A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Kirchenaustritt

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Kirchenaustritt

Kirchenaustritt. 1) Durch die gültige Taufe, auch wenn durch Häretiker oder Schismatiker gespendet (Ketzertaufe), wird der Mensch von Rechts wegen Mitglied der von Christus gestifteten Kirche mit allen Rechten und Pflichten (persona in ecclesia Christi, can. 87). Die so erlangte Mitgliedschaft ist nach Pflicht und Eignung unverlierbar und unentziehbar, weil durch die Taufe der Seele ein unauslöschlicher Charakter eingeprägt wird. Einen kanonisch rechtswirksamen Kirchenaustritt gibt es daher nicht. Die Kirche hat nie Bestimmungen und Bedingungen über den Austritt und den Übertritt zu einer anderen Religions-Gesellschaft festgesetzt; das kanonische Strafrecht hat auch kein eigenes Delikt des Kirchenaustritts statuiert. Jedoch ist der schriftlich oder mündlich beim Pfarramt oder in der staatlich vorgesehenen Form tatsächlich erklärte Austritt aus der Kirche, mit oder ohne Übertritt zu einer anderen Religions-Gesellschaft, ein Delikt gegen den Glauben und die Einheit der Kirche (Apostasie, Häresie oder Schisma) bzw. wird als solches von den kirchlichen Behörden aufgefaßt (auch wenn nur aus Verärgerung oder zwecks Befreiung von der Kirchensteuer vollzogen), hat den Verlust der kirchlichen Mitgliedschaftsrechte (nicht der Mitgliedschaft selbst) zur Folge und zieht die Exkommunikation latae sententiae, dem Apostolischen Stuhl speziell reserviert, nach sich (vgl. can. 2314). Daher kann die Wiederaufnahme nicht lediglich in foro interno geschehen; sie bedarf auch der Absolution von der Exkommunikation in foro externo.

2) Der christliche Staat des Mittelalters kannte keine Vorschriften über den Kirchenaustritt, bestrafte aber dieses Delikt als Apostasie. Erst das moderne, auf weltanschaulich neutraler Grundlage ruhende Staatsrecht nimmt es für sich in Anspruch, den Kirchenaustritt und seine Formalitäten zu regeln. Die Erklärung des Kirchenaustritts bewirkt staatlich den Wegfall der Kirchensteuerpflicht.

aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. V, 1933, S. 985

Sicher ist, daß in früheren Jahrzehnten solche, die aus der Kirche austraten, als Apostaten betrachtet wurden. Dies geschah mit vollem Recht. Wer eben damals aus der Kirche austrat, der gab nach damaliger allgemeiner Auffassung kund, daß er dem Christentum den Rücken kehre. Unterdessen haben sich aber die Verhältnisse geändert. Diese Veränderung wurde herbei geführt, z.T. weil die Mitglieder der Kirche zu Kirchensteuern heran gezogen wurden, z.T. auch weil ein „kirchenfreies Christentum“ propagiert wurde. Da kam es vor, daß manche um irdischer Vorteile willen aus der Kirche austraten und dabei, vielleicht sogar vor Zeugen, erklärten, sie wollten nach wie vor alles glauben, was die Kirche lehrt. Da erhob sich nun die Frage, wie solche Leute zu behandeln sind: als Apostaten oder als Schismatiker. Manche meinten allerdings auch, solche Leute, die aus der Kirche austreten, um keine Kirchensteuern zu bezahlen, seien entweder Schismatiker noch Apostaten; die Betreffenden würden nämlich nur aus der Kirchengemeinde als Steuerverband austreten. Demgegenüber bemerkt bemerkt Hagen mit recht, daß die Kirchengemeinde als Steuerverband kanonisch überhaupt nicht besteht. Ein Austritt kann deshalb nur ein Austritt aus der Gesamtkirche sein. Auf diese Austrittserklärung hin wird dann der Betreffende in den staatlichen Registern gestrichen als Mitglied der katholischen Kirche, nicht etwa bloß als Mitglied des kirchlichen Steuerverbandes N. Damit erlischt dann vor dem Staat nicht bloß die Pflicht, die Kirchensteuern zu bezahlen, sondern auch alle mit der persönlichen Kirchen-Mitgliedschaft verbundenen und vom Staat geschützten Recht und auch die vom Staat anerkannten Pflichten: aktives und passives Wahlrecht, Recht auf ein Grab auf einem konfessionellen Friedhof und das Grabgeläute, …
Ich glaube aber daselbst gezeigt zu haben, daß jemand, der nur zum Schein vom Glauben abfällt, innerlich aber alles glaubt, was die Kirche zu glauben vorstellt, in Wirklichkeit kein Häretiker und kein Apostat ist, und daß er – wenn er den Beweis dafür erbringt, daß er immer alles geglaubt hat – auch im Rechtsbereich nicht als Häretiker oder Apostat betrachtet wird. Wer sich aber von der Kirche trennt, der ist ein Schismatiker, auch wenn er alles glaubt, was die Kirche zu glauben vorstellt (schisma purum). Deshalb sind auch die Leute, die aus der Kirche austreten, um keine Kirchensteuer zu bezahlen, oder um aus Streberei den Kreisen näher zu kommen, die ein „kirchenfreies Christentum“ propagieren, Schismatiker… Das Schisma besteht eben in der äußeren Trennung von der Kirche ohne Rücksicht darauf, wie jemand gesinnt ist. Ist also jemand, der aus der Kirche austritt, ein Apostat, dann verfällt er auch im Rechtsbereich den Kirchenstrafen nicht, wenn er beweist, daß er immer alles geglaubt habe; ist er aber ein Schismatiker, dann verfällt er, ungeachtet dieses Beweises, sowohl im Rechtsbereich als auch im Gewissensbereich den Kirchenstrafen.

aus: Heribert Jone O.F.M.Cap., Gesetzbuch der lateinischen Kirche, Erklärung der Kanones II. Band Sachenrecht, 1952, S. 541-542

Buch mit Kruzifix
Eutychius
Buch mit Kruzifix
Tipasa

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Waldenser

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Waldenser Waldenser, auch Waldesier, mittelalterliche Sekte, benannt nach ihrem Stifter Waldes (Valdus, Valdesius) – der Vorname Petrus wird erst 1368 erwähnt – aus Lyon. Nach den sich ergänzenden Berichten im Chronicon universale anonymi Laudunensis…
Buch mit Kruzifix

Annunziaten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Annunziaten Annunziaten, Orden von der Verkündigung Mariä: 1. Französische Annunziatinnen, von der hl. Johanna von Valois, der verstoßenen Gemahlin Ludwigs XII. v. Frankreich, aus ihrem Abfindungsgut in Bourges als beschaulichen Büßerinnen-Orden 1501 gegründet und…
Buch mit Kruzifix

Hettinger

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Hettinger Hettinger, Franz, * 13.1.1819 zu Aschaffenburg, † 26.1.1890 zu Würzburg; studierte in Aschaffenburg (1836), Würzburg (1839), Rom (1841 bis 1845), 1843 Priester, 1847 Assistent und 1852 Subregens am Priesterseminar zu Würzburg, 1856 ao.,…
Buch mit Kruzifix

bona fides

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: bona fides Bona fides (guter Glaube), a) in der Moral bedeutet eine an sich und ursächlich unverschuldete irrige Überzeugung von der Erlaubtheit eines objektiv sündhaften Verhaltens oder von der Rechtmäßigkeit eines objektiv unrechtmäßigen Besitzes.…
Buch mit Kruzifix

Monistenbund

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Monistenbund Monistenbund. Die Verbreitung des Schrifttums E. Haeckels und der Kampf gegen den wissenschaftlich, kulturell und politisch stetig wachsenden Einfluss der christlichen Kirchen in Deutschland, besonders auch der katholischen, führten seit 1900 die Vertreter…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Pedro de Luna

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Pedro de Luna Benedikt XIII., Gegenpapst in Avignon, 28.9.1394 bis 26.7.1417, vorher Pedro de Luna, aus aragonischem Adel, sittlich unbescholten, doch ehrgeizig und starrköpfig, Lehrer des kanonischen Rechts in Montpellier und angesehener Jurist, 1375 Kardinal bei Gregor XI., nach Ausbruch des Schismas eifriger Parteigänger Klemens VII. von Avignon, der…
Buch mit Kruzifix

Goffine, Leonhard

Biographie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Goffine Goffine, Leonhard, OPraem, religiöser Volksschriftsteller, * 6. 12.1648 zu Köln, 1669 Ordensprofess in Steinfeld, 1676 Priester, tätig bei den Prämonstratenserinnen in Dünnwald und Ellen, 1680-1685 Novizenmeister; dann Pfarrer in Klarholz, Niederehe, Coesfeld, Wehr, Rheinböllen und (seit 1696) in Oberstein an der Nahe; † ebd. 11.8.1719. Sein Hauptwerk ist…
Buch mit Kruzifix

Lessius

Orden und Ordensleute
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Lessius Lessius (Ley), Leonhard, SJ (seit 1572), scholastischer Theologe, * 1.10.1554 zu Brecht bei antwerpen, lehrte 1574-1581 Philosophie in Douai, studierte 1583-1584 in Rom Theologie unter Suarez, lehrte 1585 bis 1600 Theologie am Jesuitenkolleg zu Löwen, † ebd. 15.1.1623. Lessius litt lebenslang an einer schmerzlichen Krankheit, die er sich…
Buch mit Kruzifix

Ignaz Aurel Feßler

Apostat
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ignaz Aurel Feßler Feßler, Ignatius Aurelius, Exkapuziner und Apostat, verdient als lehrreiche Illustration der josephinischen Aufklärung einige Beachtung. Er war 1755 zu Czurendorf in Ungarn geboren und verbrachte seine Jugendjahre in Preßburg und Raab. Seine Mutter hatte eine besondere Vorliebe für die Lutheraner, deren religiöse Versammlungen sie oft in…
Buch mit Kruzifix

Fideismus

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Fideismus Fideismus, auch Symbolofideismus, nannte sich die Anschauung der Professoren der 1877 gegründeten Pariser protestantischen theologischen Fakultät Louis Aug. Sabatier und Eugène Ménégoz (1838-1921) über das Verhältnis von Glaube und Dogma. Um die Religion dem modernen Menschen wieder nahe zu bringen und die Kluft zwischen der reformierten Orthodoxie und…
Buch mit Kruzifix

Bayle

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Bayle Bayle, Pierre, Philosoph, Historiker, Journalist, * 18.11.1647 zu Carlat-le-Comte (Comté de Foix) bei Pamiers (Denkmal), † 28.12.1706 zu Rotterdam. Empfing die erste Bildung durch seinen Vater, den calvinistischen Prediger Jan Bayle, und auf der Akademie zu Puylaurens, die philosophische besonders bei den Jesuiten in Toulouse. Hier wurde er…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner