Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Abendmahlsstreit

Abendmahlsstreit, betraf die Art und Weise der Gegenwart und Vergegenwärtigung des Leibes und Blutes Christi in der Eucharistie.

I. Erster Abendmahlsstreit. Bei dem im 9. Jahrhundert entstandenen sog. 1. Abendmahlsstreit zwischen Paschasius Radbertus einerseits und Rathramnus, Hrabanus Maurus sowie dem anonymen Verfasser des Traktats Cuiusdam sapientis (Migne PL 112, 1510ff) anderseits handelte es sich um das Verhältnis zwischen dem sakramentalen und historischen, d. h. aus Maria geborenen, gekreuzigten und nunmehr erhöhten Leib Christi.

Nach Radbert sind beide völlig gleich. Er hat den Realismus, wie er von der gallischen und römischen Liturgie sowie von der Ambrosius folgenden Theologie vertreten ward, genauer als Identität von sakramentalem und historischem Herrenleib bestimmt. Die Art der Vergegenwärtigung erfolgt nach ihm durch die Verwandlung des Elementes.

Ihm gegenüber lehnen Hrabanus Maurus, der Anonymus und Rathramnus die Identität ab und heben den Unterschied beider hervor. Besonders Rathramnus betont den Unterschied durchgängig und derart, dass er einer dynamischen Auffassung sehr nahe kommt. Im Zusammenhang damit übt er auch Kritik an der Verwandlung. Seinen Abschluss fand der 1. Abendmahlsstreit in dem Brief Radberts an Frudigar, in dem er gegenüber dem symbolisch-dynamischen Aufstellungen seiner Gegner noch schärfer die völlige Gleichheit von historischem und sakramentalem Herrenleib herausstellt, wobei er besonders auf seine geistige Seinsart hinweist.

II. Zweiter Abendmahlsstreit. Bei dem im 11. Jahrhundert zwischen Berengar von Tours und seinen Gegnern (Eusebius Bruno (anfänglich sein Anhänger), Adelmann von Lüttich …) sich abspielenden 2. Abendmahlsstreit handelt es sich sowohl um die Art der Gegenwart wie der Vergegenwärtigung des Herrnleibes. Berengar von Tours leugnete in Anlehnung an Scotus Eriugena und Rathramnus die Möglichkeit einer Verwandlung der Elemente und der realen Gegenwart des Herrnleibes und vertrat anfänglich eine bloß dynamische, später nur mehr (wie Scotus Eriugena) eine symbolisch-spiritualistische Auffassung des Sakramentes. Durch die consecratio werde das das elementum zum sacramentum, d. h. zur figura des Herrenleibes.

Ihm gegenüber verteidigten seine Gegner sowohl die reale Gegenwart des Leibes und Blutes bzw. der ganzen gottmenschlichen Persönlichkeit in der Eucharistie wie auch die Verwandlung des Elements, die sie (Guitmund v. Aversa) näherhin als eine Verwandlung der Substanz von Bort und Wein in die Substanz von Leib und Blut des Herrn bestimmten (Transsubstantiation). Berengar selbst legte 1079 ein Glaubensbekenntnis ab, worin die substantiale Gegenwart des Herrnleibes (in proprietate naturae et veritate substantiae), wie die substantiale Verwandlung (substantialiter converti) ausgesprochen war. Einem Wiederaufleben der Berengarschen Ansicht zu Beginn des 12. Jahrhunderts traten Gregor von Bergamo und Alger von Lüttich entgegen, dessen Schrift über das Altarssakrament den Abschluss des 2. Abendmahlsstreites darstellt.

III. Viertes Laterankonzil. Die ganze Lehre von der Eucharistie erhielt eine gewisse Zusammenfassung durch die Definition des 4. Laterankonzils (1215), wonach Leib und Blut Christi im Altarssakrament unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft enthalten sind, indem eine Transsubstantiation des Brotes in den Leib und des Weines in das Blut Christi stattfindet. Damit war die überlieferte Glaubenslehre zugleich definiert und formuliert gegenüber verschiedenen spiritualistischen, dualistischen und anderen Sekten des Mittelalters: den Bogomilen, Paulizianern, Albigensern, Katharern, Heinrizianern, Petrobrusianern, Flagellanten usw., welche die wirkliche Gegenwart des Leibes Christi in der Eucharistie leugneten.

IV. Sog. Vorreformatoren und Protestantismus. Im Spätmittelalter kehrt bei Wiclif und Hus der Symbolismus Berengars wieder. Nach Wiclif fügt die conscratio zum esse naturale des Elementes das superadditum sacramentale, wodurch das Brot zum Zeichen der Herrenleibes wird. Die Husiten traten vor allem für Empfang der Kommunion unter beiden Gestalten ein. Von einem eigentlichen Abendmahlsstreites aber kann man erst wieder zur Zeit der Reformation reden.

Luther und der Papst: Luther als Mönch, von Lucas Cranach dem Älteren porträtiert

Luther (und Melanchthon) vertrat unter dem Eindruck der Einsetzungsworte stets die reale Gegenwart des Herrenleibes, verwarf aber die Transsubstantiation und bekannte sich zu Konsubstantiation, nach der Leib und Brot eine Einheit bilden und der Leib in, unter und mit der noch vorhandenen Brotsubstanz empfangen wird. Die Möglichkeit der realen Gegenwart des Leibes im Sakrament sieht er mit Occam in der Ubiquität des Leibes Christi begründet. Ihm gegenüber vertraten Zwingli, Ökolampadius, Karlstadt und Butzer die symbolische Auffassung. Insbesondere Zwingli leugnete die Allgegenwart des Leibes Christi und damit auch seine Gegenwart im Sakrament. Nach ihm ist das Abendmahl eine Erinnerung an unsere Erlösung durch Christi Tod.

Die 1524-152 zwischen Luther und Zwingli geführte Kontroverse war ergebnislos. Weder das Marburger Religions-Gespräch (Oktober 1529) noch die Wittenberger Konkordien-Formel (1536) erzielten eine Einigung. Calvin verwarf ebenfalls die Allgegenwart des Leibes Christi. An den Himmel gebunden, könne er auf Erden nur seiner Kraft nach gegenwärtig sein. So wird für Calvin das Sakrament zum Zeichen, bei dessen Genuss den Auserwählten die Gnade des Leibes Christi dargeboten wird. –

Bei den jüngeren protestantischen Sekten ist das Abendmahl vielfach nur Danksagungs- und Bekenntnis-Zeremonie. Ferner macht sich unter dem Einfluss der Theosophie auch die mystische Auffassung von Ötinger und Baader geltend. Doch huldigt die Mehrzahl der Protestanten der dynamischen (calvinischen) und symbolisch-spiritualistischen (zwinglianischen) Auffassung. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. I, 1930, Sp. 19 – Sp. 21

Bildquellen

  • 343px-Luther_Cranach_the_Elder_BM_1837-0616.363: wikimedia
Tags: Sekten
Buch mit Kruzifix
Alarich
Buch mit Kruzifix
Vandalen

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Regalienrecht

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Regalienrecht Regalienrecht bezeichnet dem Wortlaut nach das Recht auf die Regalien, d. h. auf gewisse, dem König (bzw. Staatsoberhaupt) zustehende oder vorbehaltene Rechte. Der Begriff der Regalien ist indes auch bei den modernen Staatsrechts-Lehrern…
Buch mit Kruzifix

Hexen

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hexen und Hexenglaube Der Hexenglaube Hexen (sagae) heißen nach dem Volksglauben solche Personen, welche durch Übereinkunft mit dem Teufel imstande sind, anderen Schaden zuzufügen. Es sollen dies vorzugsweise weibliche Personen jedes Alters sein; nur…
Buch mit Kruzifix

