A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Brüder und Schwestern des freien Geistes

Brüder und Schwestern des freien Geistes, eine seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Ländern auftauchende Sekte, welche einem vollendeten Pantheismus huldigte und bis ins 15. Jahrhundert unter mancherlei Schicksalen fortdauerte. Ihr Lehrbegriff ist im Wesentlichen folgender: “Deus est formaliter omne, quod est, Gott ist die immanente Substanz der Welt; Alles ist aus ihm geflossen, er hat daher die Welt nicht erschaffen, weil er vor der Welt nicht war; diese ist vielmehr ewig und ist der wesensgleiche Sohn des Vaters, den dieser fortwährend zeugt. Alles Kreatürliche ist Nichts (unum purum nihil); es gibt keine Welt (weil Alles Gott ist), sondern nur vorübergehende Erscheinungsformen der göttlichen Substanz. Die vernünftige Seele des Menschen ist ein Teil der göttlichen Wesenheit, unerschaffen und unerschaffbar; sie schließt alle göttlichen Vollkommenheit in sich und hat mit dem Vater Alles erschaffen. Jeder Mensch ist der Sohn Gottes, von Ewigkeit her vom Vater gezeugt; Christus hat gar keinen Verzug vor den übrigen Menschen; vielmehr gilt Alles, was die Schrift von jenem sagt, wörtlich von jedem Menschen; Christus hat nicht für Alle, sondern nur für sich gelitten; jeder Mensch muss sich selbst erlösen und kann sogar Christi Verdienst überschreiten. Alles dieses vermag der Mensch aber nur dann, wenn er, sich auf den „absoluten Standpunkt“ stellend und die Göttlichkeit seines eigenen Wesens erkennend, durch Kontemplation von den Banden des Endlichen sich befreit und sein ganzes Wesen in den Abgrund der göttlichen Substanz versenkt; so wird er Eins mit Gott und wesenhaft der Sohn Gottes. Die heiligen Schriften sind nur poetische Umschreibungen pantheistischer Begriffe (multa in eis sund poëtica); sie sind reines Produkt des menschlichen Geistes, daher verdienen die Eingebungen des eigenen Herzens ebenso gut Glauben als da Evangelium. Wer den Nächsten liebt, der liebt eben damit auch Gott, und wer sagt, er liebe Gott mehr als den Nächsten, der ist noch nicht vollkommen, weil er nicht weiß, daß zwischen beiden kein Unterschied ist.“ Hinsichtlich der letzten Dinge des Menschen zog die Sekte die äußersten Konsequenzen ihres Systems und leugnete die kirchliche Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit; wie Alles aus Gott geflossen sei, so kehre auch Alles wieder in ihn zurück; es gebe demnach kein letztes Gericht, es gebe keine Hölle, kein Fegefeuer, vielmehr löse sich die Seele in die allgemeine göttliche Substanz auf und dauere zwar in dieser fort, aber ohne alles persönliche Bewusstsein. –

Diese oft bis auf den Ausdruck mit neueren pantheistischen Systemen merkwürdig überein stimmenden Ansichten der Sekte übten auch auf das Praktische den entschiedensten Einfluss. Der innerlich mit Gott Eins und selbst Gott gewordene Mensch bedürfe keines äußerlichen Gottesdienstes, keines Fastens, keines Gebets, keiner Sakramente usw. Insbesondere zeichneten sie sich durch Blasphemien gegen das heilige Abendmahl aus, indem sie konsequent behaupteten, in jedem Brot sei ebenso gut der Leib Christi, wie im konsekrierten; es gebe keinen Unterschied zwischen Klerikern und Laien, es bedürfe keines Sündenbekenntnisses – alles dieses, wie überhaupt die ganze sichtbare Kirche, erschien ihnen als „Albernheit“, die nur für solche sich gezieme, welche von dem göttlichen Wesen des Menschen keinen Begriff hätten und dem Äußerlichen eine Wichtigkeit beilegten, welche ihm als unwesentlicher Erscheinung gar nicht zukomme. Diese aus ihrer pantheistischen Anschauung leicht erklärliche Verachtung alles Äußerlichen findet ihre höchste Ausbildung auf dem Gebiet der Sittenlehre, auf dem ein vollkommener Antinomismus sich geltend macht. Auf dem Satz, daß der durch Betrachtung in die göttliche Substanz versunkene Mensch Eins mit Gott sei, konsequent fortdauend, behaupteten sie, ein Solcher sei über aller göttlichen und menschlichen Autorität und brauche ihr nicht zu gehorchen, weil der Wille des Einzelnen ebenso der Wille Gottes sei, wie das objektiv gegebene Gesetz. Zwischen guten und bösen Handlungen sei kein Unterschied; durch beide werde Gott gleich verherrlicht, weil er beide bewirke. „Wenn also Gott will, daß ich sündige, so muss ich gar nicht wollen, nicht gesündigt zu haben; das ist die wahre Reue. Und wenn der Mensch tausend Todsünden begangen hätte, und er stünde in Vereinigung mit Gott, so dürfte er nicht wünschen, diese Sünden nicht begangen zu haben, sondern er müsste lieber tausend Todsünden begehen, als nur eine derselben unterlassen.“

Insbesondere wandten sie diesen Grundsatz auf die Befriedigung der fleischlichen Begierden an; hier sei Alles erlaubt, weil der Körper in gar keiner Beziehung zur göttlichen Seele stehe, und selbst die größteAusschweifung diese nie beflecken könne; vielmehr sei derjenige noch nicht zu Gott bekehrt und noch nicht zur vollkommenen Freiheit gelangt, der beim Anblick entblößter Körper des andern Geschlechts noch irgendwie sinnlich affiziert werde. Sie zogen daher, von Weibern begleitet, die sei Schwestern nannten, umher und pflogen mit ihnen den freiesten Umgang; das Volk bezeichnete sie deswegen mit dem Namen „Schwestriones“, während sie sich selbst unter Hinweisung auf ihre Freiheit von jedem Gesetz (Röm. 8, 2-14) Brüder und Schwestern des freien Geistes nannten. Indessen würde man ihnen doch Unrecht tun, wenn man, wie schon geschehen ist, behaupten wollte, ihr Pantheismus verdanke jenen antinomistischen Tendenzen seine Entstehung, insofern sie letztere damit entschuldigen und als berechtigt darstellen gewollt hätten; es verhält sich gerade umgekehrt, wie denn auch feststeht, daß sie bei dem vertrautesten Verkehr mit den Schwestern in vielen Fällen die Reinigkeit nicht verletzten. Zum arbeiten hielten sie sich nicht für verpflichtet, weil dieses das Aufsteigen der Seele zu Gott verhindere; alles Eigentum sei ein gemeinsames, der Diebstahl erlaubt, und das Betteln ein unveräußerliches Recht jedes Vollkommenen. In auffallender Kleidung, unter dem beständigen Ruf: „Brot um Gottes willen!“ wanderten sie durch Städte und Dörfer und suchten für ihre geheime Lehre bei Klerikern und Laien Anhänger zu gewinnen. Letzteres gelang ihnen vielfach, indem sie eine bewunderungswürdige Fertigkeit entwickelten, durch erheuchelte Frömmigkeit arglose Seelen ans ich zu fesseln, so daß sogar ein Mann wie Tauler in den Lehren eines ihrer Hauptführer nichts Verdächtiges zu finden vermochte (Raynald. ad. 1329, n. 73).

Bei ihrer erheuchelten Frömmigkeit, die mit dem regen Eifer, sich überall Anhänger zu gewinnen, verbunden war, bei dem innern Reiz, der jedem pantheistischen System eigen ist, bei der Unterstützung, welche ihnen durch die vielfache Äußerlichkeit des Gottesdienstes, die Verweltlichung des Klerus und dessen teilweise Unfähigkeit zu Teil wurde, ward die Sekte für die Kirche sehr gefährlich und mag manchen Gläubigen wider Wissen und Willen in ihre Fallstricke gebracht haben. Die Anhänger derselben wurden daher auch von allen Seiten verfolgt, und viele büßten ihre Verirrung mit dem Feuertod, den sie mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Seelenruhe erduldet haben sollen. Im Jahre 1418 zog unter Führung eines gewissen Johannes ein Schwarm nach Böhmen, hielt seine Zusammenkünfte in Prag und an anderen Orten un erhielt dort den Namen Picarden oder Adamiten. Sie wurden 1421 von Ziska, der sie im Verdacht mancher Schändlichkeiten hatte, angegriffen, teils in der Schlacht getötet, teils nachher verbrannt – und vor hier an verschwindet ihr Name aus der Geschichte. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 8, 1893, Sp. 1339 – Sp. 1342

Tags: Sekten
Buch mit Kruzifix
Circumcellionen
Buch mit Kruzifix
Luciferianer

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Samaria

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Samaria Samaria: I. die von Amri auf dem einem gewissen Somer abgekauften Berg neu gegründete (vorher nur spärliche Siedlung in der Bronzezeit!) Hauptstadt des Königreichs Israel (1. Kg. 16, 4). Von Natur und Menschenhand…
Buch mit Kruzifix

Langobarden

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Langobarden Langobarden, ostgermanischer Stamm, der einst in Gotland saß, dann längere Zeit an der unteren Elbe (Bardengau). Im 4. Jahrhundert wanderten sie unter Zurücklassung bedeutender Reste nach Südosten, nahmen im Marchtal von den Rugiern…
Buch mit Kruzifix

Donoso Cortes

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Donoso Cortes Donoso Cortes, Juan Francisco Maria, spanischer Staatsmann, wurde am 6. Mai 1809 im Dorf Valle de la Sarena geboren, wohin sich seine Eltern, Pedro Donoso Cortes und Donna Elena Canedo, von ihrem…
Buch mit Kruzifix

Rautenstrauch

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Rautenstrauch Rautenstrauch, Franz Stephan, OSB, josephinischer Erneuerer des österreichischen theologischen Unterrichtes, * 29.7.1734 zu Blottendorf (Bez. Böhm.-Leipa), † 30.9.1785 zu Erlau (Ungarn). 1750 Benediktiner von Brevnov-Braunau, Professor der Philosophie und des Kirchenrechts in Prag,…
Buch mit Kruzifix

Hermann von Vicari

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hermann von Vicari Vicari, Hermann von, Bekennerbischof, einer der Erneuerer des deutschen Katholizismus im 19. Jahrhundert, * 13.5.1773 zu Aulendorf (Württemberg) aus treu-kirchlicher Familie, besuchte die Klosterschulen in Weingarten und Schussenried, bis 1789 das…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Circumcellionen

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Circumcellionen Circumcellionen, 1) schwarmgeistige Rotten von Bauern im westlichen Afrika, namentlich Numidien, seit ca. 321 (bes. 340 – 50), wegen ihres Umherschweifens um die Hütten (circum cellas) von den Katholiken so bezeichnet (Augustinus, Contra Gaudent. I 28, 32); sie selbst nannten sich agonistici (=Kämpfer), Soldaten Christi, Heilige. Die Bewegung…
Buch mit Kruzifix

Wiedertäufer

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Wiedertäufer Wiedertäufer (Anabaptisten), Bezeichnung für das weit verzweigte Sektentum der Täuferbewegung. Diese entstand zur Zeit der Glaubensspaltung infolge der durch den Protestantismus angeregten allgemeinen und ungeregelten Bibellektüre, die unter den Einflüssen von Erasmus, Zwingli, Oecolampadius in dem theologisch ungebildeten, sozial und wirtschaftlich bedrückten Kleinbürger– und Handwerkerstand das enthusiastische Streben…
Buch mit Kruzifix

Marcion

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Marcion Marcion, neben den Gnostikern der gefährlichste Irrlehrer des 2. Jahrhunderts, * in Sinope (Pontus), reicher Schiffsherr, von seinem Vater, der Bischof war, aus der Heimatkirche „wegen Verführung einer Jungfrau“ ausgeschlossen, kam um 140 nach Rom, wo er 144 exkommuniziert wurde, † um 160. Marcion konstruierte einen absoluten Gegensatz…
Buch mit Kruzifix

Abrahamiten

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Abrahamiten Abrahamiten, 1. eine Sekte des neunten Jahrhunderts, welche die Gottheit Christi leugnete; sie erhielt den Namen von ihrem Haupt Abraham von Antiochien und war in Syrien weit verbreitet. – 2. Deisten in Böhmen, ein Häufchen ungebildeter und mißgeleiteter Landleute in der Gegend von Pardubitz, das als Sekte aus…
Buch mit Kruzifix

Menander

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Menander Menander (Menandros), gnostischer Sektenstifter, *zu Kapparetäa in Samarien, Schüler Simons des Magiers, von dem er jedoch in der Auffassung von der Erlösung (Unsterblichmachung durch die ihm eigene Taufe) und in der Ablehnung des Libertinismus abwich. Er wirkte in Antiochia; seine kleine Sekte erhielt sich bis ins 6. Jahrhundert.…
Buch mit Kruzifix

Unitarier

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Unitarier Unitarier (Ein-Gott-Leute) heißen in der Reformationszeit auftretende Antitrinitarier, die in Gott nur eine Person, demnach bloß den Vater als den einen wahren Gott anerkannten. Unitarier war schon der von den Mennoniten hergekommene Taufgesinnte Adam Pastoris, eigentlich Roelf (Rudolf) Martens; er wollte die Hl. Schrift grammatikalisch-wörtlich erklärt wissen, die…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner