Weise der Fall; hier erhielt die Basilika ihre ganz eigenartige und organische, wenn auch weniger rasche Ausgestaltung, und zwar bis zu einer Einheit des Ganzen und der Teile, und zu einer Harmonie des Inneren und Äußeren, welche in der Sophienkirche vergebens gesucht wird. Gerade im Äußeren dieser Kirche tritt der Mangel an Harmonie am deutlichsten hervor; der Außenbau erscheint nicht entfernt in Übereinstimmung mit dem Innenbau und seiner reichen Gliederung, und es wäre auch unmöglich, eine solche Einheit herzustellen. Darum bildet die Sophienkirche wohl den glänzenden Abschluss eines Jahrhunderte langen Strebens; aber sie ist nicht zum Ausgangspunkt einer fruchtbaren Entwicklung des Kirchenbaues geworden, vielmehr erscheint sie nur als ein architektonisches Kunstwerk genialer Baumeister, an das sich unmittelbar der Verfall der byzantinischen Architektur, das Erstarren jeder selbständigen schöpferischen Tätigkeit knüpft. –

Die Zerstörung der Schätze der Sophienkirche

Die Schicksale dieses herrlichen Baues sind wechselvoll. Im 8. Jahrhundert hatte er unter dem zerstörenden Einfluss des Bilderstreites zu leiden; die Gründung des lateinischen Kaisertums in Konstantinopel (1204) schien für ihn eine Zeit neuer Erhebung herbei zu führen; aber im Jahre 1453 erstürmten die Türken die Hagia Sophia, plünderten oder zerstörten ihre Schätze und zerschlugen mit Eisen den Mosaikboden. Das Innere bietet daher jetzt ein trauriges Bild. Die alten wie die späteren Mosaikbilder der Wände sind teils zertrümmert, teils mit Gold lackiertem Stuck zugedeckt. Verschwunden ist der Altar mit seinem Ziborium, der Ambo, der ganze Reichtum der Kandelaber usw. Verschiedene Einbauten verunstalten das Innere wie den Narthex. Das große Atrium ist nicht mehr vorhanden. Hohe, unförmliche Stützmauern, angebaute Mausoleen der Sultane, vier schlanke Minaretts mit massiven Unterbauten entstellen das Äußere. Dazu scheint das Ganze auch ins einer konstruktiven Haltbarkeit sehr Schaden gelitten zu haben; eine Restauration in den Jahren 1847 bis 1849 war nicht gründlich genug, und von Manchen wird sogar ein baldiger Untergang dieses großartigen kirchlichen Bauwerkes befürchtet. (*) –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 11, 1899, Sp. 512 – Sp. 515

(*) seit 1931 durch die Amerikaner, die auch die Mosaiken freilegten, restauriert. (Buchberger, Bd. VI, 1934, Sp. 168)

Bildquellen

  • deesis-mosaic-618974_640: pixabay
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