Karl Martell

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Karl Martell Karl Martell (= der Hammer), Hausmeier 714 bis 741, * um 688 als Sohn Pippins des Mittleren und seiner Nebenfrau Chalpaida oder Alpais, † 22.10.741 zu Quiercy. Er entriß der Witwe Pippins,…
Buch mit Kruzifix

Rampolla

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Rampolla Rampolla, Mariano, del Tindaro, * 17.8.1843 zu Polizzi (Sizilien), † 16.12.1913 zu Rom; 1866 Priester, seit 1869 an der römischen Kurie, 1875 an der Nuntiatur Madrid, 1877 wieder an der Kurie, 1882 Titular-Erzbischof…
Buch mit Kruzifix

Konrad Martin

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Konrad Martin Martin, Konrad, * 18.5.1812 zu Geismar (Eichsfeld), 1836 Priester, Rektor des Progymnasiums zu Wipperfürth, 1840 Religionslehrer am Marzellen-Gymnasium in Köln, 1844 ao. Professor der Moral und Pastoral und Inspektor des theologischen Konvikts…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Menander

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Menander Menander (Menandros), gnostischer Sektenstifter, *zu Kapparetäa in Samarien, Schüler Simons des Magiers, von dem er jedoch in der Auffassung von der Erlösung (Unsterblichmachung durch die ihm eigene Taufe) und in der Ablehnung des Libertinismus abwich. Er wirkte in Antiochia; seine kleine Sekte erhielt sich bis ins 6. Jahrhundert.…
Buch mit Kruzifix

Ophiten

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ophiten Ophiten (Ophianer, Serpentini, Schlangenbrüder), eine gnostische Sekte, die von der Schlange ihren Namen erhielt. Die Schlange spielte nämlich eine Hauptrolle in ihrem System, insofern sie den Fall des Menschen veranlasst hat, der aber für sie der Übergang zur Gnosis ist. Ophiten-Diagramm (Rekonstruktion) Die Sekte bestand jedenfalls schon um…
Buch mit Kruzifix

Deutschkatholizismus

Freigeist
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Deutschkatholizismus Deutschkatholizismus. Die seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr ins kirchliche Leben eingedrungene rationalistische Welle, gegen welche um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in extremer Gegenwirkung die aftermystische Bewegung eines Martin Boos, Joh. Gossner, Ignaz Lindl, der Pöschlianer, Maurerianer, Michaelsritter, Manharter und Salpeterer entstand, und vergebens…
Buch mit Kruzifix

Novatian

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Novatian Novatianer (Novatiani oder Novatianenses), Sekte aus der Mitte des 3. Jahrhunderts, empfing Namen und Ursprung von Novatian (der von Eusebius und den späteren Lateinern überlieferte Namen „Novatus“ ist falsch). Trotz seiner klinischen Taufe (Eusebius, HE VI 43) gewann Novatian dank seiner philosophischen Durchbildung (Kenntnis besonders der Stoiker: Cyprian,…
Buch mit Kruzifix

Montanismus

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Montanismus Montanismus, schwärmerische Sekte, die sich zunächst als eine aszetisch-eschatologische Erweckungs-Bewegung innerhalb der Kirche offenbarte, aber auch eine gefährliche Häresie war. Obschon sie das Glaubens-Bekenntnis nicht änderte, wollte sie doch die christliche Offenbarung durch eine vollkommenere, von neuen Propheten verkündete ersetzen und diesen inspirierten Sehern die oberste kirchliche Leitung…
Buch mit Kruzifix

Sozinianismus

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Sozinianismus I. Der Begründer des Sekte des Sozinianismus ist Faustus Sozinus (Fausto Sozzini), * 1539 zu Siena, † 3.3.1604 zu Luclawice bei Krakau (hier Denkmal). Er studierte die Rechte, wandte sich aber bald unter dem Einfluß seines Oheims Lälius ausschließlich der Theologie zu. Als Lälius 1562 starb, erbte Faustus…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner