Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Parusie

Parusie (Anwesenheit, Ankunft), ein Ausdruck, der in der frühesten evangelischen Überlieferung nur in (griech.) Mt. 24, 3, 27, 37, 39 vorkommt, sonst dafür „Tag(e) des Menschensohnes“ (Lk. 17, 24), „jener Tag“ (Lk. 17, 31). Aber schon Paulus, wohl in Anlehnung an den profanen technischen Gebrauch (= offizieller, also feierlicher Besuch des Herrschers oder seines Stellvertreters), wendet ihn an (1. Thess. 2, 19; 3, 13; 4, 15; 5, 23; 2. Thess. 2, 1 u. 8; 1. Kor. 15, 23) als kurzen Ausdruck für gewisse Selbstaussagen Jesu über seine Wiederkunft.

Jesus wird einst als „der Herr“ („Tag des Herrn“: 1. Kor. 5, 5; 1. Thess. 5, 2; 2. Thess. 2, 2; 2. Petr. 3, 10) mit großer Macht in göttlichem Glanz (Mt. 24, 30; 16, 27; 25, 31; 26, 64) zum Gericht kommen, die Feinde Gottes verurteilen und bestrafen, seine treuen Diener in der Glorie Gottes ewig beseligen (die „eschatologische“ Rede oder die „synoptische“ oder „kleine Apokalypse“ Mk. 13; Mt. 24-25; Lk. 21, 5-36 mit 17, 20-37); wegen der Beseligung spricht Paulus von „unserer Erlösung“ (Röm. 13, 11) und vom „Tag des Loskaufs“ (Eph. 4, 30). Diese Lehre zählt zu den Grundlagen des Christentums, von Jesus selbst und den Aposteln eindringlich verkündigt.

Sie baut auf der alttestamentlichen Lehre vom „Tag des Herrn“ auf, führt sie aber der Vollendung zu; das große Neue ist, dass Jahve sein Gericht durch seinen Sohn als den verherrlichten Gottmenschen vollziehen wird. Der Parusie gehen Vorzeichen voran: Verkündigung des Evangeliums bei allen Völkern (Mk. 13, 10; Mt. 24, 14), die Bekehrung der Juden (Röm. 11), Auftreten von Verführern (Mk. 13, 5f) und großer Abfall vom christlichen Glauben und Leben (Mt. 24, 4ff; Lk. 17, 26ff; 2. Thess. 2, 3ff), das Wirken des Antichrists, Wiedererscheinen des Elias (Mt. 17, 11; vgl. Mal. 4, 5f; Sir. 48, 10), ferner Umwälzungen in der Menschheit und verschiedene Katastrophen in der Natur (Mk. 13, 7f).

Doch sind diese letzteren nur „der Anfang der Wehen“ (Mk. 13, 8) und alle Zeichen nur negativ zu werten, d. h. als Zeitgrenze, vor der die Parusie nicht erfolgt.

Das „Zeichen des Menschensohnes“ (Kreuz?) zählt wohl schon zur Parusie. Diese selbst wird, wie auch die Vorzeichen, überall im Neuen Testament mit den Farben der alttestamentlichen Prophetie und der spätjüdischen Eschatologie geschildert. Der Zeitpunkt der Parusie ist unbekannt (Mt. 24, 36 u. 42 u. 44; Apg. 1, 7); sie wird plötzlich erfolgen (1. Thess. 5, 2f; 2. Petr. 3, 10; Mt. 24, 37-42 u. 50; Apk. 3, 3; 16, 15); daher die Aufforderung, stets wachsam zu sein (Mt. 24, 44; 25, 13 u.ö.). Selbst der „Sohn“ (Mk. 13, 32) kennt den Zeitpunkt nicht, d. h. wohl: zur größeren Verherrlichung des Vaters kann der Gottmensch keinen Gebrauch davon machen (scientia non communicabilis).

Außerdem folgt Jesus in der eschatologischen Rede des alttestamentlichen Propheten (vgl. z.B. Joel 2, 28-32), wenn er, auch entsprechend der an ihn gerichteten Frage (Mk. 13, 4), keine Trennungslinie zieht zwischen dem in den Ablauf der Menschheits-Geschichte fallenden göttlichen Strafgericht (Fall Jerusalem) und dem Endgericht. In beiden Fällen spricht er von „jenem Tag“ („jenen Tagen“) und von seinem „Kommen“. Aussprüche wie Mk. 13, 30 und Parallele, Mt. 10, 23 u. Mk. 9, 1 beweisen daher keinesfalls, dass Jesus die Parusie irrtümlich für nahe bevorstehend gehalten habe, auch wenn sie alle auf die Parusie zu beziehen wären.

Paulus lehrte sowohl die zeitliche Ungewissheit der Parusie (1. Thess. 5, 2; 1. Tim. 6, 14f) wie auch ihre zeitlichen Bedingtheit, d. i. nach der Bekehrung der Heiden und Israeliten (Röm. 11, 25f). Zwar ist der messianische Äon bereits angebrochen (1. Kor. 10, 11; sachlich dasselbe wie der alt-testamentlichen Ausdruck die „letzten Tage“ in 1. Tim. 4, 1; 2. Tim. 3, 1; Hebr. 1, 2; 1. Petr. 1, 20; 2. Petr. 3,3; vgl. 1. Joh. 2, 18 u. Jud. 18), um sich voll zu entfalten, der widergöttliche Äon ist im Absterben begriffen.

Die Sehnsucht, von allem Übel befreit und bei Christus zu sein, ließen den hl. Paulus den hl. Paulus (ähnlich die andern Apostel) mehrfach der Hoffnung Ausdruck geben, der Tag des Herrn werde bald kommen (bes. in 1. Thess. 1, 10; 3., 12f; 1. Kor. 1, 7f; 4, 5; 7, 29-31), was früh zu Missverständnissen führte (2. Thess. 2; 2. Petr. 3).

Indes verrät sich die Ungewissheit über den Zeitpunkt der Parusie durch sein ganzes Schrifttum hin (vgl. 1. Thess. 4, 15 mit 5, 10; 1. Kor. 15, 21 mit 6, 14; 2. Kor. 1, 13f mit 5, 1-10; Röm. 13, 11 mit 8, 11; 1. Tim. 6, 14 u. Tit 2, 12f mit 2. Tim. 4, 6-8; dazu Phil. 1, 20- 25 ; 3, 11, so dass von einem Irrtum des Apostels in Gedanken oder Lehre nicht die Rede sein kann (Dekret der Bibelkommission v. 18.6.1915) …

Auf den einzelnen Christen angewendet, treffen die Hinweise auf die Kürze der Zeit (1. Kor. 7, 29 u.a.) immer zu, dass für ihn sein Todestag auch den Parusietag bedeutet. –aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 990 – Sp. 991

Buch mit Kruzifix
Valentinian
Buch mit Kruzifix
Deismus

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Hugenotten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hugenotten Hugenotten. Das Wort Huguenots, seit etwa 1560 Name der französischen Calviner, ist vermutlich eine Französierung von eignots, der genfischen Bezeichnung für Eidgenossen; von Genf aus wurde nämlich die Protestantisierung Frankreichs hauptsächlich betrieben. –…
Buch mit Kruzifix

Eudoxius

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Eudoxius Eudoxius, einflußreicher arianischer Bischof, * ca. 300 zu Arabissus (Kappadokien), † 370 als Bischof von Konstantinopel. Wahrscheinlich in der antiochenischen Schule gebildet (lucianischer Einfluß), wurde Eudoxius nach 330 Bischof von Germanicia, nahm als…
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Prosper von Aquitanien Prosper, Tiro, von Aquitanien, der hl., der hoch verdiente Verteidiger der Gnadenlehre des hl. Augustinus, stammte aus der Landschaft des südlichen Galliens, welche ihm seinen Beinamen gegeben hat, ohne daß es…
Buch mit Kruzifix

Kainiten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Kainiten Kainiten, 1) Nachkommen Kains. – 2) Gnostische Sekte. Zweig der Ophiten, für die 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts bezeugt von Irenäus, auch von Epiphanius erwähnt. In Konsequenz ihrer gnostischen Ansicht vom bösen Gott…
Buch mit Kruzifix

Maxentius und Maximian

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Maxentius und Maximian römische Kaiser und Christenverfolger Maxentius, römischer Kaiser 306-312, * um 279 als Sohn des Maximianus Herkulius, ließ sich 306 gegen den zum Cäsar des Westens bestellten Severus in Rom als Augustus…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Judenchristen

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Judenchristen Judenchristen, die aus dem Judentum hervorgegangenen Christusgläubigen der apostolischen und nachapostolischen Zeit. Die Urgemeinde in Jerusalem hielt streng konservativ am jüdischen Gesetz und Kult fest (Apg. 2,46; 3,1: 5,12; 10,14; 21,20-24). Die Forderung der Gesetzesbefolgung an die Heidenchristen in Antiochia durch Judaisten aus Jerusalem (Apg. 15,1 u. 5)…
Buch mit Kruzifix

Moab

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Moab Moab, im Alten Testament 1. Name eines Stammvaters, des Sohnes Lots von seiner älteren Tochter (Gen. 19, 37); 2. eines von diesem abstammenden Volkes (zuerst Ex. 15, 15 u. ö.), sonst Moabiter genannt (Gen. 19, 37); 3. des von letzteren bewohnten Landes (Gen. 36, 35), welches in der…
Buch mit Kruzifix

Leviratsehe

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Leviratsehe Leviratsehe (lateinisch levir = Schwager), Schwagerehe, die Ehe, die der Bruder eines ohne männliche Nachkommen verstorbenen Ehemannes mit dessen Witwe eingehen musste. Das Recht der Leviratsehe bestand schon zur Zeit der Patriarchen und wurde streng aufrecht erhalten (Gn. 38); es galt auch bei anderen Völkern (Hethiter, Assyrer, Inder)…
Buch mit Kruzifix

Kanaan

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Kanaan Kanaan, Name des dem Volke Israel verheißenen Landes, der im engeren Sinne für die Meeresküste (Jos. 13, 4; Soph. 2, 5 u. ö.), im weiteren für das Westjordanland (Nm. 32, 29f; Jos. 22, 9. 32) steht, ähnlich dem Namen Palästina (= Philistäa). Nm. 34, 3-12 werden die Grenzen…
Buch mit Kruzifix

Diderot

Freigeist
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Diderot Diderot, Denis, philosophischer Schriftsteller, * 5.10.1713 zu Langres, † 31.7.1784 zu Paris. Sein Essai sur le mérite et la vertu (Paris 1745), eine freie Bearbeitung der betrefflichen Schrift Shaftesbury`s lehrt einen Deismus, der die christliche Offenbarung als möglich zuläßt, sofern sie die notwendige Bedingung für ein durch Tugend…
Buch mit Kruzifix

Quesnel

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Quesnel Quesnel, Paschasius, Jansenist, * 14.7.1634 als Sohn eines Pariser Buchhändlers schottischer Herkunft, † 2.12.1719 zu Amsterdam; studierte bei den Jesuiten und an der Sorbonne, trat 1657 ins Oratorium ein, das er 1685 wieder verließ. Das 1650 von Nic. Jourdain für die Oratorianer gedruckte Betrachtungsbuch Verbi incarnati verba bearbeitete…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner