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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Nehemias

Nehemias, im A.T. 1. eines von den Familienhäuptern, welche mit Zorobabel und Josue aus der Gefangenschaft in Babylonien nach Jerusalem zogen (2.Esdr. 7, 7). – 2. der Sohn Azbocs, ein angesehener Mann aus Bethsur, der sich beim Wiederaufbau der Mauer von Jerusalem hervortat (2. Esdr. 3, 16). – 3. der Sohn des Helchias, der angesehenste Jude in nachexilischer Zeit, über den lediglich das nach ihm benannte Buch der heiligen Schrift Auskunft gibt.

Nehemias, Sohn des Helchias

Er bekleidete am Hof des persischen Königs Artaxerxes II. Mnemon das hohe Amt eines Mundschenks und erhielt im 20. Jahr von dessen Regierung, 385 v. Chr., durch zureisende Juden traurige Nachrichten über die Zustände, welche in Jerusalem und dem Judenland überhaupt infolge der 1. Esdr. 4, 23 erwähnten Gewalttätigkeiten eingetreten waren.

Nehemias konnte seine Betrübnis darüber vor dem König nicht verbergen, musste auf dessen zureden ihm sein Leid offenbaren und erhielt nun Urlaub, um nach Jerusalem zu ziehen und für die Herstellung der Stadt und der sozialen Ordnung zu sorgen. Zu diesem Zweck erlangte er ausgedehnte Vollmachten mit den Titel (…) eines Pascha. Bei seinen Landsleuten, unter denen damals auch Esdras weilte, ward er mit Begeisterung aufgenommen und seitdem zum Ausdruck der Ehrfurcht gewöhnlich „der Tirschatha“, Vulg. Athersatha (etwas „die Exzellenz“) genannt.

Die Erneuerung der Stadtmauer von Jerusalem

Nehemias: Der Wiederaufbau Jerusalems

Für seine Wirksamkeit fand Nehemias jedoch große Hindernisse. Zur Herbeiführung dauernder Zustände erschien es zunächst nötig, Jerusalem zu befestigen; dies aber erregte die Eifersucht der samaritanischen Häuptlinge in Palästina, so dass Nehemias nur mit äußerster Vorsicht, jeden Augenblick eines feindlichen Überfalls gewärtig, den Bau der Stadtmauer zu Stande bringen konnte.

Währenddessen war seine Umsicht und Tätigkeit auch durch Teuerung und Wucher innerhalb der Gemeinde in Anspruch genommen worden; gleichwohl gelang es ihm, die Mauer in 52 Tagen fertig zu stellen. Jetzt kam es darauf an, der erneuerten Stadt auch Einwohner zu verschaffen, und zu dem Ende traf Nehemias die Bestimmung, dass ein Zehntel des ganzen Volkes durchs Los bestimmt wurde, seinen Wohnsitz in Jerusalem zu nehmen.

Zum Bestand der neuen Ordnung der Dinge hielt er jedoch die religiöse Erneuerung des Judentums für notwendiger als alle sozialen Maßregeln; deshalb bewog er den zum Weggehen bereiten Esdras, seine Wirksamkeit in Jerusalem mit einer feierlichen Erneuerung der Gesetzestreue zu beschließen. Er selbst trat jetzt auch in Esdras Aufgabe ein und traf wirksame Maßregeln zur Haltung des erneuerten Bundes. Zu diesen gehört auch ohne Zweifel die 2. Makk. 2, 13 berichtete Sorge für die Aufbewahrung der heiligen Schriften.

Inzwischen war sein Urlaub abgelaufen und er musste im 32. Jahr des Artaxerxes, nach zwölfjähriger Tätigkeit zu Jerusalem, wieder nach Susa zurückkehren. Noch einmal aber führten ihn neue Sorgen nach Jerusalem. Nach seinem Weggang hatte die alte Wankelmütigkeit des Volkes, zumal da der Hohepriester Eliasib mit schlimmem Beispiel voranging, bald wieder große Untreuen gegen das göttliche Gesetz, und damit gegen die soziale Ordnung hervorgerufen.

Nehemias stellte die verletzte Ordnung wieder her

Noch einmal gelang es dem eifrigen Reformator, die verletzte Ordnung wiederherzustellen, allein mit seinem Weggang und Tod nahmen auch die besseren Zustände ein Ende, und es bereiteten sich bald Dinge vor, welche den 1. Makk. 1, 12 dargestellten Vorfall erklärlich machen.

Das Buch Nehemias kommt unter diesem Namen bloß im jüdischen Kanon vor. In der Septuaginta wird es als drittes, in der Vulgata als zweites Buchs Esdras aufgeführt. Diese Benennungen beruhen auf der richtigen Erkenntnis, dass das sogen. Buch Nehemias ein dem Buch Esdras nebengeordneter Bestandteil eines größeren Werkes ist.

Das Buch Nehemias

Derjenige Schriftgelehrte, welcher eine Anzahl vorhandener Schriftstücke sammelte und durch eigenen verbindenden Text zu einer Geschichte der jüdischen Restauration zusammenstellte, nämlich Esdras, hat in sein Werk auch die von Nehemias vorhandenen Aufzeichnungen eingereiht. Letztere sind dadurch kenntlich, dass der Verfasser in der ersten Person redet, und die Bedeutung, welche Esdras der Wirksamkeit seines Mitarbeiters beigelegt hat, zeigt sich demnach auch in der wörtlichen Aufnahme seiner Niederschrift bei Abfassung des gedachten größeren Werkes.

Letztere fällt in eine späte Zeit, da 2. Esdr. 12, 10. 22 Personen erwähnt sind, welche mit Alexander dem Großen gleichzeitig lebten; allein in diese Zeit reicht auch das 120-jährige Leben Esdras. Seiner Pietät gegen Nehemias ist zuzuschreiben, dass das 2. Esdr. 7, 6ff. aufgenommene amtliche Schriftstück beibehalten ist, obwohl es 1. Esdr. 2, 1ff. Schon mitgeteilt worden; die dabei aus Verschiedenheit der Abschrift entstandenen Abweichungen haben die jüdischen Hüter des Textes nicht für nötig gehalten zu bessern.

Hiernach erscheinen die auch bei dem Buch Nehemias gemachten Versuche, die Einheit des Buches zu leugnen und spätere Einschiebungen nachzuweisen, als unnötig und unhaltbar. (Vgl. Kaulen, Einl., 3. Aufl. Freiburg 1892, 251ff.) –
aus: Wetzer und Welte Kirchenlexikon, Bd. 9, 1895, Sp. 92 – Sp. 94

Die vielumstrittene, für die Gesamtchronologie der nachexil. Periode bedeutsame Frage, ob der von der Bibel nicht näher bezeichnete Artaxerxes, in dessen Zeit die Tätigkeit des Nehemias fiel, Artaxerxes I. (465 bis 424) oder Artaxerxes II. (405 bis 358) war, hat durch die Urkunden aus Elephantine Klärung erfahren.

Diesen gemäß amtierte um 410 in Jerusalem der Hohepriester Jochanan, nach Nehemias 12, 10f. Enkel Eljaschibs, eines Zeitgenossen des Nehemias. (Neh. 3, 1). Somit kann das Buch Nehemias nur Artaxerxes I. meinen, in dessen 20. Jahr (445) Nehemias kam. Zu derselben Folgerung führt ein anderer Elephantinetext, nach dem die die dortigen Juden 407 an die Söhne Sinuballits, des Statthalters von Samaria, appellieren. Gegen die Identität des letzteren mit Sanaballat, dem Feind des Nehemias, ist kaum ein begründetes Bedenken geltend zu machen, zumal Neh. 3, 34 diesen als Inhaber einer amtlichen Stellung weltlichen Charakters kennzeichnet. Jene Appellation lässt zum wenigstens vermuten, dass die Haupttätigkeit Sinuballits der Vergangenheit angehörte.

Da zudem in den Urkunden schon 410 Bagohi als Statthalter von Jerusalem genannt wird, bekleidete Nehemias bereits geraume Zeit vor Artaxerxes II. das Amt nicht mehr. Im Übrigen sind weiteres Schicksal, Zeit und Ort des Todes des großen Restaurators unbekannt. Infolge seiner Opferwilligkeit, Selbstlosigkeit und Ausdauer, die in der glühenden Liebe zum Vaterland, Verbundenheit mit seinem Volk und Hingebung an den Väterglauben wurzelten, stand sein Andenken bei den Späteren in hohen Ehren. (Sir. 49, 13; 2. Makk. 2, 13). –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 480

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