A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Sibyllen

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Sibyllen

Die Sibyllen waren heidnische Jungfrauen, welche in strenger Enthaltsamkeit lebten und von denen man deswegen glaubte, daß sie besonderer göttlicher Offenbarungen gewürdigt wurden. Ihre Weissagungen von der Ankunft des Erlösers und von seiner gebenedeiten Mutter waren aber nicht von der Art, wie die Weissagungen der Propheten bei den Juden. Die Propheten waren wirklich vom heiligen Geist erleuchtet, sie schauten im göttlichen Lichte klar die Zukunft und verkündeten sie auf Befehl Gottes. Die weissagenden Jungfrauen oder Sibyllen bei den Heiden, träumten nur wie im Schlaf von dem fernen Weich Christi. – Jedoch sind ihre Weissagungen von der heiligen Jungfrau, aus welcher der Erlöser der Welt sollte geboren werden, äußerst merkwürdig. Von ihnen schreibt der heilige Petrus Canisius (de Maria Virgine incomparabili lib. II. Cap. VII.), „daß ihre Weissagungen damals, als sie noch lebten, von den Heiden ohne Zweifel für sie sehr wunderbar gehalten wurden, jetzt aber, da das Geheimnis der göttlichen Anordnung erfüllt ist, desto größeren Glauben verdienen, als sie die Wahrheit des Evangeliums bezeugen helfen. Man darf sie keineswegs als weibliche Träumereien und leere Fabeln ansehen, sondern sie sind als sehr alte Weissagungen unter den Heiden berühmt und dienen der Wahrheit des Evangeliums gegen jene, welche auch keine Weissagungen der Propheten zulassen.“ Die ältesten heiligen Väter, Hermas, Justin, Clemens etc. erwähnen diese Weissagungen der Sibyllen oft und in ehrenvollster Weise.. – „Ich bin der Meinung, sagt der heilige Petrus Canisius, „daß die Sibyllen, die allerseligste Jungfrau betrachtend, mit heißer Sehnsucht nach ihr verlangten und als Mutter unsers Herrn innigst verehrten, und einer besonderen Verehrung aller Sterblichen für würdig erachteten. Der heilige Augustin bediente sich ihrer Weissagungen gegen die Heiden zur Verteidigung der christlichen Wahrheit.“ So war also Maria, die gebenedeite Mutter Jesu, auch den Heiden schon bekannt, ehedem sie geboren war, und Jungfrauen, von einem Strahl himmlischen Lichtes getroffen, verkündeten viele Jahrhunderte voraus ihre hohe Würde und priesen sie als die schönste, ehrwürdigste und glücklichste der Frauen. Man nimmt gewöhnlich 10 Sibyllen an: die Persische, die Libysche, die Delphische, die Samische, die Kumische, die Hellespontische, die Phrygische, die Tiburtinische, die Eryträische und Kimrische Sibylle. Ihre Weissagungen sind in goldenen Buchstaben bei ihren Bildsäulen um die Kapelle des heiligen Hauses zu Loreto angebracht. –
aus: Georg Ott, Marianum, 1. Band, 1869, Sp. 88

Heidnische Sibyllen. Es gab anscheinend im 8. Jahrhundert v. Chr. Auf griechischem Kulturgebiet, besonders in den kleinasiatischen Kolonien, eine Art Prophetentum, dessen weibliche Träger den bis jetzt unerklärten (wohl von Anfang Gattungs-) Namen Sibyllen trugen. Schon Herakleides Pontikos (4. Jahrh. v. Chr.) suchte die Nachrichten über die Sibyllen zu ordnen. Der für die Folge maßgebende Katalog von 10 Sibyllen ist vom römischen Antiquar Varro zusammen gestellt und durch Laktanz erhalten (Div. Inst. I 6 8ff). Die bedeutendste Sibylle ist die Erythräa. Mit ihr brachte man später die Sibylle von Cumä in Kampanien in Zusammenhang, deren Legende wohl an der 1930 dort ganz frei gelegten Grotte haftete. Von Cumä haben die Römer wohl schon in der Königszeit schriftlich nieder gelegte Orakelsprüche der Sibylle bezogen.

Jüdische und christliche Sibyllen. Aus der hellenistisch-jüdischen und aus der christlichen Zeit besitzen wir eine große Zahl von sibyllinischen Weissagungen, die freilich erst von einem jedenfalls nach Laktanz lebenden Christen zu der uns vorliegenden Sammlung vereinigt wurden: 14 Bücher, wovon aber das 9. und 10. vollständig fehlen. Sie haben die Form der heidnischen, d. h. den Vers und die Sprache Homers, beibehalten, versetzen aber die altepische Diktion reichlich mit Elementen der Gemeinsprache. Schon um ihre Fälschungen als echte Verse anerkannter alter Sibyllen erscheinen zu lassen, haben die jüdischen Sibyllisten heidnisches Orakelgut eingewoben, auch sonst Anleihen bei heidnischen Schriftstellern, so bei Lykophron, gemacht. Das Interesse des Judentums an der sibyllistischen Literaturform, zuerst in Alexandria erwacht, erklärt sich aus der Ähnlichkeit der sibyllinischen Unheilsprophetie mit den alt-testamentlichen Droh-Weissagungen und aus der Hoffnung, mit Hilfe dieser Form das überlegene Alter der israelitischen Religion gegenüber dem Griechentum zu veranschaulichen. Sonst dient ihr „Inhalt durchweg der religiösen Propaganda. Die Sibylle weissagt die Geschicke der Welt von Anbeginn bis zur jeweiligen Zeit des Verfassers, um daran dann Drohungen und Verheißungen für die nächste Zukunft zu knüpfen; sie hält in Strafworten den heidnischen Völkern ihren Götzendienst und ihre Lasterhaftigkeit vor und ermahnt sie, Buße zu tun, solange es noch Zeit ist; denn über die Unbußfertigen werden furchtbare Strafgerichte herein brechen“ (Schürer)…

Für die Popularität der „Sibylle“ im abendländischen Mittelalter ist es bezeichnend, daß sie wiederholt als Verkünderin des Heilandes an der Seite Virgils erscheint, dessen (seit Kaiser Konstantin mehrfach messianisch gedeutete) 4. Ekloge man als eine Prophetie der kumäischen Sibylle auffaßte, und daß sie im „Dies irae“ als Zeugin für den künftigen Weltuntergang neben David genannt wird. Doch ist in solchen allgemeinen Zusammenhängen der Name Sibylle nicht mehr als der konkrete Ausdruck für Ideen wie die einer vorchristlichen heidnischen Heilserwartung oder Weltgerichts-Vorstellung. Von den mittelalterlichen Theologen hat keiner unbesehen an die Echtheit sibyllinischer Orakel geglaubt, von denen man wesentlich nur durch die Zitate der Kirchenväter Kunde hatte, da die große Sammlung des 5./6. Jahrhunderts schon bald verscholl und erst im 15. Jahrhundert wieder entdeckt wurde. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IX, 1937, Sp. 525 – Sp. 527

Buch mit Kruzifix
Annunziaten
Buch mit Kruzifix
Diakonissen

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Gürtelbruderschaften

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Gürtelbruderschaften Gürtelbruderschaften, religiöse Vereinigungen, deren Mitglieder gemäß Psalm 17,33 u. 40; Lk. 12,35 usw. zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit Gott und den betreffenden Heiligen, der Abtötung und Buße (vgl. Cilicium) sich gürten: 1) Erzbruderschaft…
Buch mit Kruzifix

Waldenser

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Waldenser Waldenser, auch Waldesier, mittelalterliche Sekte, benannt nach ihrem Stifter Waldes (Valdus, Valdesius) – der Vorname Petrus wird erst 1368 erwähnt – aus Lyon. Nach den sich ergänzenden Berichten im Chronicon universale anonymi Laudunensis…
Buch mit Kruzifix

Lapsi

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Lapsi (Traditoren) Lapsi, Christen, die vom christlichen Glaubens wieder abfielen, besonders jene, die sich in Zeiten der Christenverfolgungen schwach erwiesen und ihren Glauben entweder schon unter moralischem Zwang oder unter Einwirkung physischer Gewalt durch…
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Deutschkatholizismus Deutschkatholizismus. Die seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr ins kirchliche Leben eingedrungene rationalistische Welle, gegen welche um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in extremer Gegenwirkung die aftermystische Bewegung eines Martin…
Buch mit Kruzifix

Vandalen

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Vandalen Vandalen, ostgermanische Völkergruppe, die ihre Wanderungen von Jütland bis nach Spanien und Nordwestafrika ausdehnte. Zur Zeit des Plinius und Tacitus zwischen zwischen Weichsel und Oder angesiedelt (Heiligtum des Teilstammes der Silingen auf dem…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Heidenchristen

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Heidenchristen Heidenchristen nennt man die Gläubigen aus dem Heidentum der frühchristlichen Zeit. Der erste Heidenchrist war der durch Philippus (Apg. 8,22ff) bekehrte äthiopische Eunuch. Größere Bedeutung kommt der Bekehrung des heidnischen Hauptmanns Kornelius durch Petrus (Apg. 10) zu. Das zeigt die Notwendigkeit der Verteidigung des Vorganges durch Petrus in…
Buch mit Kruzifix

Schmalkaldischer Bund

Lutheraner
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Schmalkaldischer Bund Schmalkaldischer Bund, konfessionell-politisches Bündnis, nach längeren Vorverhandlungen zunächst auf 6 Jahre abgeschlossen am 27.2.1531 zwischen mehreren protestantischen Fürsten, voran Landgraf Philipp von Hessen und Kurfürst Johann v. Sachsen, und einer größeren Zahl nieder- und oberdeutscher Städte zum Schutz ihres Glaubensstandes, den sie durch den Augsburger Reichstagsabschied v.…
Buch mit Kruzifix

Israelitische Religion

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Israelitische Religion Durch seine Religion ist Israel zum Erzieher und Wohltäter der Menschheit geworden (Siehe: Judentum und Christentum). Sie ist nach Inhalt und Entwicklung etwas Einzigartiges in der antiken und orientalischen Welt. 1) Gotteslehre Charakteristisch gegenüber den andern altorientalischen Religionen ist der strenge Monotheismus. Zunächst noch mehr naiv-praktisch und…
Buch mit Kruzifix

Balmes, Jaime Luciano

Klerus
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Balmes Balmes, Jaime Luciano, spanischer Publizist und Philosoph, * 28.8.1810 zu Vich in Katalonien, † 9.7.1848 ebd., Sohn armer, frommer Eltern (1), erhielt seine erste Ausbildung im bischöflichen Seminar zu Vich (2), oblag 7 Jahre den philosophischen und theologischen Studien an der Universität Cervera, beschäftigte sich 4 Jahre fast…
Buch mit Kruzifix

Brüder und Schwestern des freien Geistes

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Brüder und Schwestern des freien Geistes Brüder und Schwestern des freien Geistes, eine seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Ländern auftauchende Sekte, welche einem vollendeten Pantheismus huldigte und bis ins 15. Jahrhundert unter mancherlei Schicksalen fortdauerte. Ihr Lehrbegriff ist im Wesentlichen folgender: “Deus est formaliter omne, quod…
Buch mit Kruzifix

Arnauld

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Arnauld Arnauld (Arnaud, arnaut, Arnault), Familie, die in der Geschichte der Mystik und des Jansenismus in Frankreich im 17. Jahrhundert eine führende Rolle spielte. Aus der Auvergne stammend, war sie mit Antoine Arnauld, Herrn von de la Mothe und Villneuve, dem späteren Großprokurator unter Katharina Medici, um 1547 nach…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner